Als Wirt muss man mit Leidenschaft und Herzblut bei der Arbeit sein», sagt Annamarie Leuzinger, «sonst gehts nicht.» Sie muss es wissen. Seit 37 Jahren ist die 52-jährige Glarnerin im Gastgewerbe tätig, seit 2006 führt sie das Gasthaus Richisau. Und das mit Leib und Seele.

Das «Richisau» liegt auf der höchsten Talebene des Klöntals an der Strasse zum Pragelpass, eingerahmt von Glärnischmassiv, Silberen und Ochsenkopf. Es wurde 1987 an der Stelle gebaut, wo früher das gleichnamige Molkenkurhotel stand, das 1915 abbrannte. Das Gebäude gilt als gelungenes Beispiel moderner alpiner Architektur, 2004 wurde es ins Verzeichnis der schönsten Hotels des Schweizerischen Heimatschutzes aufgenommen.

Als Erstes stechen dem Besucher die drei wuchtigen Betonzacken ins Auge, die roten Klappläden und die riesigen Holzstapel. Im Gebäudeinnern dominieren Sichtbeton, Buchenholz und viele Kunstwerke aus dem vorletzten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Denn ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trafen sich in Richisau viele Künstler wie Rudolf Koller, der die berühmte «Gotthardpost» malte. Oder Hermann Goetz, der hier seine Oper «Der Widerspenstigen Zähmung» komponierte. «Viele Gäste wünschen, im Zimmer Nummer 18 mit dem Wotruba zu übernachten», sagt Wirtin Leuzinger und meint damit den bekannten österreichischen Bildhauer Fritz Wotruba, von dem zwei Lithografien in Nummer 18 hängen.

Kunst gibt es auch rund um das Gasthaus herum. Etwa Skulpturen von Kurt Sigrist und Roman Signer. Oder der blaue Granitblock aus Brasilien, den der österreichische Bildhauer Karl Prantl während vier Sommern im «Richisau» bearbeitete. Der Stein liegt unter uralten Ahornbäumen. «Ein Kraftort», sagt Annamarie Leuzinger. «Wegen seiner Energie kommen hin und wieder Gäste und umarmen einen Baum. Ich muss das nicht. Ich habe die Bäume jeden Tag um mich herum», schmunzelt sie. Wir verzichten ebenfalls auf eine Umarmung und gehen in die Gartenwirtschaft, die zwischen dem Ahornhain und dem Gasthaus liegt.

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«Haberfrässär» und «Gflügligi»

Hier sitzen wir auf Landi-Stühlen und trinken zum Apéro eine Flasche «Fridli Gold», auf der die hauseigene Bieretikette klebt. Eine Besonderheit, aber nicht die einzige, über die wir uns freuen: Es fehlen die im Tal sonst so verbreiteten Sonnenschirme bekannter Glace- oder Biermarken und die billigen Tischsets. Auch die Gläser und die Dessertkarte kommen ohne Fremdwerbung aus. «Eine Auflage der Stiftung, der das Gasthaus gehört», erklärt Leuzinger. «Viele Gäste schätzen das.»

Die Auswahl der Speisen ist gross. Sportliche und Linienbewusste können wählen zwischen acht verschiedenen Fitnesstellern wie «de Haberfrässär» oder «de Gflügligi». Auf der Speisekarte sind die Fitnessteller als einzige Gerichte im Glarner Dialekt beschrieben. «Früher war die gesamte Menükarte in Mundart abgefasst», sagt die Wirtin. «Doch das gab immer Probleme mit den Engländern, weil die kein Wort verstanden.»

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Auf der Speisekarte sind natürlich auch Glarner Spezialitäten wie Netzbraten mit Kartoffelstock oder Zigerhörnli mit Apfelmus vertreten. Das Rindsfilet «Sajana» mit drei verschiedenen Saucen sei eine Hommage an ihre drei Enkel Samyra, Jana und Jan, die sie während der anstrengenden Sommersaison leider viel zu wenig sehe, sagt Annamarie Leuzinger.

