Wir probieren etwas aus: CVP-Präsidentin Doris Leuthard hat von einem Bekannten ein Gemüse geschenkt bekommen – mit der Bitte, es zu testen. Er denke daran, es in Zukunft anzupflanzen. Der Mann ist Biobauer, das Gemüse ein wilder italienischer Fenchel: finocchio selvatico.

Doris Leuthard lebt in Merenschwand, einem kleinen Dorf im aargauischen Reusstal. Von ihrem Gartensitzplatz geht der Blick auf eine Wiese, ein Maisfeld, den nahe gelegenen Wald und weiter hinten auf Zugerberg und Rigi.

Keine Strasse weit und breit, keine Baustellen. Diese finden sich eher in ihrem politischen Berufsalltag. Leuthard schaut in ihre Agenda: Die Belastung sei so gross, dass sie bis Mitte November keinen freien Abend habe. Derzeit stehen viele Termine im Zusammenhang mit der Abstimmung für die Personenfreizügigkeit an. Dort werbe sie selbstverständlich für ein Ja.

Es ist noch halbwegs Sommerpause, weshalb sich Leuthard die Zeit nimmt, mit mir ein thailändisches Gericht zu kochen. Der einheimische Fenchel werde wohl dazu passen, meint sie. Anders als in der gesellschaftlichen Realität ist Integration in der Küche eine unkomplizierte Sache.

Die Kür als Pflicht

Die Politikerin hat das erste Jahr als CVP-Präsidentin hinter sich. Sie musste sich daran gewöhnen, dass jeder Schritt beobachtet und kommentiert wird. Welche Bilanz zieht sie nach dem ersten Jahr? «Ich bin zufrieden, aber nicht euphorisch», gibt Doris Leuthard zu Protokoll. Die Antwort ist geschickt austariert: Aussage und Relativierung zugleich. Trotzdem wirkt das Statement nicht berechnend. Die Frau ist in Sachen Kommunikation offenbar sattelfest.

Grossspuriges Auftreten ist hingegen nicht ihre Sache. Schon eher das konzentrierte Arbeiten, auch an den Details. Ihre Kernaufgabe sei das Setzen von Themen: «Ich möchte mit der CVP politische Inhalte aktiv gestalten, bevor ich auf die Provokationen der anderen Parteien reagiere.» Die Kür als politisches Pflichtprogramm.

Auch das Echo der Öffentlichkeit ist nach zwölf Monaten nicht schlecht. «Es gibt aber durchaus Gruppen, die unzufrieden sind», stellt die Nationalrätin fest. An einer Jungbürgerfeier wurde ihr vorgeworfen, man tue zu wenig gegen Jugendgewalt. Wenn Mädchen am Bahnhof dauernd angemacht würden, kümmere dies niemanden. «Dieser Unmut richtet sich nicht gegen mich als Person. Trotzdem muss man ihn ernst nehmen», meint die Aargauerin.

Die Küchenarbeit läuft nach Doris Leuthards Vorgaben. Die Aufträge an den Helfer sind klar, lassen aber Spielraum offen. Die Köchin bestimmt weder Form noch Grösse der Gemüsestücke, noch kontrolliert sie die Arbeiten hinterher. Es scheint, als hätte sie, ohne allzu viel über meine Fähigkeiten zu wissen, Vertrauen.

Improvisieren beim Kochen, sagt Doris Leuthard, habe sie bei ihrer Mutter gelernt. Die ehemalige Wirtin lud oft Gäste nach Hause ein und kochte, worauf sie gerade Lust hatte. Eines von Doris Leuthards Lieblingsmenüs waren Hacktätschli mit selbst gemachtem Kartoffelstock. Und «Müsli-Blättli» – im Bierteig frittierte Salbeiblätter, serviert mit Zucker und Zimt. Ganze Berge habe die Familie davon jeweils vertilgt.

Vertrauen von allen Seiten

Später musste Doris Leuthard ein Jahr lang die Hauswirtschaftsschule besuchen. Der Unterricht gefiel ihr aber weniger als das freie Kochen zu Hause. Auch das Einkaufen war nicht nach ihrem Gusto. Noch heute, bemerkt ihr Mann Roland Hausin, shoppe sie lieber Handtaschen oder Schuhe als Lebensmittel.

Die Beziehung des langjährigen Paars wird durch Doris Leuthards viele Auswärtstermine immer wieder auf die Probe gestellt. Früher war es umgekehrt, nahm doch ihr Mann einmal ein dreijähriges berufliches Engagement in Kanada an. «So gesehen habe ich immer noch Guthaben auf meinem Konto», kontert sie den Shopping-Seitenhieb.

Doch zurück zum politischen Alltag. Doris Leuthards Interesse für das Gegenüber – der Soziologe würde es wohl «aktives Zuhören» nennen – hat zur Folge, dass sie im Bundeshaus als Vertrauensperson wahrgenommen wird. Ab und zu sei es vorgekommen, dass Kolleginnen und Kollegen – auch aus anderen Parteien – nach schwierigen Geschäften oder medialen Turbulenzen ihre Sorgen bei ihr hätten loswerden wollen.

Damit sie in Bundesbern die Bodenhaftung nicht verliert, arbeitet die Politikerin weiterhin Teilzeit in ihrer Anwaltspraxis. «Die Anliegen der einfachen Leute oder von kleineren Firmen sind konkret und verlangen schnelle und klare Lösungen», sagt sie. In der Politik werde viel geredet, und es dauere oft sehr lange, bis ein greifbares Resultat herausschaue.

Der Sitzplatz vor dem Haus zeigt sich an diesem sonnigen Abend von der idyllischen Seite. Wir löffeln die Suppe mit den selbst gemachten Teigtaschen und machen uns hinterher mit Stäbchen über Reis, Gemüse und Fleisch her.

Das Essen ist hervorragend. Trotzdem ist Doris Leuthard in Gedanken immer wieder bei der Politik und bei all den Themen, die sie als Parteipräsidentin setzen will: «Die älteren Arbeitnehmer liegen mir am Herzen», sagt sie. «Ihnen müssen wir vermehrt unsere Aufmerksamkeit schenken.» Das ist richtig. Aber den Jungen auch! Baustellen halt.

Quelle: Ursula Meisser
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