Der Kuchen auf der Ablage ist nicht die Kürbiswähe, die heute auf dem Kochprogramm steht, sondern ein Toggenburger Doppelfladen. Hanspeter Usters Frau Kathrin hat ihn gebacken. Als Gattin eines vielbeschäftigten Politikers weiss sie, wie sie ihren Mann vor Überforderungen schützt: Er solle sich auf den Hauptgang konzentrieren, habe sie ihm gesagt, bevor sie zur Arbeit ging - denn wenn sie nach Hause komme, wolle sie subito essen.

Hanspeter Uster, Zuger Regierungsrat und Vorsteher der Sicherheitsdirektion, verlängert seine Mittagspause, um mit mir zu kochen. Er scheint die kurzfristige Befreiung von den Alltagsaufgaben zu geniessen. Eingekauft aber hat, wiederum als Entlastung, seine Frau. Hanspeter Uster komme nämlich beim Posten meist nur langsam voran, denn er werde auf Schritt und Tritt angesprochen von Menschen, die sich mit dem Magistraten austauschen wollen. Eine Ablenkung, die er jeweils gerne geschehen lässt.

Verrückter, Geizhals, Weiser

Wir beginnen mit der Salatsauce. Hanspeter Uster mischt sie nach dem italienischen Rezept «Olio come un pazzo, aceto come un avaro, sale come un saggio» (Öl wie ein Verrückter, Essig wie ein Geizhals, Salz wie ein Weiser). Mengenangaben, mit denen nur derjenige umgehen kann, der ein gutes Augenmass hat. Dieses hat der Koch soeben bewiesen, als er eine Tranche Speck von einem grösseren Stück abschneiden musste. 80 Gramm waren verlangt, präzis 80 Gramm zeigt die digitale Waage an.

Gutes Augenmass bewies Hanspeter Uster auch in seiner 16-jährigen Amtszeit als Sicherheitsdirektor des Kantons Zug. Der Jurist, der seine politische Karriere in der Revolutionären Marxistischen Liga begann, wurde nach nur einer Legislaturperiode als Kantonsrat überraschend in die Exekutive gewählt. Die bürgerlichen Kollegen überliessen ihm das Departement, dem die Polizei untersteht. Wer damit rechnete, dass er inmitten seiner ehemaligen Gegenspieler scheitern würde, wurde enttäuscht. Uster traf den richtigen Umgangston und signalisierte, dass er die Leute in Uniform ernst nahm. Er wurde zu einem der beliebtesten Politiker im Kanton Zug und erzielte bei den Wiederwahlen Glanzresultate.

«Das Attentat werde ich nie vergessen»

In der Küche steht Hanspeter Uster (Übername «Chnuschpi») heute nur noch selten. Sein achtjähriger Sohn Simon macht ihm schon Konkurrenz. Was er in der Kochschule lernt, probiert er zu Hause aus, etwa die würzige Olivenpaste, die wir zum Aperitif auf Brötchen streichen. Zudem mache Simon sich nützlich, indem er manchmal für seinen älteren Bruder David (elfjährig und stets hungrig) koche. Dieser könne jeweils aus einer Menükarte unter zehn verschiedenen Speisen aussuchen.

Die vergangenen Wochen und Monate waren für den auf Ende Jahr zurücktretenden Regierungsrat höchst anstrengend. Vor kurzem wurde der fünfte Jahrestag des Attentats im Zuger Kantonsratssaal begangen. Uster wurde damals nicht nur körperlich verletzt, sondern litt auch psychisch lange Zeit darunter. Der diesjährige runde Gedenktag fand in den Medien und bei den Betroffenen besondere Beachtung und liess die Emotionen wieder hochkommen. «Mit der Zeit habe ich das, was passiert ist, verarbeitet», sagt Hanspeter Uster, «vergessen werde ich es aber nie.»

Kürzlich ist ein Buch über Hanspeter Uster herausgekommen mit dem Titel «Es ist ein Wunder, dass es funktioniert hat». Im Dialog mit der Journalistin Barbara Lukesch kreist er darin seinen Werdegang ein und analysiert die Weichenstellungen seiner Karriere. Die Buchpremiere, die mitten im Wahlkampf um den Zuger Ständeratssitz angesetzt war, sorgte in Usters Alltag für zusätzliche Spannung.

Den Einzug ins Stöckli hat Uster verpasst, dafür schaut er jetzt umso neugieriger in die Zukunft. «Vielleicht werde ich weiterhin politisch arbeiten, zum Beispiel als Analyst oder in beratender Funktion», stellt er sich vor. Er liebe Probleme, gibt Uster zu, «solange es nicht meine eigenen sind».

So oft wie möglich gemeinsam essen

Hanspeter Uster stammt aus einer Arbeiterfamilie, in der Traditionen und Rituale wichtig waren. Er erinnert sich an die Klassiker aus Mutters Küche, die mit schöner Regelmässigkeit aufgetischt wurden: «Am Dienstag gabs Leberli oder Kutteln, am Freitag Fisch oder Wähe, am Samstag Siedfleisch oder Speck mit Bohnen, am Sonntag Braten oder Rahmschnitzel.»

Die gemeinsamen Mahlzeiten sind dem Familienvater bis heute ein Anliegen. Auch in Stresszeiten fährt Uster so oft wie möglich mit dem Velo nach Hause, um mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen zu essen. Zusätzlich muss er an unzähligen Anlässen, inklusive Nachtessen, Präsenz zeigen. Dabei versucht er, Mass zu halten, um nicht in wenigen Jahren rund wie ein Bilderbuchregierungsrat zu werden.

Beim Essen stellt Kathrin Staubli Uster fest, dass sie beim Brotbacken am Morgen das Salz vergessen hat. Ihr Mann - ganz Politiker - dreht das Defizit ins Positive, indem er eine Schale feinstes Fleur de Sel auf den Tisch stellt und behauptet: «Wir machen Erlebnisgastronomie - bei uns kann der Gast sein Brot individuell salzen.» Hanspeter Uster muss selber lachen über den Chabis, den er da erzählt. Über solche Gedankenspiele freut er sich mindestens so sehr wie über eine gelungene Kürbiswähe.


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Niklaus Spoerri
Anzeige