Eigentlich würde Eveline Hasler ein Nachtessen vorziehen. Mit ihrem Mann Paolo kocht sie gern Mehrgänger, die sie mit einem Glas Wein krönt. Denn Abendessen sind in südlichen Regionen Tradition: «Sie sind gemütlicher, fördern gute Gespräche und sind gut für die Seele», meint die Autorin. Stattdessen wird sie es mir zuliebe vielen ihrer Freunde aus dem Norden gleichtun, die behaupten, mittags essen sei gesünder und vernünftiger.

Aber wer will denn mit Eveline Hasler über Vernunft reden? Der Schriftstellerin sind im Verlauf ihrer historischen Recherchen viele Grausamkeiten begegnet, die die schlimmste Fantasie nicht erfinden könnte. Den Figuren ihrer Romane - Anna Göldin, der Vogelmacherin, Henry Dunant, Julie Bondeli und ihrem freiheitsdurstigen Lehrer Samuel Henzi - widerfuhren Schicksale, die mehr mit menschlichem Wahnsinn als mit Vernunft zu tun haben.

Aus dem prallen Leben

Es ist ein angenehmer Herbsttag im Locarnese. Ein Hauch von Sonne dringt durch den Dunst, die Temperatur ist mild, die Sicht auf Lago Maggiore und Brissagoinseln atemberaubend. Eveline und Paolo Hasler haben frische Pilze gesammelt. Auf einer Waldwiese in der Nähe gibts Maronenröhrlinge, grosse Schirmlinge, Birkenröhrlinge, den seltenen Semmelstoppelpilz oder auch Steinpilze.

Wir stehen in der Küche, die Autorin erzählt. Mancher Gegenstand im Haushalt ist mit Anekdoten verknüpft. Die riesigen Pastateller hat der Sanssouci-Verlag anlässlich der Herausgabe von Eveline Haslers Buch «Spaziergänge durch mein Tessin» als Geschenke herstellen lassen. Darauf kann man eines der Originalrezepte lesen, die in jenem Band versammelt sind.

Eveline Hasler erzählt so leidenschaftlich, dass wir das Kochen vergessen. Das Resultat: Die Zwiebeln für die erste Portion Steinpilze verbrutzeln. Nun machen wir konzentrierter weiter. Für den zweiten Gang kümmere ich mich um die Spinat-Ricotta-Füllung, eine chirurgische Feinarbeit, wie die Köchin es nennt. Es gilt, die Masse gleichmässig in die Öffnung der Lachstranchen zu verteilen.

Ich versuche, von Eveline Hasler einen Hinweis auf ihr nächstes Buch zu erhalten. Über welche Persönlichkeit wird sie schreiben? Sie will und darf es nicht sagen: «Eine brasilianische Wahrsagerin hat mir mal eingeschärft, auf keinen Fall über einen zukünftigen Stoff zu reden, denn das entzieht ihm Energie.» So viel sei aber verraten: «Es handelt sich um ein Thema aus der jüngeren Vergangenheit, wiederum eine Geschichte aus dem prallen Leben.»

Die Warnung der Schwiegermutter

Die erfolgreiche Schriftstellerin ist eine Perfektionistin. Um ein Buch zu schreiben, braucht sie rund drei Jahre. In dieser Zeit ist sie eine einsame Kämpferin und nie ganz sicher, ob sie die Leserinnen und Leser wirklich erreicht. Das merkt sie erst, wenn die Bücher sich verkaufen und sie bei Lesungen spürt, wie das Publikum reagiert. Für ihren grossen Erfolg will Eveline Hasler jedoch nicht allein verantwortlich sein: «Den verdanke ich vor allem meinem Romanpersonal», meint sie.

In der Küche ist Eveline Hasler flink zugange. Ohne Rezeptbuch mischt sie die Zutaten, hantiert nach Gefühl mit Schüsseln und Pfannen. Sie lässt sich grundsätzlich von ihren Eingebungen leiten, denn beim Kochen ist es offenbar wie beim Schreiben. Wie die Geschichten haben auch die Menüs ihr Eigenleben und folgen ihrer eigenen Logik.

Paolo Hasler erinnert sich mit Vergnügen an eine Episode, die sich vor ihrer Hochzeit zugetragen habe. Seine Schwiegermutter habe ihn gewarnt, Eveline könne nichts anderes als schreiben. Das stimmte nachweislich nicht. Jahrelang verköstigte die berufstätige Hausfrau ihren Mann und die drei Kinder, immer wieder gestresst durch die tickende Uhr: «Auch wenn ich tief in den Nachforschungen zu einer Geschichte versunken war: Um Punkt zwölf kamen alle nach Hause, da musste das Mittagessen bereitstehen.»

Heute spielt die Zeit eine untergeordnete Rolle. Wir trinken einen Apéro und reden über den Alltag der Deutschschweizer im Tessin. Haslers sind vor 15 Jahren von St. Gallen an den Lago Maggiore gezogen. «Wir haben hier gute Beziehungen zum Kulturleben und zu den Menschen im Dorf», sagt Eveline Hasler. Vor allem aber hat es ihr das Licht in dieser Region angetan.

Die Gastgeberin tischt ein reichhaltiges Menü auf. Die Teigwaren eröffnen das Mittagessen auf traditionell italienische Art, der Fisch übernimmt die Fortsetzung. Der kulinarische Höhenflug und die warme Sonne lassen vergessen, dass bald die kalte Jahreszeit kommt, in der es auch hier recht ungemütlich sein kann. Hermann Hesse - der im Tessin gelebt hat und mit dessen Sohn Heiner Haslers bis zu seinem Tod befreundet waren - soll einmal gesagt haben: «Im Winter gehe ich nach Norden, wo ordentlich geheizt wird.»


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Igor Ponti
Anzeige