Die Fotografin fragt, ob sie die Schuhe ausziehen soll, worauf Edith Hunkeler antwortet, das sei nicht nötig, sie habe manchmal auch nasse Rädli. Ich suche einen dritten Stuhl, bis ich daran denke, dass die Gastgeberin keinen braucht. Wir staunen über die schön aufgeräumte Wohnung und die grosse Küche und lernen, dass das praktische Gründe hat. Es sei nämlich unangenehm, über ein paar Schuhe zu fahren. Und ausserdem gefährlich.

Hunkeler ist seit einem Autounfall vor zehn Jahren querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gebunden. Längst führt sie einen selbstständigen Haushalt, wenn auch etwas anders als wir «Fussgänger».

Das Rezept, das uns die mehrfache Marathonsiegerin kochen möchte, hat sie von ihrer Mutter: Spätzli mit Gemüse. Pfannen und Geschirr holt Edith allesamt aus den unteren Schränken. Oben, wo sie trotz abenteuerlichen Turnübungen und selbst unter Zuhilfenahme eines Hockeyschlägers schlecht hinkommt, verstaut sie nur Sachen, die sie selten braucht und die nicht kaputtgehen, wenn sie mit dem Sportgerät danach fischt.

Der Hockeystock als Küchenhilfe kommt nicht von ungefähr, denn ihr Lebenspartner Marc Wolf ist Unihockeyspieler. Seit sie den Bündner vor gut drei Jahren kennen lernte, pendelt sie hin und her zwischen ihrem Wohnort Egolzwil im Luzernischen und seiner Heimat Chur, hin und her zwischen Land und Stadt. In der Bündner Hauptstadt findet es Edith Hunkeler äusserst praktisch, dass alles so nahe beieinander ist. Auf das Auto kann man fast verzichten. Eine neue Erfahrung war aber für die Bauerntochter, dass man sich vor dem Kochen nicht im Gemüsegarten bedienen konnte. Sie war über 30, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben Rüebli im Laden kaufen musste.

Das Gemüse putzt Edith mit dem Rüstbrett auf den Knien. In ihrer Küche ist die Anrichte auf Normhöhe für sie als Arbeitsfläche ausser Reichweite. Edith Hunkeler erzählt aus ihrem Leben, das zu einem grossen Teil mit Sport ausgefüllt ist. Die Spitzenathletin, die Ende 2003 zum dritten Mal zur Schweizer Behindertensportlerin des Jahres gewählt wurde, hat fürs laufende Jahr ein grosses Ziel: Im September möchte sie bei den Paralympics in Athen dabei sein, nachdem sie die letzten Spiele in Sydney wegen einer Verletzung verpasst hat.

Wettrennen gegen imaginäre Gegner


Bis dahin hat sie einen gedrängten Terminplan: der Boston-Marathon, verschiedene Qualifikationsrennen in der Schweiz, der Marathon in Schenkon, ein 10-Kilometer-Rennen auf Long Island, ein anderes in Atlanta, ein Trainingslager in Florida, später eines in Tenero.

Dazwischen liegen unzählige Stunden im Kraftraum und knallhartes Ausdauertraining, das sie in der kalten Jahreszeit zu Hause absolviert. Der Rennstuhl steht in einer winzigen Abstellkammer auf einer Rolle. Hier kämpft Hunkeler mehrmals wöchentlich gegen imaginäre Gegnerinnen oder fährt, ohne vom Fleck zu kommen, Rennen auf Strecken, die nur vor ihrem geistigen Auge ablaufen.

Nachdem sie mir eröffnet hat, dass auch heute sowohl Sellerie wie auch Rüebli, Zwiebel und Knoblauch vom elterlichen Hof seien, frage ich sie, ob sie zu Hause auch Hühner hätten. «Ungefähr 12000 Stück», sagt sie, denn der Vater und der Bruder betreiben eine Hühnerfarm. Natürlich gehört zu Edith Hunkelers Nüsslisalat ein Ei. Ganz hausgemacht ist der Salat aber nicht: Ihre Lieblingssauce ist ein marktübliches French Dressing, und das kommt aus der Flasche.

Bei Hunkelers war es selbstverständlich, dass die Kinder im Haushalt mithalfen. Auch Edith hatte ihre Ämtli: Bad und Küche putzen, Mittagessen kochen. «Ich hatte aber nicht immer Lust. Man merkte es dem Essen an, ob es mein Tag war oder nicht», beschreibt die Ausdauersportlerin ihre ersten Küchenerfahrungen. Viel lieber war sie im Stall und melkte die Kühe, von denen sie alles wusste, sogar den Namen des Erzeugers. Oder sie half der Mutter im Garten. Edith hätte heute gerne ein paar eigene Beete, wenn sie die selber bewirtschaften könnte. So muss sie sich aufs Naschen von Beeren beschränken, die sie liebend gern, manchmal noch halb grün, von den Büschen zupft.

«Aromat ist ein Stück Heimat»


Bei den Spätzli wirds ernst. Die Arbeit mit der Bratpfanne ist für Edith Hunkeler eine heikle Angelegenheit. Die Herdplatte ist genau auf Augenhöhe, das Fett spritzt ihr direkt ins Gesicht, wenn sie zu nahe herangeht. Edith nimmt ihr Lieblingsgewürz zur Hand, die gelbgrüne Dose mit dem roten Deckel – früher in der Küche unverzichtbar, heute von vielen Hobbyköchen verschmäht: das altehrwürdige Aromat. Das würde sie niemals hergeben, gesteht sie: «Das ist ein Stück Heimat für mich. Ich nehme es sogar mit nach Amerika.»

Von ihrer Wohnung aus hat sie, wenn das Wetter besser ist als heute, eine fabelhafte Aussicht auf die Alpen. Vom Säntis über Rigi und Pilatus bis Eiger, Mönch und Jungfrau. Sie mag die Gipfel aber nicht nur von unten anschauen, sondern liebt es, oben zu stehen und die Aussicht zu geniessen. Die Bergbahnstationen mit den vielen Treppen sind für sie allerdings eine besondere Herausforderung. Edith Hunkeler, die sonst so selbstständige Frau, stösst in solchen Situationen an Grenzen: «Ich mag es nicht, wenn ich jemanden um Hilfe bitten muss.»

Nach dem Essen biete ich an, die Küche aufzuräumen. Edith Hunkeler hat keinen Geschirrspüler. Es wundert mich trotzdem nicht, dass sie dieses Angebot ablehnt. Der Abwasch sei schnell gemacht, sagt sie. Sie werde bereits wieder auf dem Trainingsrollstuhl sitzen, noch bevor wir zurück in Zürich seien.