Bevor es losgeht mit der Kocherei, besteht Christine Egerszegi darauf, einen Kaffee zu trinken. Die Energie, die man der Nationalrätin und früheren Grossrätin sowie Stadträtin von Mellingen AG attestiert, tanke sie an der Kaffeemaschine, sagt sie. Modell Vollautomat, «denn ich bin am Morgen kaum fähig, mehr als einen Knopf zu drücken».

Die Begegnung in Egerszegis Einfamilienhaus findet keineswegs in der Frühe statt, sondern am späten Nachmittag. Nach dem kleinen Schwarzen gehts rasant los. Das Kochbuch zeigt mir die Gastgeberin weniger wegen der Details der ungarischen «Palacsinta» (deutschsprachigen Zungen auch als Palatschinken bekannt), die wir zubereiten werden, als um die Geschichte der Verwandten ihres Mannes zu erzählen. Diese hatten ihr das Buch geschenkt, weil sie sich sorgten, Lajos Egerszegi bekäme in der Schweiz bei seiner zukünftigen Frau zu wenig zu essen.

Sich an die Vorgaben eines Rezepts zu halten ist nicht Egerszegis Ding. Lieber arbeitet sie nach gesundem Menschenverstand, beobachtet, greift ein, wenn es die Situation erfordert – so wie sie es bei Sachgeschäften in Bundesbern gelernt hat: «Der Job im Parlament ist durchaus kreativ», sagt sie. «Wer aber von der Sache nichts versteht, soll den Mund halten.» Nicht umsonst gilt Egerszegi als vorbildliche Nationalrätin mit hohem Pflichtbewusstsein.

Passionierte Hobbykabarettistin
Wir organisieren uns in der schmalen Küche und versuchen den Überblick zu behalten. Was für mich eine echte Herausforderung ist, ist für Egerszegi alltäglich. «Ich habe immer ein Puff in der Küche – ich hoffe, das stört euch nicht.» Bevor ich mich ans Hacken der Zwiebel mache, widme ich mich einem anderen Job, der mir übertragen wurde, und setze das frisch entkalkte Sieb des Wasserhahns wieder ein.

Egerszegi ist an vielen Fronten aktiv und steht an der Spitze von mehreren Verbänden und Organisationen. Dass sie als Nachfolgerin von Bundesrat Kaspar Villiger im Gespräch war, dann aber doch nicht in die engere Wahl kam, kratzt sie heute nicht mehr: «Ich hätte das Amt gern übernommen, bin mir aber bewusst, dass ich auf manches hätte verzichten müssen.»

Zum Beispiel auf ihre kabarettistischen Auftritte, bei denen sie mit spitzer Zunge die politischen Ereignisse durch den Wolf dreht. Einwand: Moritz Leuenberger ist auch Bundesrat und versucht sich trotzdem manchmal als Satiriker. Egerszegi: «Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich mit ihm so gut verstehe.»

Ob es ums Kochen oder um die Politik geht: Christine Egerszegi ist stets eine hellwache Gesprächspartnerin mit einer Mischung aus Selbstdarstellung und Neugier für ihr Gegenüber. Ihre Kraft ist für mich umso bemerkenswerter, als ich um die Situation ihres kranken Mannes weiss, der nach zwei Hirnoperationen in einem Pflegeheim lebt. Fast täglich besucht sie ihn und nimmt ihn an den Wochenenden zu sich nach Hause. Soziales Handeln gemäss ihrem politischen Selbstverständnis, für das sie in der eigenen Partei zum Teil hart kritisiert wurde.

«Gar nid fescht gruusig, oder?»
Christine Egerszegi erzählt von ihrer Mutter, die eine traditionelle Schweizer Küche pflegte. Als kleines Mädchen träumte Christine davon, bei ihrer Hochzeit Spinatwähe servieren zu lassen – und einen Kabiskopf aus Marzipan. Die kulinarischen Geheimnisse der Familie gibt sie heute an ihre eigenen Kinder weiter, wenn auch unter besonderen Umständen. So erklärte sie vor ein paar Wochen ihrer Tochter Annuschka, die in Cambridge lebt, per Fernkurs via Telefon, wie man einen «suure Mocke» zubereitet.

Die Palacsinta sind gerollt und überbacken, der Tisch im Esszimmer gedeckt. Wir setzen uns und lassen es uns schmecken. Egerszegi erkundigt sich ironisch: «Gar nid fescht gruusig, oder?»

Das Gespräch dreht sich schon bald wieder um die Politik. Christine Egerszegi ist im Aargau zu Hause, dessen Bewohner sich bekanntlich weniger zum ganzen Kanton bekennen als zur Region, in der sie leben. «Die Unterschiede in den Mentalitäten sind offensichtlich. Als ich vor neun Jahren für den Nationalrat kandidierte, hätte ich als FDP-Frau mit meinem fremd klingenden Namen im Westen des Kantons kaum eine Chance gehabt. Dank den Stimmen aus dem Bezirk Baden aber, der schon immer etwas anders tickte, habe ich es geschafft.»

Zu Baden, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, hat Christine Egerszegi immer noch ein sehr enges Verhältnis. Zur Fasnachtszeit ist sie jedes Mal dabei, wenn die Figur des «Füdlibürgers» verbrannt wird. Ihn macht man ja verantwortlich für alles, was im vergangenen Jahr krumm gelaufen ist. Wie wohltuend muss es für eine Politikerin sein, wenn der Sündenbock für einmal so klar zu benennen ist.

Anzeige