Nico empfängt mich in seiner Zürcher Wohnung zusammen mit seinem langjährigen Freund und Geschäftspartner Bruno Kümin, der Nicos neu erschienene Biografie fotografiert und gestaltet hat. Kümin wird bei der Zubereitung des Mittagessens die Federführung übernehmen. So hat es Nico gewünscht.

Geistreich, originell und oft bitterböse

Kümin hat eine thailändische Suppe und ein mediterranes Lammfilet mit Beilagen auf mehreren Post-It-Zetteln skizziert. Er gibt aus dem Hintergrund klare Anweisungen an den Küchenburschen Nico. Diesem bereitet die Rolle des Stifts offensichtlich grösstes Vergnügen.

Nico, mit bürgerlichem Namen Klaus Cadsky, kommentiert seit 35 Jahren mit spitzer Feder das politische Geschehen im Zürcher «Tages-Anzeiger». Seine Karikaturen bringen das auf den Punkt, was Journalisten wortreich zu umschreiben versuchen. Sie sind präzise, geistreich, originell und oft bitterböse. Niemand bleibt von Cadsky verschont, weder Rechte noch Linke. Nicht einmal der Papst. Der Zeitung ist dieses Markenzeichen so viel wert, dass man Nico eine Anstellung auf Lebzeiten zugesichert hat.

Der vergnügte Mann sagt von sich, er könne im Alltag keinem Kalauer ausweichen. Und doch wird er bei gewissen Themen sehr ernst. Reizwörter wie Berlusconi, Bush, Blair oder Blocher «die vier grossen B» provozieren ihn zu scharfen Kommentaren. Den amerikanischen Präsidenten George W. Bush bezeichnet er ohne Umschweife als «bigotten, verlogenen Schwachkopf». Und den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi sieht er vor dem inneren Auge als Schwein, um ihn dann genau so zu Papier zu bringen.

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Auch punkto Religion gibt es für Nico kaum etwas zu lachen. «Die grossen Weltreligionen sind verantwortlich für die schlimmsten Massaker der Menschheit, ob in Irland oder im Nahen Osten. Darum bin ich ein überzeugter Atheist.»

Für seine politische Einstellung stand Nico schon immer gerade. Der Militärdienstverweigerer, der von Deutschland in die Schweiz flüchtete, wollte sich nie der gängigen Ordnung unterwerfen. Weil der «Nebelspalter» 1968 die Themen Militär, Kirche und Politik als Vorlagen für Karikaturen verbot, trennte sich Nico vom Satireblatt. Seither ist er, abgesehen von ein paar Abstechern in die Werbung, fast ausschliesslich für den «Tagi» tätig.

Nico rüstet, kocht und würzt genau nach Kümins Anweisungen. Dieser besteht auf der präzisen Einhaltung seiner Vorgaben, was Nico als ziemlich nervig empfindet. Die beiden streiten wie ein altes Ehepaar, wenngleich die Entrüstung mehr gespielt als echt ist. Nico über Bruno: «Der Mann ist so pingelig, ich könnte ihn niemals heiraten.»

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Nico als Küchenbanause, dem man genau vorschreiben muss, was er zu tun hat? Das Gegenteil ist der Fall. Seit vielen Jahren ist er ein begeisterter Hobbykoch, der zugibt, fast alles bei seiner Frau abgeguckt zu haben.

Heimtückische Gicht überwunden

Vor ein paar Jahren musste der Gourmet seinen Speiseplan radikal umstellen. Wegen akuter Gichtentzündung verzichtet Nico heute weitgehend auf rotes Fleisch und Wein und beschränkt sich auf Fisch und Meeresfrüchte. Dass er heute die meiste Zeit seines Lebens in Cannes verbringt, kommt dieser Diät entgegen. Dank den veränderten Essgewohnheiten und dem milden Mittelmeerklima ist es Nico gelungen, die heimtückische Krankheit zu überwinden. «Heute kann ich wieder ohne Probleme zeichnen», sagt er, «abgesehen von den Schulterschmerzen, die mich seit einem Unfall mit Schleudertrauma plagen.»

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Auffällig ist die sparsame Einrichtung in Nicos Wohnung: Die Bilder und Möbel hat er liebevoll ausgesucht und akribisch aufeinander abgestimmt. Und der Küchentisch ist weit mehr als eine gewöhnliche Anrichte: Unter einer Glasscheibe sind in kleinen Fächern Miniaturinstallationen von bekannten deutschen Künstlern zu sehen. Der Tisch gehört zu einer limitierten Serie, die zur Finanzierung von Gerhard Schröders Wahlkampf fürs Kanzleramt hergestellt und verkauft wurde. Nicos Beziehung zum deutschen Bundeskanzler ist familiär begründet: Seine Schwester war jahrelang Schröders Assistentin, als dieser noch Ministerpräsident von Niedersachsen war.

Hering mit Lebertrangeschmack

Nico, Jahrgang 1937, erlebte den Zweiten Weltkrieg als Kind in Hannover. Er erinnert sich an die kargen Menüs, die seine Mutter kochte. «Es gab oft Hering, weil dieser so preisgünstig war.» Dass der Fisch stark nach Lebertran schmeckte, störte weder Nico noch seine Brüder. «Wir waren verrückt danach und futterten um die Wette.» Überhaupt habe der Hering zu Unrecht einen schlechten Ruf. Der französische Kochkünstler Auguste Escoffier soll gesagt haben, dass Hering, wenn man ihn nur teuer genug verkaufen würde, genau so beliebt wie Kaviar wäre.

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Kurz vor den Nationalratswahlen liegt die Frage auf der Hand, ob sich Nico auf die neuen Gesichter freut, die er in Zukunft wird karikieren können. Der Zeichner sieht dem Personalwechsel im Bundeshaus jedoch gelassen entgegen: «Erstens sind es nicht so viele Neue, und zweitens brauchen sie alle eine gewisse Zeit, um sich zu profilieren. Erst dann werden sie für mich interessant.»

Das Mittagessen, das wir serviert bekommen, könnte uns glatt drei Tage lang ernähren. Nico ist ein Geniesser, das sieht man ihm auch an. Seit er vor sechs Jahren mit dem Rauchen aufhörte, hat er viele Kilos zugenommen. Mit den Zügelmännern, die seine Möbel in den dritten Stock schleppen mussten, habe er über den fehlenden Lift gescherzt, erzählt er. Einer der Männer habe ihn angeschaut und gesagt, die vielen Treppen würden ihm noch das Leben retten. Er konterte: «Damit ich sie auch in Zukunft schaffe, muss ich aber ein paar Kilos abnehmen.»

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