Eigentlich wollte ich Köbi Kuhn beim Braten einer Wurst porträtieren. Das hätte wunderbar zu dem Mann gepasst, der mehr als die Hälfte seiner Zeit auf Fussballplätzen verbringt. Doch der Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft liess mich abblitzen, er wollte lieber ein «rechtes Stück Fleisch» braten. Schliesslich wurden wir uns einig: «Wurst: nein; Grill: ja.»

Wir treffen uns mit Kuhn in einem seiner Lieblingslokale, dem Restaurant «Gran Sasso» in Zürich, gleich bei der Auffahrt zur Autobahn A3, Richtung Chur, wo man nur anhält, wenn die Ampel auf Rot steht. Wirt José Varela ist ein begeisterter Fussballfan, kennt Köbi Kuhn seit Jahren persönlich und freut sich auf die prominente Aushilfe am Grill.

Kuhn durchlebt zurzeit eine stressige Phase – wenn auch auf der erfreulichen Seite des Lebens. Am 11. Oktober, am Tag vor seinem 60. Geburtstag, gewann die Schweizer Nationalmannschaft 2:0 gegen das irische Team – seither wird Kuhn von den Fans und den Medien gefeiert. «Es ist sehr schön, auf diese Weise Anerkennung zu spüren», sagt der Nationalcoach. «Das merken auch die Spieler. Die Nati ist zwar finanziell nicht interessant. Aber ein Goal in einem Länderspiel ist viel mehr wert als bei einem Match in der Nationalliga.»

Wir haben nicht viel zu tun in der Grillküche, José Varela nimmt uns die meiste Arbeit ab: Er zündet das Feuer an, stellt das Geschirr bereit und beseitigt die Abfälle. Kuhn und ich schälen bloss die Kartoffeln und raffeln sie zu Rösti, die der Koch später in der Küche braten wird. Umso mehr Zeit bleibt uns, um über Kuhns Leben zu reden.

Fussball war schon immer sein Lebensmittelpunkt. Als Junge interessierte er sich kaum fürs Essen. Verpflegung nahm er allenfalls als Unterbruch zwischen zwei Spielen wahr. Die Mutter kochte zwar gut, aber Kuhn kann sich nur an wenige Gerichte erinnern. Offenbar habe er recht grosse Mengen verschlungen, sagt er. Jedenfalls habe seine Schwester kürzlich gesagt, sie habe sich immer wehren müssen, um nicht zu kurz zu kommen.

Klein Köbi konnte an die Decke gehen


Der junge Köbi war sehr temperamentvoll. Er spielte Fussball mit grosser Leidenschaft und hatte Mühe zu verlieren. Auf dem Fussballplatz fürchtete man seine frechen Sprüche. Heute wirkt Kuhn eher zurückhaltend und bescheiden – beinahe scheu. Kaum vorstellbar, dass er, wie er sagt, «ein jähzorniges Kind» gewesen sein soll. «Es stimmt aber», betont er. «Mein älterer Bruder musste jeweils in Deckung gehen, wenn ich die Beherrschung verlor und mit Gegenständen um mich warf.»

Als Coach unterscheidet er sich heute gerade dadurch von seinen Kollegen, dass er selbst beim spannendsten Spiel kaum mit der Wimper zuckt. Kuhn über seine Gemütslagen: «Ich habe meine Emotionen inzwischen besser unter Kontrolle. Ich bin zwar noch immer der gleiche Perfektionist wie früher, bin mir aber bewusst, dass der Trainer während des Matchs nur wenig ausrichten kann.»

Zurzeit laufen die Vorbereitungen für die Fussball-EM in Portugal. Die Planung ist aufwändig, denn es müssen für die Mannschaft und das Begleitteam Unterkünfte an mehreren Orten gesucht werden. Erst nach der Auslosung der Gruppen am 30. November weiss Kuhn, wo und gegen wen man spielen wird.
Sind die Zeiten ruhiger, dann steht Kuhn hie und da in der Küche und kocht für seine Frau Alice und sich. Er sei meistens am Sonntag für den Braten zuständig, sagt er. Oder für den Grill, zusammen mit seinem Nachbarn, dem ehemaligen Radprofi Freddie Eugen.

Ernährt sich der Nationaltrainer gesund? Streng nach Plan, wie seine Fussballer? «Die minuziöse Menügestaltung ist für Sportler äusserst wichtig – also nicht für mich», sagt Kuhn selbstironisch, zeigt auf seinen Bauch und deutet an, dass er ein paar Kilos zu viel auf den Rippen habe.

Um diese loszuwerden, macht er hinter dem Zürcher Üetliberg Trainingsfahrten mit den Rollerblades. Kuhn muss seine Gelenke schonen, denn er leidet an Arthrose. «Ich werde mir bald ein künstliches Hüftgelenk einsetzen lassen – die Qualen sind aber längst nicht so schlimm wie in der Boulevardpresse beschrieben.» Auch das ist typisch Köbi Kuhn: Er bleibt stets sachlich, ohne jede Übertreibung. Bloss kein Mitleid, bitte!

Kuhn ist ein Routinier, auch im Umgang mit der Presse. Nationaltrainer seien Allgemeingut, man kommentiere ihre Strategien, mische sich in die Spielerauswahl ein, man liebe oder hasse sie, je nach Resultat. «Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mich das alles kalt lässt. Aber ich muss mich vor diesen Beurteilungen schützen und meine Entscheidungen autonom treffen.» Er lese darum in den entscheidenden Phasen keine Zeitungen, sondern lasse sich die wichtigsten Artikel hinterher von seiner Frau zeigen.

Gelungenes Teamwork auch am Herd


Köbi Kuhn hat die Koteletts mit sicherer Hand gegrillt. Jetzt setzen wir uns hin und lassen uns von Chef Varela verwöhnen. Wir stossen an und gratulieren uns zum gelungenen Menü. Kuhn vergisst nicht, den Beteiligten für die hervorragende Teamarbeit zu danken. Wie nach dem 2:0 gegen Irland.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.