Die Küchenbrigade steht schon bei der Hauszufahrt bereit zum Empfang. Das sind, der Grösse nach geordnet, Ursula Zarotti Gnädinger, Mathias Gnädinger und sein 14-jähriger Sohn Gilles. Wer vom Rang her der Höchste ist - dazu später. Das Outfit des Trios ist höchst professionell: von den weissen Hosen über die Jacke mit der Doppelknopfreihe bis zur individuell beschrifteten Kochmütze, die auch der Gast aufgesetzt bekommt.

Gnädingers leben im schaffhausischen Stein am Rhein, dort, wo auch auf der rechten Seite des Flusses noch Schweiz ist. Die Familie bewohnt mehrere Hausteile, die soeben teils neu gebaut, teils renoviert wurden. Viele Fenster geben den Blick nach aussen frei, und umgekehrt wird man das Gefühl nicht ganz los, ausgestellt zu sein. Vor allem an einem sonnigen Sonntag wie heute, wenn viele Ausflügler - scheinbar zufällig und doch deutlich neugierig - hereingucken. Das Schild, das Mathias Gnädinger draussen hingestellt hat, zeigt, dass er die Kommentare der Bevölkerung sportlich nimmt: «Wer ein Haus baut an die Strassen, muss die Leute reden lassen.»

Der Hexentrunk und seine Wirkung

Wir lassen uns von den Zuschauern nicht ablenken und legen los. Mathias Gnädinger ist für den Hauptgang zuständig, seine Partnerin für den Salat, die Dekoration und den Aperitif - ein exotisches Gebräu namens Hexentrunk. Die Köchin des «Lüthi und Blanc»-Teams habe diesen einmal serviert, als sich Mathias Gnädinger beim Drehen nicht so gut fühlte. «Sie sagte, ich würde damit meine Mitte wiederfinden», zitiert er die Kollegin. Das Augenzwinkern ist unübersehbar - trotzdem glaubt er offenbar an die Wirkung des Trunks. Warum würde er ihn sonst so beherzt weglöffeln?

Die Küche lässt keine Wünsche offen, und man kommt zu viert reibungslos aneinander vorbei. Eher unklar ist die Verteilung der Kompetenzen. Mathias Gnädinger möchte mich einspannen, doch seine Frau kommt ihm jedes Mal zuvor, und ich arbeite in der Folge praktisch ausschliesslich für sie. Auch meine Frage, wer von ihnen der Chef sei, bringt keine Klärung: Beide zeigen auf den jeweils anderen.

Gilles Gnädinger will Koch werden und hofft, bald eine Lehrstelle zu finden. Der Vater mahnt ihn, die Bewerbungen schön zu schreiben, denn man warte nirgends auf ihn. Und erteilt seinem Sohn praktischen Unterricht: Zwiebeln hacken, Gemüse rüsten, dieses und jenes herbeischaffen, abwaschen. «Daddy» geht mit gutem Beispiel voran und ist fast pausenlos am Putzen. Er habe kein Verständnis für jene, die während des Kochens Töpfe und Geschirr aufhäufen und am Schluss eine Riesensauerei aufräumen müssen.

Dass Ursula Zarotti Gnädinger das Kochhandwerk so gut versteht, kommt nicht von ungefähr: Sie hat es im elterlichen Gasthaus im nahe gelegenen Ramsen gelernt. Als junge Frau absolvierte sie die Wirtefachschule. Später wagte sie sich in eine typische Männerdomäne und wurde Jägerin. Heute widmet sie sich mehr der Hege und Pflege im Wald, da sie nicht mehr auf die Tiere schiessen möge. Das Gewehr nehme sie zwar immer noch mit, aber nur, damit die Kollegen sie nicht auslachen.

Mathias Gnädinger, der nichts für kratzige Uniformen übrig hat, zieht sie wegen der Jägerei oft auf: «Wenn du gehst, ziehst du dich bitte draussen an.» Ironie des Schicksals: Im neuen Schweizer Film «Marmorera», der zurzeit gedreht wird und Anfang 2007 in die Kinos kommt, spielt Gnädinger einen alten Jäger.

Keine Lust auf Pensionierung

Der Schauspieler, der soeben 65 Jahre alt geworden ist, kokettiert mit seinem Alter: «Ich bin jetzt pensioniert und geniesse meine Rente.» Wenn man nachfragt, wird klar, dass er seine Arbeit nicht aufgeben wird, zumal er für gewisse Rollen immer noch zu jung sei: «Der Jäger war im Drehbuch ursprünglich als 80-Jähriger drin. Das bringe ich beim besten Willen noch nicht hin», sagt er. Kommt hinzu, dass es gewisse Verpflichtungen gibt weiterzumachen: der Erfolg der Soap «Lüthi und Blanc», in der Gnädinger den Bauern Ruedi spielt, und die «Hunkeler»-Krimis, von denen bald eine neue Folge gedreht wird.

Von seiner Statur her ist es keine Frage, dass Mathias Gnädinger gerne isst. Hat er auch zu Hause kochen gelernt wie seine Frau? «Nein, als Bub hatte ich wenig Ahnung. Ich musste mit 14 einmal für meine Brüder Spaghetti machen. Aber sie kamen eine Stunde zu spät von der Kirche nach Hause. Die Teigwaren lagen die ganze Zeit im siedenden Wasser, wir konnten sie fast auslöffeln.»

Vermutlich ist Gnädingers Bruder Beat ein Stück weit verantwortlich für die Kochkünste des Schauspielers. Der gelernte Koch ist heute Leiter des Altersheims in Ramsen. Wenn Mathias Gnädinger mal für sehr viele Leute kocht, wie am Fest des Jugendtreffs, helfe der Bruder mit seinem Militärkochbuch und den Utensilien der Grossküche und stehe beratend zur Seite.

Das Ossobuco ist fertig gegart und mit der frisch riechenden Gremolata garniert. Wir setzen uns an den Tisch, halten uns gegenseitig die Hände und schütteln sie im Rhythmus zum Spruch: «En Guete mitenand, im schöne Schwyzerland.» Wenn auch eine Prise Ironie dabei ist: Ohne dieses Ritual gibts bei Gnädingers nichts zu essen, da kann es noch so verführerisch vom Teller duften.


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Niklaus Spoerri
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