Eigentlich ist es ja ein gewöhnlicher Küchenschrank. Aber die Sammlung von getrockneten Steinpilzen, Totentrompeten, Kuhmäulern und Röterrittlingen macht ihn zu einem wahren Schatzkästchen. Elmar Ledergerbers Augen leuchten vor Freude, wenn er seine Nase in die einzelnen Gläser steckt. Besonders exklusiv sind die zu feinem Pulver zerriebenen Herbsttrompeten, die er als Gewürz für verschiedene Saucen verwendet. Oder seinen Liebsten zu Weihnachten schenkt.

Der Zürcher Stadtpräsident lebt am Rand der City, unweit von der Üetlibergbahn, die man ab und zu draussen vorbeirumpeln hört. «Das ist fast so etwas wie ein Südanflug», bemerkt Ledergerber. «Zwar weniger laut und nicht so bedrohlich. Trotzdem wache ich morgens auf, wenn die Fenster offen sind.»

Das Menü entsteht beim Kochen
Aber wer redet denn von Schlafen im Zusammenhang mit Elmar Ledergerber? Der Mann ist die Wachheit in Person, stets voller Energie und immer «eins zu eins». Was er auch sagt und tut, er sagt und tut es frisch von der Leber weg. Er lässt, nicht nur in der Küche, nichts anbrennen und ist kaum in Verlegenheit zu bringen.

Das zeigt sich bereits bei den Vorbereitungen fürs heutige Nachtessen. Ledergerber hat sich vorgenommen, Fisch und Pilze zu kochen. Ganz sicher ist er aber noch nicht. Er spielt mit dem Gedanken, ein Kürbisrahmsüppchen zwischen die Gänge zu schieben. Oder nein, doch lieber zuerst den Toast und dann das Ragout, abgerundet mit einem reifen Brie?

Ledergerbers Planung verläuft rollend. Die zwei bis drei nächsten Schritte hat er in Arbeit, denkt sie laut vor sich hin, um sie gleich wieder zu verwerfen und neu zu erfinden. Was weiter vorausliegt, wird ihn erst später interessieren.

Die Küchenschürze mit den Buchstaben «EL» und dem Zürcher Wappen drauf hat Elmar Ledergerber im Büro vergessen. Nicht dass er selber auf die Idee gekommen wäre, sich seine Initialen auf die Schürze nähen zu lassen. Es ist in Wahrheit ein Erbstück von einem seiner Vorgänger, dem früheren Stapi Emil Landolt. Dessen Schürze wurde in seiner ehemaligen Villa gefunden und landete schliesslich als Geschenk beim aktuellen «EL».

Der grosse Meister wird variiert
Nun muss Elmar Ledergerber die Schürze zu sich nach Hause organisieren. Er macht einen telefonischen Umweg über den Sohn seiner Partnerin, der in der Innenstadt wohnt. Dieser wird die Schürze im Stadthaus abholen und seiner Mutter, die später zu uns stossen wird, mitgeben. Ein paar Anrufe später ist das Problem logistisch im Griff. Die Kocherei kann beginnen.

Die Arbeitsschritte gehen fast nahtlos ineinander über: Kräuter und Zwiebeln hacken, Peperoni schälen, Pilze putzen. Obwohl Elmar Ledergerber ein Rezept des bekannten italienischen Kochs Antonio Carluccio im Kopf hat, dient dieses bloss als Inspiration und ist der Ausgangspunkt für ein kulinarisches Experiment.

Elmar Ledergerber, der Geniesser. So leidenschaftlich er für Gelungenes schwärmen kann, so ungehalten ist er, wenn seinen Projekten etwas in die Quere kommt. Dass der VCS die Pläne für ein neues Zürcher Fussballstadion torpediert hat, hat er noch immer nicht verdaut.

Überhaupt: Dass in der Politik alles so laaangsam gehe und sooooo viel Geduld brauche, darunter leidet er. Da gehts in der Küche bedeutend einfacher. Wegen seines hohen Arbeitspensums «darf unter der Woche in der Regel kein Menü länger als eine halbe Stunde Vorbereitungszeit beanspruchen».

Von der Musik in die Politik
Als Klein Elmar Klosterschüler in Engelberg war und die Zukunft wie einen langen engen Tunnel sah, der nie enden wollte, hatte er sich ganz der Musik verschrieben. «Es war eine Flucht. Ich hielt die Schule fast nicht aus und spielte darum täglich stundenlang Klavier», erinnert er sich. Sein Berufswunsch damals: Dirigent. Nun – ist er nicht so etwas wie ein Dirigent geworden? Statt eines Orchesters leitet er immerhin die Geschicke einer ganzen Stadt.

Einer seiner beiden Söhne kommt kurz auf Besuch. Er holt sein Fahrrad ab, bespricht mit dem Vater das neue Sicherheitsschloss, das er dringend brauche. Ledergerber wundert sich: «Warum braucht er ein neues Schloss, wenn er zum alten zwar den Schlüssel verloren hat, es aber mit einer Büroklammer öffnen kann?»

Ledergerbers Partnerin Marie-Claire Meienberg ist eingetroffen, zusammen mit einer Freundin. Wir trinken als Aperitif einen Weisswein. Nicht irgendeinen. Der Wein stammt von Freunden, die 1956 aus Ungarn in die Schweiz flüchteten. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs bewirtschaften sie in ihrer alten Heimat einen Weinberg mit Riesling-Trauben.

Nach Häppchen in Form von Pilztoast serviert Ledergerber sein Fischragout. Dieses schmeckt nicht nur sehr gut, sondern sieht auch so aus. Der Koch achtet, wie er sagt, auch auf die Präsentation. Für die Farbe hat er die Peperonistücke neben Reis und Ragout gelegt. Und dazu gibts, als gelbe Tupfer, ein paar Maiskörner.

Bei der Verabschiedung zeigt mir Elmar Ledergerber einen gegabelten Stock, der neben der Eingangstür steht. Er brauche dieses Werkzeug, um beim Pilzesuchen unter Blätter und Sträuche zu schauen. Für die Zeit nach seiner Pensionierung habe er aber eine noch viel bessere Idee: «Ich werde mir einen Hund kaufen und ihn aufs Trüffelsuchen abrichten.»

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