Eigentlich müsste Cécile Bühlmann, Luzerner Nationalrätin und langjährige Fraktionspräsidentin der Grünen, eine Partei der Bunten gründen. Die Beschränkung auf die Farbe alles Natürlichen engt nämlich ein. Bei der Einrichtung der Wohnung hat sie sich aus dem Korsett befreit und vorwiegend Blautöne gewählt.

Wir befinden uns in der Dachwohnung einer ehemaligen Fabrikantenvilla in Luzern. Cécile Bühlmann hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Kuno Kälin und ein paar Freunden vor Jahren gekauft und umgebaut. «Hier sind wir mitten in der Stadt, haben jedoch die Möglichkeit, uns zurückzuziehen», sagt die Frau, deren Agenda so voll ist, dass sie das Lesen von Büchern meist auf die Ferien verschieben muss.

Das Rezept, das Cécile Bühlmann vorschlägt, kommt aus dem Veltlin. Auf einer ihrer ersten Veloreisen habe sie so feine Pizzoccheri gegessen, dass sie anschliessend in ihrer Umgebung recherchierte, wo es diese speziellen Teigwaren zu kaufen gebe. Fündig wurde sie im «Italo-Hispano-Laden um die Ecke».

Engagement ist selbstverständlich

Die Rollen für den heutigen Abend sind noch nicht klar verteilt. «Mein Mann ist bei uns der Alltagskoch, und wenn wir für Gäste kochen, stehen wir normalerweise gemeinsam in der Küche», sagt Cécile Bühlmann. «Mal sehen, ob er es aushält, wenn er bloss zuschauen darf.» Er schmunzelt, zieht sich ins Wohnzimmer zurück und wird wieder zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, sich den Bauch voll zu schlagen.

Cécile Bühlmann wuchs mit vier Geschwistern im luzernischen Sempach auf. Die Familiengeschichte mütterlicherseits hat sie politisch geprägt: Der Grossvater, ein Italiener aus dem Friaul, wurde im Spanischen Bürgerkrieg standrechtlich erschossen, vermutlich wegen agitatorischer Aktivitäten. In der Familie war es immer selbstverständlich, dass man für eine Sache einstand, wenn man davon überzeugt war.

Die Grünen Schweiz haben am Parteitag Ende Oktober ihre langjährige Fraktionspräsidentin mit stehenden Ovationen verabschiedet. Cécile Bühlmann erzählt gerührt und stolz von diesem Nachmittag in Stans: «Ich fragte die Anwesenden, wer mich von Anfang an miterlebt habe, und es streckten nur drei auf.» Ausdauer ist neben Gradlinigkeit und Hartnäckigkeit eine von Bühlmanns Stärken. Trotzdem verabschiedet sie sich auf den Frühling vom Bundeshaus und tritt als Nationalrätin zurück.

Keine Spur von Altersmilde

Kleiner Scherz am Rande: Für das Rüsten der Kartoffeln drückt mir Cécile Bühlmann einen Sparschäler in die Hand, um ihn sogleich gegen einen anderen, grünen auszuwechseln. Product-Placement nennt man so etwas beim Film. Anstatt Bioprodukte aufzureihen, erinnert sie mit einem schlichten Farbtupfer an ihre politische Linie.

Wenn es um Umweltanliegen geht, um soziale Gerechtigkeit, Rassismus oder Feminismus wird Cécile Bühlmann ernst: «Vielleicht bin ich grosszügiger geworden gegenüber Menschen, die meine Überzeugung nicht teilen. Aber in den Analysen der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Verhältnisse bin ich nicht bereit auszuweichen.» Ihre Widersacher werden mit Bedauern zur Kenntnis nehmen, dass sich bei der 56-Jährigen keinerlei Zeichen von Altersmilde andeuten.

Zählt man zusammen, welche Ämter und Jobs Cécile Bühlmann bekleidet, fragt man sich, wie ein Mensch allein so ein Pensum bewältigen kann: Nationalrätin, Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, seit kurzem Leiterin des feministischen Hilfswerks CFD – und das sind nur die wichtigsten Engagements.

In der Küche gehts zackig zu und her. Ich spüre Bühlmanns Fähigkeit, zu organisieren und zu delegieren. Noch lieber aber packt sie selber an, wobei sie Ungeduld schon gar nicht aufkommen lässt. Die Frau legt, ohne je den Schalk in den Augen zu verlieren, ein Tempo vor, als gelte es, die (nicht vorhandene) Konkurrenz abzuschütteln. Wie hiess es doch im Wilden Westen: Schnell denken, aber noch schneller schiessen!

Ein Geständnis: Fast Food

Cécile Bühlmann kocht heute ein vegetarisches Menü, auch wenn sie nicht generell fleischlos isst. Sie freue sich, wenn sie bei jemandem zu Gast sei, durchaus über ein gutes Stück Fleisch. «Wenn ich allerdings die Wahl habe, entscheide ich mich lieber für Gemüse.»

Im Verlauf des Abends gibt sie dennoch zu, dass sie punkto Ernährung nicht immer im grünen Bereich war: «Als junge Lehrerin teilte ich mit einer Freundin eine Wohnung. Wir ernährten uns meist von Sandwiches, aufgetauten Fischstäbli oder Käseküchlein – Fast Food halt.»

Sie habe zwar durch die Arbeit im Elternhaus und den Besuch der Hauswirtschaftsschule das Handwerk des Kochens gelernt. Als Feministin aber habe sie eine Zeit lang die Arbeit am Herd als diskriminierend empfunden und abgelehnt. «Zudem hatten wir damals anderes, Wichtigeres im Kopf als gutes Essen.»

Das hat sich zum Glück geändert, denn sonst wäre ich nie in den Genuss von Cécile Bühlmanns Pizzoccheri gekommen, die sie in Abweichung vom Originalrezept zubereitet hat: «Ich habe die Menge der Butter halbiert, dafür aber doppelt so viel Knoblauch genommen.» Diese Frau versteht sich aufs Würzen – in der Küche wie im richtigen Leben.

Quelle: Ursula Meisser
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