Hier sind sie: Martin Baumer, Massimo Schilling, Roland Altherr, Franco Scagnet und Hansi Dörig - Mitglieder der «Regierung», der bekanntesten aller ungewöhnlichsten Bands der Schweiz. Die fünf Musiker mit Behinderung teilen mit ihrem «normalbehinderten» Leader Heinz Büchel seit 25 Jahren Haus und Herd und sind neben ihrer Arbeit auf der Bühne täglich in der Küche tätig.

Büchel, der vor Jahren Koch gelernt hat, macht die Menüpläne. Bei der Umsetzung nehmen seine Mitarbeiter aber nicht immer den direktesten Weg: Zu autonom funktionieren sie, zu viele Ideen fliessen ein. Auf die Frage, ob er da mit Öl, Senf und Gewürzen eine Salatsauce oder eine Mayonnaise mache, antwortet Roland Altherr: «Keine Ahnung. Ich weiss bis jetzt nur, dass es grusig ist. Davon wird mir fast schlecht!» Wieso denn? Seine Mischung ist absolut in Ordnung. Ich helfe Martin Baumer beim Knacken der Nüsse für den Selleriesalat. Er überlegt laut, ob er beim Mittagessen ein Stück auf seiner neuen Trompete vorspielen soll.

Die «Regierung» arbeitet in der ehemaligen Textilfärberei Niederer in Ebnat-Kappel SG. Hier gibt es Proberäume, Ateliers und eine Küche. Die Bandmitglieder nennen das Haus schlicht «Die Fabrik» und vermieten den grossen Saal für Geburtstagsfeste oder Firmenanlässe. Dreimal pro Woche bieten sie zudem einen Mittagstisch für Gäste aus der Gemeinde an. Mit den Einnahmen aus Restaurationsbetrieb, Konzertauftritten, Anlässen und dem Verkauf von selbst hergestellten Produkten bestreitet das Kollektiv sein Budget. Ausser den persönlichen Renten und Ergänzungsleistungen der Bewohner fliessen keine öffentlichen Gelder in das Projekt. «Wir behaupten uns seit einem Jahr auf dem freien Markt», sagt Büchel nicht ohne Stolz.

In der Küche wird nicht gerade um die Wette gerüstet, aber es geht vorwärts. Die Rollen werden laufend neu besetzt. Zurzeit schält Franco Scagnet die Rüebli, während Massimo Schilling die Polenta rührt. Ein strenger Job, von dem er abgelöst werden möchte. Aber Heinz Büchel ermuntert ihn weiterzumachen. «Sklaventreiber», bekommt er dafür zu hören.

Dann hat Roland Altherr eine Idee: Er möchte einen Artikel für den Beobachter verfassen. «Worüber denn?», fragt ihn Heinz. «Weiss ich noch nicht.» Jemand schlägt vor, er solle über irgendeinen Skandal schreiben: «Feuerwehrmann klaut Feuerwehrauto» oder so ähnlich. Die Idee überzeugt Roland nicht. Er hirnt weiter.

Der gehörlose Franco Scagnet hält mir Zettel und Bleistift hin und bedeutet mir, zu schreiben. Helena Schmid, Managerin der Fabrik und Organisatorin der Anlässe, übersetzt: «Er möchte, dass du Namen und Geburtsdatum hinschreibst.» Franco Scagnet führt seit langem eine Kartei und erfasst alle, die er kennt oder die ihn besuchen. Klar, dass ich ihm den Wunsch erfülle. Massimo Schilling ist unterdessen dort, wo er meistens arbeitet: am Schüttstein. Er wäscht ab und gibt Geschirr, Schüsseln und Rüstzeug heraus - daher auch sein Spitzname «Magaziner».

«Hier herrscht kein Stress»

Vor kurzem sollte die «Regierung» ein Essen für eine Konfirmation zubereiten. Das Menü: Schnitzel mit Pommes frites. Was tun, wenn man frische Frites anbieten will, aber keine Fritteuse vorhanden ist? Heinz Büchel fand jemanden, der eine Garage voller professioneller Küchengeräte hatte. Die «Regierung» kaufte dort letztlich mehr ein, als ihr Budget zuliess, weshalb man sich mit dem Verkäufer auf ein Gegengeschäft einigte: Er wird demnächst ein privates Fest in der «Fabrik» feiern können.

Hansi Dörig, der in der Küche fehlte, ist inzwischen zu uns gestossen und hilft beim Tischdecken. Er wird später wieder zum Einsatz kommen. Sein Ressort ist der Komposthaufen, den er mit Hingabe pflegt.

Die ersten Gäste trudeln ein, Handwerker aus dem Dorf, denen die «Regierung» längst ein Begriff ist. «Wir kommen hierher, weil das Essen hervorragend und günstig ist. Und weil kein Stress herrscht», erzählt ein junger Maler. «Den kannten wir schon als Bub, der ist schon recht», gibt Martin Baumer das Kompliment zurück.

Das Essen ist unglaublich preiswert: Sieben Franken kostete das Menü bis vor kurzem. «Jetzt haben wir weisse Tischtücher», witzelt Heinz Büchel, «darum mussten wir einen Franken aufschlagen.»


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Ursula Meisser
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