Der Ort: ein Loft in einem Hinterhof in Kleinbasel. Die Akteure: zwei Fünftel der Basler Rockband Lovebugs. Das Projekt: ein Gemeinschaftswerk, das für einmal nicht tönen, sondern schmecken soll. Sänger Adrian Sieber und Schlagzeuger Simon Ramseier stehen am Herd und sind wild entschlossen, ein Dreigangmenü zu kochen.

Simon schält sich durch die Orangen, Adrian hat den Fisch im Mehl gewendet und bietet – ganz Medienprofi – an, es für den Fotografen nochmals zu tun. Die zwei, die sich in Studios und Konzertlokalen oft von bereitgestellten Buffets ernähren, fühlen sich als Köche nicht unwohl.

Adrians Wohnung, die er mit seiner Frau und zwei Töchtern teilt, ist geräumig. Der Gang von der Küche zur Stereoanlage im Wohnzimmer ist lang genug, um den Sänger auf andere Gedanken zu bringen und gleichzeitig in Stress zu versetzen. Während er mir die CD-Sammlung zeigt, kommt ihm plötzlich in den Sinn, dass der Fisch in der Pfanne unbewacht brutzelt: «Shit, der Fisch!» Ein Spurt zurück zum Herd. Er kann die Filets gerade noch retten.

«Trendy» und «sexy»

Simon arbeitet derweil an den Zutaten der Sauce. Mit dem Mörser zerstösst er Würfelzucker und rechnet sich aus, um wie viel seine Arbeit das Endprodukt theoretisch verteuert. Später wird er die Sauce mit Cognac veredeln und flambieren, dass es uns beiden schier die Brauen versengt.

Das Kochen habe ihn schon als Kind fasziniert, erfahre ich von Simon. Sein grösster Traum ist es, einmal einem grossen Chef de Cuisine über die Schulter schauen zu können: «Die Geheimnisse der Meisterköche sind die Fonds und die Saucen. Da könnte ich bestimmt das eine oder andere lernen.» Überhaupt hat das Essen für ihn einen grossen Stellenwert. Er kaufe gerne ein, achte auf die Qualität der Produkte und gebe dafür gerne gutes Geld aus.

Simon und Adrian haben etwas jugendlich Unbekümmertes in ihrem Wesen. Von Journalisten und – vor allem – von Journalistinnen erhielten sie dafür allerlei Prädikate wie «trendy» oder «cool», man sprach von einem «look», der «retro» und so ungemein «sexy» sei und so weiter. Tatsache ist, dass sie erst 29 beziehungsweise 32 Jahre alt sind und ihren Beruf mit einer Selbstverständlichkeit ausüben, als seien sie Bäcker oder Drucker. Zudem ist es erstaunlich, dass sie nach zwölf Jahren im Showbusiness immer noch als Band funktionieren, so wie sie im Teenageralter angefangen haben. Nur einen Wechsel in der Besetzung habe es seither gegeben.

Die Songs der Lovebugs zeichnen sich durch unkomplizierte, eingängige Melodien aus. Mehrere davon haben es in die Hitparaden und Playlists der Radiostationen geschafft, allen voran der Ohrwurm «Bitter Moon». Ihr neustes Album ist die Aufzeichnung eines Konzerts im «Unplugged»-Stil, also ohne riesige Elektronikmaschinerie, möglichst «nackt». Der Auftritt fand, weil man sich einen etwas feierlicheren Rahmen wünschte, im ehrwürdigen Theater Basel statt. Die Scheibe heisst denn auch «Naked», die Tournee durch die Schweiz ist im Gang.

Wann steht ein Musiker auf?

Kennen Sie den ältesten Musikerwitz? Wann steht ein Musiker auf? Um sechs Uhr, denn um halb sieben schliessen die Läden. Den gängigen Klischees ihrer Zunft mögen die beiden Lovebugs-Musiker nicht entsprechen. Schon eher haben wir es mit häuslichen, verantwortungsvollen Dreissigern zu tun. Adrian hat vor einiger Zeit das Rauchen aufgegeben, nachdem er merkte, dass seine Stimme zu arg gelitten hatte: «Auf Tournee singen ist Hochleistungssport. Wenn du mal nicht in Form bist, erholst du dich lange Zeit nicht mehr.» Adrian Sieber hatte die Wahl: «Entweder bin ich Raucher oder Sänger.»

An Wochentagen steht der Frontmann der Lovebugs vor sieben Uhr auf – morgens! – und frühstückt mit der Familie. Simon hingegen lebt allein, isst oft spätabends und steht spät auf. Dafür kocht er fast jeden Tag, selbst wenns nur für eine Person ist. Zudem versuche er, seinen Freundeskreis trotz den unregelmässigen Arbeitszeiten zusammenzuhalten und sein soziales Leben nicht zu vernachlässigen.

Die Rotzungenfilets hat Adrian in der Lebensmittelabteilung des Warenhauses gleich um die Ecke gekauft. Die Auswahl dort sei sehr gross, und er lasse sich gerne beraten. Auf Fleisch verzichtet er aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen: «Ich esse viel Gemüse, weil ich das Gefühl habe, es sei besser für mich.» Für Simon ist das Kochen ohne Fleisch eine Herausforderung: «Früher musste ich nur überlegen, was ich als Beilage auftischen wollte, während das Fleisch selbstverständlich gesetzt war. Bei vegetarischen Menüs kann ich kreativer sein.»

Während Adrian den Tisch deckt, den Wein probiert und rundherum aufräumt, was wir an Unordnung anrichten, ist Simon immer noch bei den Pfannen. Das Rezept kennt er auswendig, denn die Orangensauce sei schon als Kind eines seiner Lieblingsmenüs gewesen.

Wir sitzen am Tisch, gemeinsam mit der Kollegin von der Plattenfirma, die während des Interviews als Zuschauerin mit dabei war und mit den Jungs bald zum nächsten Termin eilen muss. Sie ist mit dem Menü höchst zufrieden: «Ich habe schon so viel von Simons Kochkünsten gehört. Jetzt weiss ich, dass dies mehr als bloss Gerüchte sind.»

Quelle: Matthias Willi
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