Als Erstes sticht mir die Luxuskaffeemaschine ins Auge: eine aus Chromstahl, wie man sie sonst nur in Restaurants sieht, mit separatem Mahlwerk. Sie habe ein Mehrfaches einer herkömmlichen Haushaltmaschine gekostet, sagt Mike Müller. «Ich schlich ein Jahr lang um den Laden herum und war nicht sicher, ob ich mir wirklich so ein Designerteil leisten wollte.» Nach einem Auftritt mit einer guten Gage sei er jedoch schwach geworden.

Müllers Gesicht kennt hierzulande praktisch jeder TV-Zuschauer. Er parodierte in «Viktors Spätprogramm» Schriftsteller Peter Bichsel und den Papst, und er spielte in Viktor Giacobbos Film «Ernstfall in Havanna» den Sicherheitsbeamten Bruno Rüegg. Im jüngsten Fernsehauftritt kommentierte er als Sonderkorrespondent aus Berlin die Nationalratswahlen – im Duett mit Giacobbo. Die beiden standen kürzlich auch gemeinsam auf der Bühne: in «Sickmen» im Casinotheater Winterthur.

Wir befinden uns in Müllers Wohnung in Zürich, wo er ein Mittagessen – «frei nach Jamie Oliver» – kochen will. Dem hippen Londoner Spitzenkoch stand er erst skeptisch gegenüber, so wie er neuen Trends eher misstraut. «Wenn man aber Olivers Rezepte studiert, merkt man, dass der Junge etwas kann.» In Müllers Küche stehen nur zwei Kochbücher: neben jenem von Oliver ein Werk der italienischen Starköchin Marcella Hazan. Von den Profis lässt er sich inspirieren und überprüft anhand von deren Tipps das eigene Kochen.

Ein Einkauf für den Gutmenschen


Müller hat ausschliesslich frische Produkte eingekauft. «Ich bevorzuge Bioerzeugnisse und zahle gerne ein kleines Vermögen für eine Schale runzeliger Kartoffeln.» Er schmunzelt. «So beruhige ich mein Konsumentengewissen, und der Gutmensch in mir freut sich.» Auch das ist ein Teil von Mike Müllers Humor: er kann lachen über sich selbst.

Wir hacken Kräuter, schälen Kartoffeln, waschen Salat. Mike Müller sucht in diversen Schubladen nach einem Messer. «Die Frauen versorgen immer alles falsch», klagt er. Welche Frauen? Jetzt landet das Gespräch in einer Sackgasse: Müller, sonst ein lebendiger und mitteilsamer Gesprächspartner, wird plötzlich einsilbig. «Mein Privatleben möchte ich für mich behalten, und ich bin froh, wenn darüber nichts in den Zeitungen steht.»

Auf Müller trifft die Bezeichnung «Tellerwäscherkarriere» perfekt zu – und zwar im Wortsinn. Als Gymnasiast half er im berühmten Oltner «Säli-Schlössli» aus: als Casserolier, im Service und am Abwaschtrog. «Dabei lernte ich die verschworene Gruppe der Köche kennen – und ich konnte es sehr gut mit ihnen. Der Umgangston war nicht gerade zimperlich, aber nicht so rau wie auf dem Bau.»

Nach der Matura studierte Müller Philosophie, konnte sich nach vielen Semestern endlich zum Abschluss durchringen und wandte sich dann der Schauspielerei zu. Heute ist er im Telefonbuch als «Darsteller» aufgeführt. «Ich nenne mich so, weil ich keine eigentliche Ausbildung habe», sagt er. «Die Berufsbezeichnung war eine Notlösung, weil es in Olten plötzlich einen zweiten Mike Müller gab, von dem ich mich unterscheiden musste.»

Da kocht ein echter Geniesser


Zwischenhalt beim Kochen. Mike Müller schenkt ein Glas Weisswein ein und gönnt sich eine Zigarettenpause. Nicht etwa draussen auf dem Balkon, wie heute in vielen Wohnungen üblich, sondern in der Küche. Der Rauchentzug gehöre zu seinen nächsten Projekten, sagt er – und steht gleichzeitig voll zu seiner Schwäche: «Ich rauche schon am frühen Morgen, und es ist ‹uhuere fein›.»

Mike Müller behauptet, er sei kein Gourmet, dafür koche er viel zu wenig. Ein Geniesser ist er aber allemal. Wie er an der Kräutermischung riecht oder vom frischen Thunfisch schwärmt – immer ist bei ihm eine grosse Begeisterung zu spüren.

Seine Freude am Essen sei schon im Elternhaus geweckt worden. Er erinnert sich, dass gerne gegessen und getrunken wurde, auch wenn die Kalorien immer ein Thema waren. «Mit Ausnahme meines Bruders hatten alle in meiner Familie einen Hang zu Übergewicht.» Das Kochen lernte er als Student. Statt Vorlesungen zu besuchen, verbrachte er viel Zeit zu Hause und kochte für die Familie. Die Mutter, die berufstätig war, instruierte ihn per Fernkurs. «Sie schrieb mir Schritt für Schritt auf, was zu tun war – vom Einkauf über die detaillierten Kochabläufe bis zu den Garzeiten.»

Die Menschen lieben Müller, weil er sie zum Lachen bringt. Mit Kollegen witzelt er zuweilen über seine Rolle als «lustiger Dicker», er möchte aber nicht darauf reduziert werden. Man hat ihm schon eine Karriere als Charakterdarsteller vorausgesagt, vergleichbar mit Ruedi Walter oder Mathias Gnädinger.

Ein Espresso – wie direkt aus Italien


Was denkt er über solche Prophezeiungen? «Die Vergleiche sind schmeichelhaft, ohne Zweifel. Aber ich will das Lustige und das Ernste nicht gegeneinander ausspielen. Vor allem glaube ich nicht, dass die Karriere planbar ist, auch wenn man das manchmal gerne möchte.»

Mike Müller brät beide Seiten des Thunfischs 45 Sekunden – genau nach Anweisung. «Das letzte Mal versiebte ich ihn. Er war durchgebraten und trocken.» Wir lassen es uns schmecken – und tun das, was bei Müllers gang und gäbe war: Wir rühmen den Koch. Und freuen uns mit ihm über den Espresso, der so gut schmeckt, als käme er direkt aus Italien.

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