Der heutige Abend hätte geradeso gut ins Wasser fallen können: Wenn nämlich YB gegen Thun spielt, ist Alexander Tschäppät normalerweise nicht zu Hause, sondern im Fussballstadion. Im Stade de Suisse also? Nein, für Berner sei dies immer noch das Wankdorf.

Ich habe mich dem Wohnsitz des Berner Stadtpräsidenten zu Fuss genähert, bin im Ostring aus dem Tram gestiegen, anschliessend durch ein Quartier mit lauschigen Alleen und prächtigen Anwesen spaziert und schliesslich bei der Siedlung Merzenacker angekommen. Alexander Tschäppät bewohnt keine jener Herrschaftsvillen, sondern ein Reihenhaus.

In Tschäppäts Garten steht eine Tafel mit einem Hund drauf, der sein Geschäft verrichtet. «Schysshung» steht drunter. Das Schild ist eine jener Aktionen, mit denen sich der Jurist und Politiker im Verlauf seiner Karriere Ärger eingehandelt hat. Er wisse deshalb sehr wohl, dass einer, der austeile, auch einstecken müsse. Nun mache es aber einen Unterschied, ob man den Ärger mit einem Schuss Sportsgeist selber suche oder ob er unvermittelt und von unerwarteter Seite komme, präzisiert er. Wir werden noch darüber reden.

Alexander Tschäppät versucht, die kulinarischen Erwartungen niedrig zu halten: «Ich kann nicht gut kochen», sagt er. Dabei grinst er wie ein Maikäfer und prüft meine Reaktion. Ich glaube ihm nicht ganz, werde aber im Verlauf des Abends merken, dass die Äusserung nicht nur kokett gemeint war.

Das Menü hat Alexander Tschäppät bei einem befreundeten Koch in Klosters kennen gelernt. Crevetten auf Sauerkraut ist nicht gerade eine nahe liegende Kombination. Zudem wird der Kabis mit einem Schuss Prosecco angereichert – so viel wie halt übrig bleibt nach dem Apéro.

Zurück zum Ärger, der ihn die letzten Wochen begleitet hat. Nicht dass Alexander Tschäppät angeschlagen wirkt, aber der Sommer habe ihm echt zu schaffen gemacht. Die Nebenbeschäftigung als Präsident des Kaufmännischen Vereins, seine Kritik am Kanton anlässlich der Hochwasser Ende August: Für praktisch jede seiner Aktionen und Äusserungen musste er mediale Prügel einstecken.

Dabei war der 53-jährige ehemalige Gerichtspräsident, Berner Gemeinderat und Nationalrat lange Zeit erfolgsverwöhnt. Manche Wahlen – unter anderem jene zum Stadtpräsidenten – gewann er mit Glanzresultaten.

«Ich bin ein Schnäppchenjäger»

Doch jetzt schwingt das Pendel zurück, und Alexander Tschäppät glaubt die Gründe zu kennen. «Bern war in letzter Zeit sehr erfolgreich. Die Einstein-Ausstellung, das Zentrum Paul Klee, das Stadion, der neu gestaltete Bundesplatz: Irgendwann musste die Retourkutsche kommen. Und da hatte ich als Person herzuhalten.»

Trotzdem will Tschäppät an seiner Maxime festhalten und weiterhin sagen, was er denkt: «Auch wenn das mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Manchmal ist es halt Glückssache, wie es ankommt.» Sobald er jede seiner Äusserungen zuerst im Kopf dreimal drehen müsste, würde er aufhören mit der Politik, sagt er.

In der Küche assistiert Christine Szakacs, Tschäppäts Lebensgefährtin. Die Vermutung, dass der Mann in der Küche wohl doch nicht so geübt ist, liegt nahe. Und er gibt so viel zu: «Christine hat mir gestern erzählt, wie das Rezept geht.»

Wenn er in der Küche auch nicht allzu viel zu sagen habe, beim Einkaufen sei er dafür voll dabei, sagt Berns Stadtpräsident: «Ich bin ein echter Aktionen- und Schnäppchenjäger.» Besondere Präferenzen für einen Laden kennt er nicht. Aber Tschäppät erinnert sich an die Zeit, als seine Grosseltern noch lebten: «Sie waren alte Sozialdemokraten. Damals galt Coop als das ‹soziale Kapital›, und die Migros war als Discounter verschrien.» Christine Szakacs ergänzt die Geschichte mit den Aktionen: «Es kommt vor, dass Alexander fünf Kilo Aprikosen kauft, nur weil sie billig sind. Nach einer halben Woche werfen wir dann die Hälfte weg.»

Alexander Tschäppät ist leidenschaftlicher Kunstsammler. Wo man hinschaut, hängen Bilder, stehen Plastiken von Künstlern, von denen er die meisten persönlich kennt. Auffällig ist der Schriftzug von Markus Raetz, der sich von der einen Seite betrachtet als «Oui» liest, von der anderen als «Non». «Das ist das Leitmotiv bei meiner Arbeit», sagt Tschäppät. «Betrachte die Dinge von verschiedenen Seiten, und du wirst sie unterschiedlich beurteilen.»

«La crevette sur son lit de choucroute!» Alexander Tschäppät zitiert Massimo Rocchi, der seinerseits die geschraubten Formulierungen in französischen Menükarten parodierte. Die Meerestiere und das Kraut passen gut zueinander. Der Geschmack des bernisch-mediterranen Duos ist alles andere als geschraubt.

Wir stossen an, und ich wünsche dem Berner Stadtpräsidenten für die Zukunft viel Erfolg. Aber: Was wäre, wenn er bei den nächsten Wahlen durchfallen würde? Alexander Tschäppät hat Mühe, sich ein Leben ohne Politik vorzustellen: «Etwas anderes kann ich gar nicht.»

Quelle: Edouard Rieben
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