Die Wohnung des Kunstmalers Dieter Leuenberger befindet sich in einem Geschäftshaus im Zürcher Enge-Quartier. Der Lift fährt bis ins oberste Stockwerk, von wo das letzte Stück zu Fuss genommen werden muss. Über eine Wendeltreppe gelangen die Besucher in die Attikawohnung, in der die kühle Sachlichkeit des Gebäudes schnell vergessen geht.

Auf der Speisekarte stehen heute Lasagne mit Radicchio rosso di Treviso. Den roten, leicht bitteren Blattsalat kochen wir mit Speckwürfeln zu einem Sugo. Vorher aber wird der Teig gemischt und durch die Walze gedreht, bis er hauchdünn ist.

Bei den Vorbereitungen zeigt sich Leuenbergers Erfahrung mit Materialien, die unerwünschte Spuren hinterlassen könnten. Seine Erfindung: mit Packpapier überzogene Pavatex-Platten als Auslegeflächen für die mehligen Teigblätter.

Malen nach Spielregeln

Auf der Terrasse steht ein Sonnenschirm, der für «San Pellegrino» wirbt. Es ist ein Geschenk von jemandem, der wusste, dass Leuenberger das Design gefällt. Der Gastgeber erzählt die Geschichte und entschuldigt sich sogleich, dass er uns nicht das entsprechende Mineralwasser anbieten könne. Er serviert ein Glas «Valser».

Als Illustrator von bereits geschriebenen Geschichten hat Leuenberger bisher Bilder für mehrere Bücher gemalt. Umgekehrt verlief der Weg beim Jubiläumsband zum 40. Geburtstag des Zytglogge-Verlags, der soeben erschienen ist. Für das Buch «Aus der Welt» lieferten Autoren wie Helmut Hubacher, Gisela Widmer oder Franz Hohler Texte zu Bildern, die Leuenberger vorher gemalt hatte.

«Es war eine neue Erfahrung», sagt Dieter Leuenberger, «zu sehen, was mit meinen Geschichten passieren kann. Ich musste lernen, auch andere Fantasien als meine eigenen zuzulassen.» Auch der Austausch mit den Schreibern, von denen einige sein Atelier besuchten, sei sehr interessant gewesen. Der Kunstmaler sieht sich als Handwerker: «Die Inspiration ist an einem kleinen Ort – wesentlich mehr Zeit braucht die Fleissarbeit.» Täglich finde man ihn zu Bürozeiten in seinem Atelier, wo er an seinem Werk arbeite: Acryl auf Leinwand. Was, wenn ihm mal die Motivation fehlt, sprich: wenn es ihm stinkt? «Ich nehme es hin, denn ich weiss, dass die meisten Menschen, in welchen Berufen auch immer, solche Phasen haben.»

In Dieter Leuenbergers Wohnung hängen einige eigene Bilder. Ein paar kleine Formate fallen auf, weil überall eine schwarze Katze zu sehen ist: «Ich habe meiner Partnerin eine Zeit lang zum Geburtstag Bilder ihrer Katze in absurden Situationen geschenkt: vor einem Löwenkäfig, unter einer Giraffe, neben einem heulenden Jungwolf.»

Solche Spielregeln legt Dieter Leuenberger vor jeder Bilderserie fest. «Ich bin kreativer, wenn meine Fantasie an Grenzen stösst», sagt er. «Wenn alles erlaubt ist, besteht die Gefahr der Beliebigkeit.»

Die Inspiration für seine Arbeiten holt sich Leuenberger im Alltag. Das volle Spülbecken mit den unabgewaschenen Spaghettitellern auf einem Bild zeigt seine eigene Küche. Zur fotorealistisch reproduzierten Wirklichkeit kommen aber fast immer kleine Irritationen, wie etwa der Fisch, der aus dem Abwaschwasser guckt. Mit solchen surrealen Kleinigkeiten erzeugt Leuenberger Spannung und fordert den Betrachter heraus.

Eine weitere Inspirationsquelle sind seine Ferienreisen. «Man kann an meinen Bildern ablesen, in welche Länder es mich am meisten zieht», sagt er und stellt gleich eine Hitparade seiner Lieblingsdestinationen zusammen. Auf den Podestplätzen sind Italien, gefolgt von der Namib-Wüste und Kalifornien. Leuenberger liebt die Vielfalt der USA und die Möglichkeit des unkomplizierten Reisens.

Eine höchst kreative Familie

Der Kunstmaler kommt aus einer kreativen Familie, was sich schon in Mutters Küche manifestierte: «Sie hört es vermutlich nicht gerne, aber ich liebte ihre aus Resten zusammengestellten Kreationen.» Seine Schwester ist Musikerin, einer der Brüder Sprachlehrer und Übersetzer in Spanien. Der andere Bruder hat als Bundesrat zwar nicht jede Menge Freiheiten, lebt aber seine Kreativität immerhin in pointiert formulierten Reden aus.

Dieter Leuenberger hat keine direkten politischen Botschaften und will seine Kunst nicht didaktisch verstanden wissen. Trotzdem verpackt er zuweilen Visionen in seine Bilder. Beim Schweizer Fernsehen verwandelte er vor Jahren die ganze Wand eines Sitzungszimmers in einen vom Urwald zurückeroberten Stadtteil. Der Stadtteil war Zürich-Oerlikon, und der Bildausschnitt entsprach genau der Aussicht von der gegenüberliegenden Fensterseite – nur dass in der wirklichen Welt der Beton die Oberhand behielt. Ich bin damals während mancher Sitzung gedanklich in Leuenbergers Welt eingetaucht.

Jetzt sitze ich mit Dieter Leuenberger auf der Dachterrasse bei einem Glas Weisswein. Auch ohne Wandbild lässt sich hier feststellen: Zürich ist an manchen Stellen erstaunlich grün. Nur das Tram, das ab und zu unten vorbeirattert, erinnert an die urbane Umgebung. Und wie als Antwort darauf tutet in der Ferne ein Dampfschiff.

Quelle: Ursula Meisser
Anzeige