«Und nun eine "Cuturieddu"?» Grazia zwinkert mir verschwörerisch zu und lässt das Fegtuch in den Putzeimer fallen. Ich schaue ihr zu, wie sie sich ächzend aufrichtet, beide Hände ins Kreuz gestemmt. Es ist ein Spiel, das wir beide seit vielen Jahren spielen. Also frage ich wie immer: «Was ist "Cuturieddu"?» Ich weiss die Antwort schon im Voraus: «Zuppa», wird Grazia erwidern, «Minestra – eine Suppe, was sonst?»

Grazia ist die Haushalthilfe meiner Römer Freundin Carla. Sie kommt täglich um acht Uhr morgens ins Haus, dreht die Kaffeemaschine an, legt die frischen Panini von Greco, dem Bäcker, ins kleine Brotkörbchen und stellt dieses auf das elektrische Rechaud. So geniessen wir jeden Morgen warme Brötchen.

Grazia wirbelt schon frühmorgens
Grazia tut dies alles zu einer für Römer Verhältnisse noch nachtschlafenen Zeit. Sie selber ist aber jeweils schon eine ganze Weile auf den Beinen: Sie hat den Fischmarkt, den Blumen- und Gemüsemarkt besucht und hat sich anschliessend im «Tazza d’oro» beim Pantheon auf einen der Jutesäcke voll ungerösteter Kaffeebohnen gesetzt, um einen ersten Kaffee zu trinken. Danach war sie in der Bäckerei und im Supermercato. Sie hat die Tageszeitungen am Kiosk gekauft und in der Schneiderei die Kleider abgeholt, die meine Freundin dort ändern liess.

Grazia ist der gute Geist in Carlas Haushalt. Allerdings nur bis am Mittag. Schlag ein Uhr steht Grazia nämlich vom Tisch auf, an dem sie einen Teller Suppe gelöffelt hat, stellt das Geschirr in die Abwaschmaschine, schnappt sich Carlas Liste für den nächsten Tag und bricht auf.

Im Treppenhaus zieht sie sich den Helm über den Kopf, stösst ihren Scooter aus dem Hauseingang auf die Strasse und braust davon – zum nächsten Arbeitgeber. Schliesslich wird sie am Abend in Richtung Vorstadt fahren, wo sie von Sohn Miciu erwartet wird. Sein Arbeitstag als Museumswärter ist beendet; nun will auch er von Grazia umsorgt werden.

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Grazias Alltag ist anstrengend – und dennoch: Ausser einem «Alles wird immer schwieriger» lässt sie gar nie etwas Persönliches verlauten. Obwohl – und dies ist das Bemerkenswerte an der Geschichte – Grazia bereits 72 Jahre alt ist und den Haushalt meiner Freundin seit über dreissig Jahren besorgt.

Fisch, Brot – oder «Cuturieddu»
Doch zurück zur eingangs geschilderten Szene. Grazia hat uns eine Minestra versprochen – ein fester Bestandteil ihres Morgenablaufs. Gegen elf Uhr geht sie deshalb in die Küche und kocht eine der Suppen aus ihrem beinahe unerschöpflichen Repertoire. Aus Apulien, wo Grazia herkommt, stammt auch die erwähnte «Cuturieddu». Sie ist fast schon ein Eintopf und besteht aus vom Hals geschnittenen Lammkoteletten, Fenchel, Zwiebeln und der feurigen Zugabe einer Chilischote.

Manchmal, wenn Grazia auf dem morgendlichen Markt genügend frische Fischköpfe erstanden hat, zaubert sie daraus eine kraftvolle Fischsuppe in unsere Teller. Je nach Jahreszeit vermengt sie auch eine Kichererbsensuppe virtuos mit feinsten Hartweizenteigwaren.

Oder sie kocht aus altbackenem Brot eine Suppe mit viel Kartoffeln und einer grosszügigen Beigabe von Rucola, Knoblauch sowie einer Chilischote. Schliesslich ist Brotsuppe eine so genannte Magersuppe, wie sie an den allerhöchsten kirchlichen Feiertagen zubereitet wird – dann, wenn nicht einmal Fisch auf den Herd eines Römer Haushalts gelangen darf.

Wenn mir Grazia aber eine ganz grosse Freude machen will, kocht sie mir eine Minestra di patate, eine Kartoffelsuppe. Im letzten Moment lässt sie einen Schwall von gehacktem italienischem Peterli darüber regnen und träufelt mit einem Esslöffel süsses, dunkelgelbes Olivenöl aus Apulien über den Teller.

Irgendwann nach zwölf Uhr ist es dann soweit: Ich sitze mit Grazia am Tisch und löffle die Köstlichkeiten meiner höchstpersönlichen römischen «Suppenkönigin».