«Die beste Rösti gibt es im Genfer Café Rallye in der Nähe des Uno-Gebäudes.» Das ist ein untypischer Satz für Jean Ziegler, der sich gegenüber Journalisten meist politisch äussert - immer darauf bedacht, seine Anliegen so überzeugend wie möglich, so kämpferisch wie nötig zu präsentieren. Offenbar vertritt er auch kulinarische Themen mit Feuer. Dass er seine Aussage dahingehend korrigieren muss, dass er die beste Westschweizer Rösti meine, sei ihm verziehen.

Wir kochen heute eine Genfer Speckrösti - und dieses Menü hat eine Vorgeschichte. Jean Ziegler sagt von sich, dass er nicht kochen könne; gleichwohl liess er sich überzeugen, einen Versuch zu wagen. Sein einfacher Menüvorschlag kommt ihm nun doppelt entgegen: Zum einen muss er sich handwerklich nicht blamieren, zum anderen wird er länger Gelegenheit haben, über seine Arbeit zu reden.

«Supermärkte mag ich nicht»
Der Soziologe, Buchautor und Sonderberichterstatter der Uno lebt in einem Dorf am äussersten Rand des Kantons Genf. Bei meiner Ankunft verabschiedet er gerade ein spanisches TV-Team. Zieglers Frau Erica, die während der Dreharbeiten keinen Lärm machen durfte, kann nun endlich den Geschirrspüler einschalten. Überhaupt hat sie in der Küche jede erdenkliche Vorarbeit geleistet, damit ihr Mann sich zurechtfindet. Auch das Röstirezept hat sie detailliert aufgeschrieben - Jean Ziegler wird es Punkt für Punkt durchgehen und die erledigten Posten abhaken.

Erica Deuber Ziegler arbeitet als Kunsthistorikerin. Sie verrät, dass ihr Mann normalerweise für das Frühstück zuständig sei, das er ihr jeweils ans Bett bringe. Zudem gehörten die Entsorgung von Glas und Altpapier zu seinen Aufgaben, manchmal auch die Einkäufe. Für heute habe er alles besorgt - und zwar «in den Läden der Umgebung», wie er betont. «Die grossen Supermärkte mag ich nicht.»

Jean Zieglers Arbeit bei der Uno umfasst zwei Hauptbereiche. Einerseits analysiert er das Problem des Welthungers und verfasst Berichte zuhanden der Generalversammlung, wie sich das «Recht auf Nahrung» durchsetzen liesse; dieses hatte die Uno im Jahr 2000 als erweitertes Menschenrecht formuliert. Anderseits ist Ziegler für die so genannten «Country Reports» zuständig, in welchen akute Missstände in bestimmten Ländern unter die Lupe genommen werden. Aufgrund dieser Berichte reist Uno-Generalsekretär Kofi Annan in die Krisenregionen und schlägt Sofortmassnahmen vor.

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Die «Panik des kurzen Lebens»
«Auf der Welt stirbt alle sieben Sekunden ein Kind an Unterernährung», sagt Ziegler. Das ist nur eine von vielen alarmierenden Zahlen in seinem neusten Buch «Das Imperium der Schande». Darin deckt er schonungslos Ungerechtigkeiten auf, weist auf gravierende Mängel hin und nennt die verantwortlichen multinationalen Konzerne beim Namen. Er trage eine verrückte Hoffnung auf eine bessere Welt in sich, sagt Ziegler: «Diese Hoffnung wird zwar immer wieder enttäuscht. Was aber bleibt, ist der Wille, den Ärmsten der Welt wenigstens eine Stimme zu geben.»

Beim Zubereiten der Speckrösti zeigt Jean Ziegler doch einige Unsicherheiten. So kennt man diesen Mann gar nicht. Wiederholt will er meine Meinung hören, immer wieder fragt er, wie es nun weitergehen soll. Wobei er seine Defizite keineswegs zu vertuschen versucht und über einen Rollentausch nicht unglücklich ist: Ich übernehme die Führung, während er die Handreichungen macht. Gut so, dann kann er besser erzählen von seinem Engagement für die Benachteiligten dieser Welt.

Was ist das Geheimnis von Zieglers Feuer? Ob er Erfolgserlebnisse habe, die ihm Kraft zum Weitermachen geben, will ich wissen. Er stutzt. «Eine gute Frage», sagt er, «aber ich darf sie mir nicht stellen.» Was ihn antreibe, sei eher eine «Panik des kurzen Lebens», die er schon als junger Mann gekannt habe. Jean Ziegler glaubt als Christ an eine Vorsehung. Es sei seine Pflicht, hier und jetzt alles zu tun, was in seiner Macht stehe.

Der ehemalige Nationalrat, der von der «Schweizer Illustrierten» im letzten Jahr zu den «100 wichtigsten Schweizern» gezählt wurde, ist auch mit 72 Jahren noch voller Energie. Aber Ziegler gibt zu, dass ihn die ständige Reiserei ermüdet. Pausenlos jettet er in der Welt herum: heute New York, morgen Brasilien, dann ein Abstecher nach Palästina und wieder zurück nach Genf. «Die Leute der Uno haben ganze Koffer voller Arzneimittel gegen den Jetlag», sagt Jean Ziegler. «Aber ich hasse Medikamente - ich bin einfach drei Tage kaputt, wenn ich nach Hause komme.»

Die Rösti ist gelungen, der Gastgeber bestätigt es: «Wunderbar!» Dann witzelt er: «Was suchen Sie überhaupt im Journalismus? Sie sollten ein Feinschmecker-Restaurant eröffnen.» Dass er beim Essen das Thema Welthunger verdränge, streitet er ab und lacht: «Ich muss doch essen, um für meinen Kampf genügend fit zu sein.»

Kaum sind die Teller leer, fragt er: «Was wünschen Sie jetzt? Sie haben das Recht auf ein Dessert.» Moment mal, reden wir jetzt schon wieder über die Welternährung? Nein, Jean Ziegler spricht diesmal nicht von einem Menschenrecht: «Ich wollte nur sagen, dass es noch Glace im Kühlschrank hat.»

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