Wohnort: USA; Arbeitsort: Europa. Linda Geisers Lebenssituation macht neugierig. Die Schweizer Schauspielerin lebt in New York in einem alten Backsteinhaus, das sie sich gekauft hat, als die Preise in Manhattan noch zahlbar waren. Zwischen zwei Drehterminen von «Lüthi und Blanc» hat sie sich von Johanna Blanc verabschiedet, ist nach Hause geflogen und will nun eines ihrer Lieblingsmenüs kochen: ein «chüschtiges» Risotto.

In der winzigen Küche schaffen wir uns zwei taschentuchgrosse freie Flächen, um Gemüse zu rüsten. Vorerst werde ich aber losgeschickt, um weisse Zucchetti zu kaufen. Die gehörten unbedingt ins Risotto, so Geiser. Die grösste Herausforderung dabei ist, beim Verlassen der Wohnung die Katze nicht entwischen zu lassen. Bei meiner Rückkehr passiert das Malheur trotzdem, und wir müssen Smokey mit allerlei Tricks aus dem Hinterhof ins Haus locken.

Entgegen den Erwartungen gibt es sie also, die idyllischen Orte mitten in New York. Hier an der 5th Street scheinen jedenfalls Lärm und Stress weit weg zu sein. Zwei junge Schweizer Künstler, die dank Stipendien der Stadt Bern in Geisers Haus wohnen und arbeiten können, räumen gerade die Überreste der Party vom Vorabend auf und bringen den Garten wieder auf Vordermann.

Mozarts internationale Message


Geisers Wohnung ist bis unter die Decke gefüllt mit Möbeln, Kleidern, Büchern, Souvenirs. Kurz: mit allem, was sich in einem Leben halt so ansammelt. Speziell zu erwähnen sind die teilweise selber gemalten Bilder – Ikonen, wie sie sie nennt. Auf einer wurde eine Jesusfigur durch Mozart ersetzt. Warum denn das? Ist Geiser ein Mozart-Fan? «Nein, aber seine Message ist internationaler als jene von Jesus.»

Geiser erklärt den Unterschied zwischen der amerikanischen und der Schweizer Küche so: «Die Amerikaner richten sich nach Trends. Immer ist irgendetwas ‹in›. Zurzeit ist es Knoblauch. Der Radiokoch beginnt jedes Rezept mit mindestens drei bis vier Zehen. Da wird mir fast schlecht.» Generell aber werde nach ihrem Geschmack zu viel Salz verwendet. Daher werde sie beim Risotto heute darauf verzichten. Allenfalls gibts ein wenig Bouillon und Reibkäse, den jeder nach seinem Gusto darüber streuen könne.

Linda Geiser kam Anfang der sechziger Jahre als junge Schweizer Schauspielerin nach New York und merkte schnell, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch ein unbegrenzter Konkurrenzkampf tobt. Niemand hatte auf sie gewartet, die fetten Angebote aus Hollywood blieben aus. Sie musste sich eine Existenz aufbauen, die unabhängig vom dortigen Markt funktionierte. Jahrelang bot sie geführte Stadtrundgänge an, für Schweizer Architekten oder für Abonnentinnen von «Meyers Modeblatt», die glücklich waren, mit der ehemaligen Darstellerin aus der Serie «Die Kummerbuben» durch die Strassenschluchten zu ziehen.

Was Essen angeht, war Linda Geiser von jeher ein «appetitloser Mensch», wie sie selber sagt. «Als ich als junge Schauspielerin zum ersten Mal in Deutschland bei einer Schlummermutter wohnte, musste ich ihr beibringen, wie man Birchermüesli macht. Frau Knoblauch, so hiess die Frau, musste dafür sorgen, dass ich genügend ass, denn ich war eher kränklich.» Heute hat sie, typisch amerikanisch, ein ganzes Gestell voller Vitamintabletten zu Hause. «Ich pröble ein bisschen herum, nehme Glukosamin für Knochen und Gelenke, Gingko fürs Hirn oder Vitamin B für den Stoffwechsel – je nachdem, was mir Freunde oder Ärzte empfehlen.»

Aus Not Kochbuchautorin geworden


Trotz ihrem bescheidenen Appetit hat sich Linda Geiser einmal als Kochbuchautorin versucht. Befreundete Auslandschweizerinnen klagten, dass für ihre heimatlichen Rezepte in den USA weder umgerechnete Mengenangaben noch die Übersetzungen von Zutaten zur Verfügung standen. So entstand, mehr aus Not denn aus Leidenschaft, die Sammlung «What’s for Dinner, William Tell?».

Lindas Lebenspartner John bekommen wir heute nicht zu Gesicht: Er schläft noch. Er arbeitet in einem Restaurant und muss oft bis spätnachts präsent sein. Zu Hause ist er zuständig für Reparaturen und Umbauten. Linda über Johns Talente: «Eigentlich ist er vom Hobbyhandwerker bis zum halbprofessionellen Billardspieler alles ein bisschen. Am besten macht er sich aber als Fernsehzuschauer.» Immerhin hat sie dieser «TV-Profi» davon abgehalten, in die Schweiz zurückzukehren.

Die neuste Produktion mit Geiser wird am 9. Mai am Schweizer Fernsehen gezeigt: «Lilo und Fredi» ist eine Liebeskomödie, in der sie eine 70-Jährige spielt, die nach 50 Jahren ihre Jugendliebe wieder trifft. Dass der Part der Alten einmal mehr ihr zufiel, sei fast logisch: «Zu meiner Zeit konnten nur wenige Frauen eine Schauspielausbildung machen. Daher werde ich wohl noch lange genug Arbeit haben.» Der Serie «Lüthi und Blanc» prophezeit sie ein langes Leben: «In den USA gibt es Soaps, die seit 50 Jahren ununterbrochen laufen. Warum nicht auch in der Schweiz?»

Wir essen im Wohnzimmer. Auch hier müssen wir kurz aufräumen, bevor der Tisch gedeckt werden kann. Linda Geiser bietet uns ein Glas «Côte du Rhône» aus einer kleinen Swissair-Flasche an. Die Flüssigkeit, die sie einschenkt, ist aber erstens klar und schmeckt zweitens überhaupt nicht nach Rotwein. Linda Geiser entschuldigt sich sofort für die Verwechslung: «Sorry, ich hatte ganz vergessen, dass ich da Gin abgefüllt hatte.»

Quelle: Eliane Rutishauser