Eine Oase hinter Zagora. Einige hundert Dattelpalmen, eine Ansammlung von Lehmhütten, ein Flusslauf, der dem Wadi entlang in einen kleinen, tiefgrünen See mündet. Ein Zelt, dessen Eingangstücher zurückgeschlagen sind.

Im Schatten des Vordachs kauert Ibn und macht Tee. Im blechernen Topf überschüttet er Grünteeblätter mit siedendem Wasser, giesst dieses nach kurzen Augenblicken ab, um dasselbe Ritual mit neuem Wasser zu wiederholen. In einem weiteren Teekrug hat er ein grosses Stück Zuckerstock gesteckt und gibt eine Hand voll frischer Pfefferminze dazu. Darüber schüttet er nun den zweiten Aufguss des Grüntees, verschliesst das Kännchen und lässt ihn ziehen. Ab und zu lässt er etwas Minzentee aus dem Topf in ein winziges Glas schiessen, giesst dann den Inhalt wieder in die Kanne zurück, weil der Tee noch nicht stark genug ist.

Marokkanischen Pfefferminztee zu brauen ist eine Kunst. Nur die Männer dürfen diese Tätigkeit ausüben, und sie tun es mit souveräner Gelassenheit und kindlichem Stolz. Sie wissen, dass dieser Pfefferminztee der beste der Welt ist. Herrlich in seiner grünen Farbe, süss und heiss, mit einem intensiven Minzenaroma gesegnet, erfrischt er selbst an unerträglich heissen Tagen und regt die Verdauung nach einer langen Mahlzeit an. Dumm nur, dass ich Pfefferminze bis zu jenem Tag verabscheut habe. Gut, dass der intensive und doch feine Geschmack dieses Kräutchens mir in Erinnerung geblieben ist.

Zurück in der Schweiz, kaufte ich mir eine Pfefferminzpflanze und pflanzte sie ins Rosenbeet. Ich hatte nämlich nicht nur Lust auf marokkanischen Pfefferminztee bekommen – ich hatte auch gelesen, dass Pfefferminze Blattläuse von Rosen fern hält. Meine Versuche mit nach Berberart aufgegossenem Tee waren allerdings nicht sehr erfolgreich. Vielleicht lag es am fehlenden Zucker vom Stock, vielleicht auch nur daran, dass ich den Tee nicht unter dem Vordach eines Berberzelts braute. Erfolgreicher war dagegen die Minze in der Abwehr der Blattläuse: Diese blieben den Rosen fern, und der Stock gedieh prächtig.

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Im kommenden Frühling jedoch sprossen Pfefferminzpflanzen im ganzen angrenzenden Garten. So rasch wie ein Buschfeuer hatten sich die Wurzeln der Pflanze unterirdisch ausgebreitet und überall Ableger gebildet. Ich riss und rupfte die zähen Triebe aus, wo immer ich sie erspähte. Ich braute Tee damit. Ich hängte die gebündelten Zweige kopfüber zum Trocknen auf und verschenkte die auf diese Weise gewonnenen Teeblätter.

Doch mit all diesen Massnahmen wurde ich der in meinem Garten wuchernden Pfefferminze nicht Herr. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die ganze Pflanze und ihre unzähligen Wurzelableger auszugraben und zu verbrennen – so hatte es mir der Gartenexperte geraten. Andernfalls hätten die Wurzeltriebe im Gartenkompost erneut für Pfefferminznachwuchs gesorgt.

Jedes Dessert mit obligater Minze
Von diesem Moment an hasste ich das Kraut. Gut, dass die Küche damit nicht allzu viel Gescheites anzufangen weiss. Weder Mintsauce zum gebratenen Lammfleisch noch Minzensorbet konnten mich überzeugen. Besonders schrecklich waren für mich jene Zeiten, in denen jedes Dessert mit einem obligaten Minzentrieb dekoriert aufgetragen wurde. Egal, ob Schokoladenmousse oder Aprikosenkuchen: Alle hatten das grüne Ding darauf und rochen dadurch alle gleich. Entfernte man den Spross von der Speise, rochen auch noch die Finger danach.

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Vor einigen Jahren servierte mir meine Freundin Suzanne erstmals eine Erbsensuppe mit Minze. Ich entdeckte nicht nur erneut meine Liebe zu Erbsen, sondern auch eine gewisse Zuneigung zur Pfefferminze. Ich verschaffte mir das Rezept, kochte und entwickelte das Gericht weiter zu einer kalten Sommersuppe.

Es ist ein Gericht, das ich in der sonnigen Zeit über alles liebe. Noch besser: Meine Gäste lieben es genauso. Ich koche es oft, muss mir aber dazu stets Pfefferminztriebe besorgen. Diese sind häufig alt und ihre Blätter oft angefault oder verwelkt. Seit einiger Zeit denke ich daran, einen Stock ins Rosenbeet zu setzen. Pfefferminze, das weiss ich ja inzwischen, vertreibt dort die Blattläuse.