Bob Dylan singt ab CD, auf dem Sofa liegt das Magazin «Rolling Stone», das die Top-500-Alben der Rockgeschichte präsentiert. Benedikt Weibel, der Generaldirektor der Schweizerischen Bundesbahnen, ist bekennender Fan von Bestenlisten. Demnächst will er, mit einem seiner Söhne, eine Hitparade der traurigsten Lieder aller Zeiten zusammenstellen.

Zweifellos dabei wäre «Lord Franklin» in der Version der britischen Folkband «Pentangle». Sir John Franklin war jener Kapitän, der 1845 aufgebrochen war, die so genannte Nordwestpassage zu finden, die ihm ermöglicht hätte, von England kommend, am nördlichen Kanada vorbei in den Pazifik zu segeln. Es sollte sein letztes Abenteuer sein: Er und seine ganze Mannschaft kamen dabei ums Leben.

Die Diskussion über Musik ist spannend, aber eigentlich wollten wir kochen. Einen Brasato, der drei Tage im Barolo eingelegt war, will Weibel auftischen. Da die ersten Vorbereitungsarbeiten eine halbe Woche zurückliegen, üben wir an einer zweiten Rindsschulter (Simmentaler Biorind!), wie man diese mit Knoblauch spickt und mit Rotwein übergiesst.

Auch privat manchmal am Berg
Benedikt Weibel bietet mir einen Aperitif an. Ich verzichte dankend, und es stellt sich heraus, dass wir uns beide zurzeit in einer selbst auferlegten alkoholfreien Phase befinden. Schade: Die Flasche Barolo fliesst ausschliesslich in den Römertopf!

Er habe das Kochen im Freien gelernt, erzählt der diplomierte Bergführer: Die Herausforderung beim Biwakieren sei, ein Menü mit wenig Wasser und einem Minimum an Energie zuzubereiten. Nudeln kämen daher weniger in Frage als Gemüse. Ein Geheimrezept der Familie sei früher der so genannte «Schmaus» gewesen: «Wir gaben Grünzeug wild durcheinander in die Pfanne und mischten es mit Eiern und Speck. Unsere Buben schwärmen noch heute davon.»

Das Klettern gehört zu Weibels liebsten Freizeitaktivitäten. Dieses Ausklinken aus dem Arbeitsalltag schafft er rund ein Dutzend Mal pro Jahr. Weil er aber dank Handy meistens erreichbar ist, wurde er auch schon auf dem falschen Fuss erwischt: «Im Juli 2001 entgleiste im Bahnhof Zürich-Oerlikon ein Neigezug. Die Meldung erreichte mich per Telefon, als ich gerade in den Dolomiten in einer senkrechten Felswand hing.»

Weibels leben in Muri bei Bern in einem ruhigen Quartier. Die Küche ist hochmodern, die Geräte sind vom Feinsten: eingebaute Kaffeemaschine, Steamer, Induktionsherd. Wir bereiten das Dessert vor, während der Braten im Ofen schmort. Die grünen Salate bekommen als Dekoration ein Blatt Radicchio Rosso, denn das Auge isst bekanntlich mit.

Vor kurzem konnte man lesen, Benedikt Weibel sei ein Kakteensammler. Nicht, dass er eine Leidenschaft dafür entwickelt oder gar einen grünen Daumen hätte. Nein, die Sukkulenten in seinem Büro sind Geschenke der «Schweizer Illustrierten», die ihm schon oft entweder die Rose oder den Kaktus der Woche überreicht habe. Weibel: «Im Unterschied zu den Rosen, die bald verwelken, bleiben die Kakteen erhalten.» Zum jüngsten Fahrplanwechsel gabs sogar beides gleichzeitig.

Am schlimmsten sind tödliche Unfälle
Tatsächlich bekamen die SBB für die grosse Umstellung im Dezember letzten Jahres sowohl Lob als auch Kritik. Zunächst sah es aus, als sei alles reibungslos verlaufen. Anfang Jahr aber begannen sich Verspätungen zu häufen. Der bisherige Höhepunkt war am 7. Februar erreicht, als ein Computerabsturz den Bahnbetrieb in der Region Zürich für Stunden lahm legte.

Solche Pannen bereiten Sorgen. Was Benedikt Weibel aber mehr zu schaffen macht, sind die Arbeitsunfälle, bei denen Menschen zu Schaden kommen. In der vergangenen Nacht habe ihn die Nachricht von einem tödlich verunfallten Gleisarbeiter erreicht. Zwar schaden Verspätungen, die gehäuft auftreten, dem Image der Bahn. Und die kränkelnde Pensionskasse der SBB bereitet dem Chef schlaflose Nächte. Diese Probleme sind aber mit dem Verlust eines Menschenlebens nicht vergleichbar.

Weibel ist gerne und oft draussen. Wenn es bis ins Flachland schneit, sitzen zwei Seelen in seiner Brust: «Auf den Schienen bereitet uns der Schnee Probleme, und trotzdem liebe ich ihn», bekennt der Naturmensch, der für jeden unpünktlichen Zug fast persönlich verantwortlich gemacht wird.

Während Benedikt Weibel in der Polenta rührt, erzählt er von seinen Ferienplänen. Mit seiner Frau Verena möchte er diesen Sommer mit dem Velo bis zu den Friesischen Inseln fahren. Das Kartenmaterial habe er beisammen, jetzt gelte es, die richtige Route zu finden: «Wir möchten möglichst den Flüssen entlang fahren. Der Weg ist zwar länger, weil sich das Wasser oft durch die Landschaft schlängelt, dafür vermeidet man unnötige Höhenmeter.»

Eine Radtour scheint beim heutigen Wetter ziemlich abwegig zu sein. Es ist kalt und feucht. Trotzdem zaubert der Brasato einen Hauch von Süden in die Stube und macht doppelt Freude. Benedikt Weibel gehört nicht zu jenen Köchen, die beim selbst Gemachten stets das Haar in der Suppe suchen. Zufrieden stellt er fest: «Moll, ich glaube, der ist ganz gut gelungen.»

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