Von der Fussball-WM in Deutschland werden uns Tore und verschossene Penaltys besser in Erinnerung bleiben als TV-Sendungen, auch wenn gewisse Kommentatoren hin und wieder für Diskussionen sorgten. Einer, dem die Zuschauer nichts vorwerfen - ausser einige vielleicht den exotischen Dialekt -, ist Rainer Maria Salzgeber, der Gastgeber im täglichen WM-Studio auf SF 2.

Salzgeber empfängt mich während der WM zu Hause zum Mittagessen, obwohl er täglich mehrere Stunden Dienst im Studio Leutschenbach hat. Er wohnt mit seiner Frau Chantal und den beiden Kindern in Kloten, einen (St)einwurf von seinem Arbeitsplatz entfernt. Er wird, bevor er um halb zwei zur Arbeit muss, in der Küche sein Bestes geben.

Nun ist das nicht so einfach, wenn die Frau neugierig zuschaut und kontrolliert, ob der Mann alles richtig macht. Vor allem nicht, weil Chantal Salzgeber daheim das Sagen hat - im Haushalt und in der Küche. Aber nicht nur das: «Sie holt mich jeweils auf den Boden zurück, wenn ich abzuheben drohe. Sie managt und coacht mich», sagt Salzgeber, ganz im Fussballjargon. Er steht selten am Herd. «Als ich noch allein lebte, musste ich mich selber ernähren. Aber der Pizzaservice war nie mein Ding. Ich bereitete immer etwas zu.»

Tränen gibts erst bei den Zwiebeln

Chantal Salzgeber hat sich zurückgezogen, ihr Mann darf selber entscheiden. «Wer lesen kann, kann auch kochen», spricht sich Salzgeber Mut zu. Er hat ein Rezept vorgeschlagen mit dem Namen «Cholera». Der Koch glaubt zu wissen, warum das Menü so heisst: «Alle Zutaten konnten im gleichen Dorf gefunden werden, auch wenn dieses unter Quarantäne stand. Ich bin aber nicht sicher, ob das stimmt.»

Auch wenn es plausibel tönt: In Wirklichkeit kommt der Name von Kohle («Chole»). Früher wurde der Kuchen zum Backen in eine Pfanne gegeben, mit einem Eisendeckel verschlossen und in die glühende Kohle gelegt. Bei Salzgebers ist die Pfanne ein Backblech ohne Deckel, das wir statt in die Kohle in einen normalen Backofen schieben werden.

Wer Rainer Maria Salzgeber weinen sehen will, kann bei einem Fussballspiel lange warten, und sei der Match noch so dramatisch. Auch als Torwart in der TV-Sendung «Der Match» vergoss er keine Träne, obwohl er einige Tore kassieren musste. Keine Chance hat der Fernsehmann jedoch, wenn er Zwiebeln schnetzelt. Mit feuchten Augen und triefender Nase gibt er mir Anweisungen fürs Schälen und Scheibeln der Kartoffeln.

Rainer Maria Salzgeber ist nicht nur ein hervorragender Goalie - er spielte früher beim FC Raron in der 1. Liga und beim FC Brig in der 2. Liga -, sondern auch ein begnadeter Parodist. Spricht er beispielsweise ein paar hastige Sätze in gebrochenem Deutsch und streicht sich gleichzeitig mit der Hand über die Stirn, als gälte es, die Haare zu ordnen, glaubt man den leibhaftigen Gilbert Gress zu sehen.

Tatsächlich rufe der Trainer, der die prominenten Tschütteler in der Fernsehsendung zu einer Mannschaft zu formen versuchte, auch heute noch ab und zu an, um sich nach dem Befinden des Goalies zu erkundigen. Trotz freundschaftlicher Nähe ist man aber per Sie, wie es sich zwischen Spieler und Trainer gehört. Als Baschi und Co. diese Tradition zu unterwandern versuchten («Du, Trainer…»), wurden sie von Gress in den Senkel gestellt.

Der Trick mit den zwei Vornamen

Fussball sei nicht sein Leben, sagt Rainer Maria Salzgeber. Ich bin da nicht so sicher: Zwar wurde er nicht Berufsfussballer, wie er sich das mal gewünscht hatte, und auch der Traumjob des Live-Kommentators sei nicht sein Ding gewesen. Trotzdem scheint er in der Aufgabe des «Chefs Fussball» beim Schweizer Fernsehen vollständig aufzugehen. Er behielt seine beiden Vornamen als TV-Moderator bei, weil ihm die Kommentatorenlegende Godi Baumberger dazu geraten hatte. Das sei ein Markenzeichen, habe dieser gesagt, dadurch sei er unverwechselbar.

Ob sich Rainer Maria Salzgeber - Vorname hin oder her - als Koch einen Namen machen würde, ist hingegen fraglich. Zu oft muss er nachfragen, zu unselbstständig geht er ans Werk. Aber motivieren kann er: «Deine Apfelringe sind Weltklasse», lobt er mich. Als Trainer würde er taugen, das steht ausser Frage. Und bald ist alles «zwäg», wie die Walliser sagen, wenn sie mit Rüsten fertig sind. Die Cholera schmeckt nicht nur hervorragend, sondern nährt auch tüchtig. Salzgeber ist zu Recht stolz auf seinen Kuchen, und das Dessert kann sich ebenfalls sehen lassen.

In Zukunft wird er vermehrt selber kochen müssen. Frau und Kinder ziehen wieder nach Brig, während er zwischen Kloten und dem Wallis pendeln wird. Umso wichtiger, dass Kontakte zu Freunden, die wie Salzgebers in die «Üsserschwyz» ausgewandert sind, intensiv gepflegt werden. Wer sich im fremden Zürich behaupten will, muss zusammenhalten.


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Niklaus Spoerri
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