Stadt Zürich, elf Uhr morgens, die Fotografin und ich klingeln beim Namensschild «BS». Wir sind zum Mittagessen verabredet. Eine ganze Weile passiert gar nichts. Dann erscheint ein verschlafener Schlatter oben am Fenster und entschuldigt sich: Er habe uns vergessen und ob wir bitte in einer halben Stunde noch einmal kommen könnten.

Wer denkt, das sei eine Nummer aus dem Beat-Schlatter-Repertoire, irrt. Der Mann hat wohl am Vorabend bis spät in die Nacht eine Bingoshow veranstaltet, vor einem staunenden Publikum, das sich über die merkwürdigen Preise wunderte. Denn es gibt bei Schlatter keine Schinken oder Pfannen zu gewinnen, sondern allenfalls einen Bund «Bucheli-Gras», eine Extralieferung aus dem Ackermann-Katalog oder einen Gratisbesuch beim Veterinär. Und ab und zu gibts Preise, die man mit allem Geld dieser Welt nicht kaufen könnte. Beispielsweise sich vom Chef einen Tag lang den Kaffee servieren zu lassen.

Nun sind wir da: zu Gast bei einem der bekanntesten Schweizer Komiker, Schauspieler, Märchenerzähler, Drehbuchautor und was er sonst noch alles ist. In den vergangenen 30 Minuten hat er ein Notfallmenü vorbereitet. Ein kurzer Anruf bei Othmar, seinem Metzger, und schon war er aus dem Schneider. Der gab ihm den Rat, Mistkratzerli mit jungen Bratkartoffeln, garniert mit Rosmarinzweigen, zu machen. Er stelle ihm alles bereit. Die Ware war in wenigen Minuten abholbereit.

Kaum sind die Vögel gewaschen und gewürzt, müssen nur noch die Kartoffeln gebürstet werden. Das ist eine Überraschung und für mich Neuland. Das Werkzeug, das aussieht wie ein Katzenkamm mit Gumminoppen, hat Beat Schlatter von einem Starkoch geschenkt bekommen. Wenn man die Knollen damit striegelt, geht der Schmutz weg, während die Vitamine dranbleiben.

Der Gastgeber erzählt von seinen neusten Projekten. Schon seit längerer Zeit hört man von einem neuen Film, den er nach dem Grosserfolg von «Komiker» in Arbeit hat. Das Drehbuch für «Ferienfieber», das er mit This Lüscher, einem in Amsterdam lebenden Schweizer Regisseur, geschrieben hat, ist fertig, die Finanzierung gesichert, der Drehbeginn steht fest. Noch unklar ist der Termin der Veröffentlichung. Der Film wird, da im Auftrag des Schweizer Fernsehens produziert, auf alle Fälle seine Premiere am Bildschirm haben.

Unterdessen schreibt Beat Schlatter an seiner ersten Kindergeschichte. Die Idee für die Abenteuer des Nacktmaulwurfs Erdwin, der die Welt ausserhalb seiner Höhlengänge erkundet, wurde geboren, als ein Freund an der Hochschule für Gestaltung seine Abschlussarbeit als Illustrator machen musste. Schlatter beschloss, die Geschichte, die dabei entstand, als Buch herauszugeben.

Spontangemälde an der Wand
Die Mistkratzerli, umrahmt von Kartoffeln und Kräutern, werden in den warmen Ofen geschoben, und wir haben nichts mehr zu tun als die Uhr im Auge zu behalten. Beat Schlatter erzählt, wie er zum Kochen kam: «Ich wurde immer von Leuten zum Essen eingeladen, die so wahnsinnige Sachen auf den Tisch zauberten. Da wollte ich auch mithalten und geriet unter Druck. Ich lud die Leute ein und musste schauen, dass es eine Falle macht. Es war Mal für Mal ein Abenteuer.»

Im Restaurant essen mag Schlatter nicht so sehr. Da sei man ständig unter Kontrolle und müsse, gerade bei geschäftlichen Verhandlungen, aufpassen, was man sage. «Zudem ist es ziemlich cool, wenn ein Künstler bei dir zu Hause spät in der Nacht und in gelöster Stimmung ein Bild direkt auf die Wand malt.» So kommt es, dass Schlatter in seiner Wohnung einen echten Andreas Dobler sein Eigen nennt.

Der Mohrenkopf ist explodiert
Beat Schlatter lernte aber auch durch den Umgang mit Profis, worum es in der Küche geht. Bei Radio DRS war er Teil einer Kochsendung, in der er den Part des naiven Lehrlings übernahm, damit Starkoch Jacky Donatz seine fachkundigen Antworten loswerden konnte. Und in einer Kochshow bei Tele Züri versuchte er einmal, einen Mohrenkopf in einem Mikrowellenofen zu garen – aber das ist eine andere Geschichte. Die Reinigung nach der Schoggiexplosion war aufwändig.

Was mir bereits bei früheren Begegnungen mit Beat Schlatter aufgefallen ist: Er ist ungemein vielseitig. Er, der von vielen auf die Rolle des Witzbolds mit dem trockenen Humor reduziert wird, kann mehr, als die meisten – Fans wie Journalisten – ahnen. Schlatter tarnt seine Talente so gut, dass man meinen könnte, er sei wirklich der ahnungslose liebe Kerl, den er so oft spielt. Das ist bedauerlich, denn auch der bescheidenste Mensch möchte ab und zu in den Vordergrund geschoben werden. Und sei es nur für die Tugend, sich nicht in den Vordergrund zu schieben.

Nach dem Essen hält mir Schlatter ein Mikrofon vors Gesicht. «Möchtest du mir bitte deinen Lieblingswitz erzählen?», fragt er. Ich bin verunsichert und frage mich, was der Hintergrund dieser Aktion ist. «Ich sammle Witze von Prominenten. Wenn ich hundert beisammen habe, gebe ich sie vielleicht als CD heraus», sagt Beat Schlatter.

Okay. Ich erzähle den Witz von den beiden Frauen auf dem Friedhof von Gurtnellen: «Wie alt bisch dü äigetlich?», fragt die eine. «Fiifäniinzgi», antwortet die andere. Da entgegnet die erste: «Lohnt sich ja fascht nimme heizgaa!» Ein kurzes, knappes Schlatter-Lachen und ein Dankeschön hintendrein. Ich verabschiede mich, nicht ohne mich für die frühe Störung zu entschuldigen. Beat Schlatter nimmts gelassen: «Immerhin war es das erste Mal, dass ich Mistkratzerli zum Frühstück hatte.»

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