Einmal im Jahr kommt sie «nach Hause» – ins Dorf im Freiburger Greyerzerland. Mann und Sohn erwarten sie jeweils an der Haltestelle des Postautos. Erhobenen Hauptes steigt Christine dann aus dem Bus und rückt den Bubu, wie man ihr buntes Gewand in Afrika nennt, zurecht. Mit strahlendem Lächeln breitet sie ihre Arme weit aus und begrüsst und herzt die beiden Männer. Didier, ihr Sohn, nimmt den Koffer, Paul, ihr Mann, die Tasche. Dann gehen die drei langsam zur Jolie Vue, zum Haus, in das Christine vor fast dreissig Jahren gekommen ist. Als angehende Ehefrau von Paul.

«Wir waren beide so naiv», erinnert sich die Lehrerin aus dem Senegal. «Als ich das Foto meines zukünftigen Mannes sah, gefiel er mir. Aber was wusste ich schon über das Land, in dem er lebte? Ich konnte mir nicht vorstellen, was in einem so kleinen Schweizer Dörfchen passieren kann, wenn eines Tages eine Negerin die Kühe auf die Weide treibt.» Ein wenig hilflos lässt sie beide Hände in den Schoss fallen und sagt: «Ich habe das Wort "Negerin" sehr bewusst gewählt. Denn Rassismus ist stets mit ganz bestimmten Worten verbunden. Am Anfang habe ich nicht verstanden, was hinter dem Wort stand. Aber dann habe ich es so oft zu hören bekommen, dass ich begriffen habe.»

In den späten sechziger Jahren hatten einige Greyerzer Bauern die Idee, sich für ihre frauenlosen Höfe Gattinnen im fernen Afrika zu suchen. So seltsam die Idee heute klingt – damals erschien sie als gangbarer Weg. Der Alltag war dann allerdings eine andere Sache. Christine lacht. «Ich hatte noch nie Schnee gesehen, und ich kam im Februar in Sandalen an.»

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Paul guckt sie ein wenig traurig an und erzählt: «Christine las Bücher. Ich las einmal in der Woche die "Bauernzeitung".» Die Mutter – «Gott hab sie selig!» – habe Christine angesehen und gesagt: «Das ist ja alles schön und gut – bloss: Kann sie auch Kühe melken?»

Kulturkonflikt am Küchentisch
Konnte sie nicht, hat sie aber gelernt. So wie sie auch alles andere lernte, was eine rechte Greyerzer Hausfrau können muss. Auch heute noch meint Paul: «Christine war mir eine gute Frau und Didier stets eine gute Mutter.» Weshalb also ist sie trotzdem zurück nach Dakar gegangen? Christine schaut mich lange an und sagt: «Es begann mit dem Essen: Weizen statt Hirse, ungewohntes Fleisch, weit und breit keine Meerestiere. Und es endete damit, dass ich meine Hautfarbe weder wegwaschen konnte noch wollte.»

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Christine blieb dennoch über zwanzig Jahre lang in der Schweiz, arbeitete mit ihrem Mann auf dem Hof, zog den Sohn gross. Als dieser seine Lehre als Bauer und Käser abgeschlossen hatte, ging sie nach Dakar zurück. «Es hat uns allen weh getan, aber weit weniger, als wenn ich hier geblieben wäre.» Trotzdem: Jedes Jahr, wenn im Greyerzerland der Frühsommer einkehrt, zieht es sie dorthin zurück. «Die Blumen, die Düfte, die Glocken der Kühe – und mein Lieblingsberg, der Moleson…» Nach ihrer Ankunft ziehen Paul und Didier und sie jeweils zusammen auf die erste ihrer Alpen – mit Hausrat und Kühen.

Der dunkelhäutige Didier im blendendweissen Käserdress beim Verarbeiten der Milch – ein ungewohnter Anblick. Exotisch auch, wenn Christine im schreiend-bunten Bubu aus der Alphütte tritt und die Feuillete au jambon zum Mittagessen aufträgt. «Wenn ich dann wieder für ein Jahr in den Senegal zurückfliege, nehme ich all das mit», sagt Christine und zeigt mit einer weiten Handbewegung auf die sonnenüberfluteten Blumenwiesen. «Nach einigen Wochen in Dakar habe ich immer Heimweh nach dem Greyerzerland.»

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