Hugo Stamm erwischte mich auf dem falschen Fuss: Ich hatte mich auf einen Menschen eingestellt, der, so behaupten seine Kritiker, unnachgiebig, verbissen, zuweilen sogar sektiererisch sei. Aber in diesem Punkt war die Begegnung enttäuschend: Ich habe Stamm als lebensfrohen und humorvollen Menschen kennen gelernt.

Der 54-jährige Sektenspezialist lebt mit seiner Partnerin Edith in einem Reihenhaus am Zürcher Stadtrand. Es ist ein warmer Abend, und so wird der Tisch im Garten gedeckt. Stamm schlägt eine Gurkensuppe und ein japanisches Menü mit Gemüse, Huhn und Krevetten vor. Kaum haben wir die Zutaten ausgebreitet, hinkt der Kater herbei, gesteuert von seiner Nase. «Herr Dreifuss», so heisst er wegen seines lahmen Beins, ist ein Mitbringsel von einer Griechenlandreise.

Reisen sind – «neben dem Beruf» – Hugo Stamms grosse Leidenschaft. Jährlich zieht es ihn mehrmals für längere Zeit weg: sei es nach Asien oder auf eine Kykladeninsel. Früher liebte er es, auf Trekkingtouren zu gehen. Auf einem Motorradtrip quer durch die Sahara war er einmal der Einzige der Gruppe, der bloss eine 125er-Maschine hatte. Die Kollegen wollten ihn zuerst gar nicht mitnehmen, waren dann aber froh über seine Anwesenheit – denn dank seinem leichten und wendigen Gefährt konnte Stamm seinen Freunden aus der Patsche helfen, wenn sie mit ihren schweren Maschinen im Sand stecken geblieben waren.

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Als Kind wurde der dünne Hugo (auch «Finöggeli» genannt) von den Eltern «mit Spinat abgefüttert», denn es hiess, das darin enthaltene Eisen sei gesund für ihn. Erst als Stamm schon längst erwachsen war, stellte sich heraus, dass Spinat zu Unrecht im Ruf stand, einen hohen Eisengehalt zu haben: Die Wissenschaftler hatten sich um eine Kommastelle geirrt.

Hugo Stamms Engagement für sozial Schwächere bewies er bereits in der Schulzeit. Wenn zwei Kollegen sich stritten und einer deutlich unterlegen war, konnte er nicht anders, als zu schlichten. Meist endete die Schlägerei damit, dass beide Streithähne auf Hugo losgingen.

Stamm recherchiert seit rund 30 Jahren für den «Tages-Anzeiger» über Sekten und sektenähnliche Gruppierungen. Es sei keine angenehme Aufgabe, immer zu warnen und auf Gefahren aufmerksam zu machen, sagt Stamm. Aber er mag sich über seine Rolle als Spielverderber nicht mehr aufregen. «Ich bin es gewohnt, dass man an mir das Bein lupft. Ich habe mir mit der Zeit eine dicke Haut zugelegt.»

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Die konnte er vor ein paar Wochen gut brauchen. In einer «Club»-Sendung im Schweizer Fernsehen DRS warf er Tennisprofi Patty Schnyder vor, sie stürze sich von einer Abhängigkeit in die andere. Sei es zuvor Rainer Harnecker gewesen, dem sie sich vorbehaltlos hingegeben habe, so werde sie nun von Rainer Hofmann beeinflusst, ihrem Manager und Partner, kritisierte Stamm. Schnyder konterte, ihr Privatleben gehe ihn überhaupt nichts an.

Daraufhin musste Stamm von vielen Zuschauern geharnischte Kritik einstecken. «Ich hatte das Gefühl, für die Schnyder-Fans der ‹Trottel der Nation› zu sein», sagt er. Trotzdem sei es wichtig, auch über die Schattenseiten einer öffentlichen Person zu informieren – vor allem wenn sie «für viele Jugendliche ein Vorbild ist».

Das Gericht, das Hugo Stamm kocht, ist eine leichte Sache: kein Fett, bloss Fleisch und Gemüse, in Bouillon gegart. Von der Gesundheit findet Stamm schnell den Link zum Sport. Wenn er von der Faszination des Wellenreitens erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten. Wenn er beschreibt, wie er auf dem Snowboard einen «jungfräulichen Hang» hinuntersaust, spürt man, dass viel Leidenschaft in diesem Mann steckt. Allerdings büsst der Draufgänger seine tollkühnen Abenteuer mit allerlei Beschwerden und ärgert sich über eine Diskushernie sowie ein kaputtes Knie.

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Stamm hat zahlreiche Informationen über Sekten gesammelt: In seinem Archiv stapeln sich Daten von mehr als 1000 Gruppierungen, sechs Sachbücher hat er bereits herausgegeben. Beim siebten Werk, das soeben erschienen ist, handelt es sich jedoch um einen Krimi: «Tod im Tempel» spielt im Sektenmilieu und entführt die Leser in die geheimnisvolle Welt der «Glückseligen» – wobei Parallelen zum Sonnentempler-Orden beabsichtigt sind.

Warum versucht sich Stamm plötzlich als Romanautor? «Ich glaube, dass ich damit andere Menschen erreichen kann als mit meinen Sachbüchern. Die Geschichte soll spannend und unterhaltsam sein, sie muss aber auch wichtige Informationen über Rituale und Strategien von Sekten enthalten. Die Leser sollen erfahren, wie sie funktionieren und wovor man sich im Umgang mit ihnen in Acht nehmen sollte.»

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Er habe den Faden beim Schreiben anfänglich fast verloren, sagt Stamm. «Ich wollte so viel hineinpacken, dass die Handlung unübersichtlich wurde. Ich arbeitete voller Lust daran und achtete zu wenig darauf, ob ein Aussenstehender das Geschriebene wirklich versteht.» Hinterher musste er das Werk kämmen und kürzen, was ihn ein Jahr harte Arbeit kostete.

Wir freuen uns auf das Essen, das Hugo Stamm vor unseren Augen im elektrischen Wok zubereitet. So einen Moment geniessen zu können sei nur möglich, wenn man nicht dem Zynismus verfallen sei, behauptet er. Wie schützt er sich vor dem Ausbrennen? Er, der wegen seiner kämpferischen Art wiederholt ausgelacht, beschimpft, bedroht, verklagt und sogar niedergeschlagen wurde? «Es ist so einfach wie banal: Man muss seinen Emotionen freien Lauf lassen können. Nur wer lachen, staunen und weinen kann, bleibt seelisch gesund.»

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