Lokale Sage und persisches Märchen

Eine Gaumenfreude war das Schweinsfilet «Richisau» an Zigercognacsauce mit Rotwein-Zwetschgen und Butterrösti (siehe Rezept). Ebenso das Kalbs-Cordon-bleu «Fledermaus» mit Gemüse und Pommes frites. Zu beidem passt ein Wein aus der Bündner Herrschaft, von dem mehrere Sorten im Weinkeller liegen.

Zusammen mit ihrem Koch Jean-Pierre Steiger, der das Winterhalbjahr jeweils in der Dominikanischen Republik verbringt, kreiert Annamarie Leuzinger immer wieder Neues. Zum Beispiel Tomatensuppe mit Gin und Pfefferminze. Oder Ananassuppe mit rosa Pfefferkörnern. Und wer «Sharazyrah’s oder Schartli Häxli’s Zaubersäckli» bestellt, bekommt nicht nur ein feines Dessert, sondern auch noch die Sage über eine verwunschene Königstochter aus dem fernen Persien erzählt.

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Rezept für 4 Personen

Sauce: 40 Gramm gehackte Zwiebeln mit 20 Gramm Butter andämpfen. Mit einem Schuss Cognac ablöschen. Kurz köcheln lassen, dann die Zwiebeln absieben. Sud mit 1 Deziliter Bratensauce und 2 Deziliter Halbrahm aufkochen. Mit Salz und Pfeffer würzen. 2 Esslöffel Zigerbutter beifügen. Sämig rühren.

Zwetschgen: 1 Esslöffel Zucker, 1 kleine Zimtstange und 1 Gewürznelke in vier Deziliter gutem Rotwein aufkochen. Vom Herd nehmen. 24 gedörrte Zwetschgen beigeben und eine Viertelstunde ziehen lassen.

Fleisch: 700 Gramm Schweinsfilet in acht Stücke schneiden, auf jeder Seite in Bratbutter rund drei Minuten braten. Salzen und pfeffern.

Empfohlene Beilage: Butterrösti

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Von Glarus fährt ein Bus in den Weiler Richisau im Klöntal, von Juni bis Oktober gibt es Anschluss Richtung Muotathal.

Klöntalersee
Sieben Busminuten von Richisau entfernt, lädt der Klöntalersee zum Baden ein. Auf seiner glatten Wasseroberfläche spiegeln sich die umliegenden Berge. Ein Felsweg führt am rechten Seeufer entlang.

Wanderungen
Richisau ist ein idealer Ausgangspunkt für Bergwanderungen. Eine führt über den ­Längeneggpass ins Oberseetal (4 Stunden), eine andere via Dreckloch nach Braunwald (7,5 Stunden). Wer es gern gemütlicher nimmt, wandert entlang der Passstrasse in eineinhalb Stunden auf den Pragelpass.

Velotour
Für Sportliche ein Muss: mit dem Velo von Glarus (472 Meter) über den Pragelpass (1550 Meter) ins Muotatal. Der Umweg über die Schwammhöchi lohnt sich: Für die zusätzlichen 250 Höhenmeter entschädigt die grandiose Aussicht auf den Klöntalersee.

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Hölloch
Im Muotatal befindet sich das Hölloch, mit 200 bekannten Kilometern eines der grössten Höhlensys­teme der Welt. Das Hölloch kann nur in geführten Touren begangen werden. Die Firma Trekking Team bietet Kurzführungen bis mehr­tägige Expeditionen an. Helm und Stirnlampe werden zur Verfügung gestellt (www.trekking.ch).

Infos

Gasthaus Richisau, Richisau, 8750 Klöntal GL, Telefon 055 640 10 85, www.richisau.com; bis zum 2. November täglich geöffnet; Töfffahrer willkommen Übernachten: 90 Franken im Einzel-, 150 Franken im Doppelzimmer mit Frühstück (in der Herberge 50 Franken pro Person); Vergünstigungen für Kinder