Eigentlich hast du deinen Beruf verfehlt», sage ich zu Simon Enzler, als er am Originalzapfhahn in seiner Küche ein Bier einschenkt. «Ja, ich hätte Wirt werden sollen», meint er. Und nach einer Pause: «Oder Alkoholiker.» Die Ironie gehört zum Kabarettisten genauso wie sein Charme, gegen den jede schlechte Laune machtlos ist.

Beinahe hätte ich ihn nicht wiedererkannt: Aus dem stattlichen Mann ist ein schmales Bürschchen geworden. Allzu viel sollte er nicht mehr abmagern, sonst fällt er noch vom Fleisch. Er habe sich auf seine frühere Leidenschaft, den Schwimmsport, zurückbesonnen, erklärt der 30-Jährige: «Ich fand, ein bisschen Bewegung könne mir nicht schaden. Vor allem wollte ich fit sein für meine Sommerwanderungen.»

Im Haus des Urgrossvaters

Simon Enzler lebt zurzeit allein in einem 350 Jahre alten Bauernhaus am Rand von Appenzell. Der Urgrossvater habe sich hier niedergelassen, erzählt er, und die Liegenschaft gehöre heute noch Verwandten. Sein Coucousin habe das Haus umgebaut, ohne das alte Gebälk oder die von Rauch geschwärzten Wände zu verstecken. Die Böden knarren, die Decken sind niedrig.

Als Kontrast wurden beim Umbau auch moderne Materialien verwendet. Zudem hat sich der Architekt erlaubt, beim Eingang ein riesiges Fenster in die Fassade zu montieren. Enzler freut sich darüber, umso mehr, als die Bewilligung eher zufällig erteilt wurde: «Vermutlich haben die Verantwortlichen etwas übersehen, sonst wäre so etwas nicht durchgekommen.»

Beim Rüsten zeigt sich eine Eigenart des Hausmanns. Obwohl der Kompost direkt unter dem Küchenfenster steht und man die Abfälle einfach rausschmeissen könnte, hebt Enzler sie zum Teil auf. «Aus den Apfelschalen mache ich Tee. Man braucht sie bloss auf ein Blech in den Ofen zu legen und bei 80 Grad ungefähr eine Stunde lang zu trocknen.»

In der alten Küche steht ein Holzherd, auf dem Simon Enzler ab und zu kocht. Die ringförmigen Einsätze der Heizplatte lassen sich der Reihe nach entfernen, so dass das Loch der Grösse der Pfanne angepasst werden kann. Heute wird aber elektrisch gekocht. Enzler hat ein traditionelles Rezept ausgesucht, mit dem schon seine Grossmutter die Familie verwöhnte: Appenzeller Käsemagronen mit Apfelschnitzen. Dazu gibts Siedwürste.

Der einzige Siedwurst-Promi

Ökologisches Denken und Handeln sind Simon Enzler genauso wichtig wie gewisse Traditionen. So erzählt er begeistert von seiner Erdsondenheizung, durch die er unabhängig von Öl oder Gas sei und kostengünstige Wärme beziehe. Zusätzlich sei in den kalten Monaten der Kachelofen in Betrieb. Ebenso viel Engagement ist bei Enzlers Schilderung der Landsgemeinde in seinem Heimatort zu spüren. Einmal pro Jahr ziehen die Männer ihr schönstes Gewand («s schönschte Häss») an und tragen den Degen als Zeichen des Stimmrechts. Da sei er jedes Mal dabei. Kein Scherz? «Damit ist es mir todernst», gibt er zu. Da schwingt keine Ironie mit, auch wenn der Schalk aus seinen Augen blitzt.

In Enzlers Küche steht ein kleines Verbotsschild: ein rot durchgekreuztes Handy als Zeichen, dass man hier aufs Telefonieren verzichten sollte. «Das ist für meine Schwester, die ständig am Hörer war, wenn sie mich besuchte. Das ertrage ich überhaupt nicht.» Mein Handy hat zum Glück nur einmal geklingelt. Inzwischen habe ich es auf lautlos gestellt.

Die Kartoffeln sind im Wasser, die Zwiebeln brutzeln in der Pfanne, die Äpfel riechen verführerisch. Nur die Siedwürste machen Probleme. Eine nach der anderen platzt, obwohl das Wasser nur schwach kocht. Enzler rettet die Situation souverän: «Du kannst schreiben, ich sei unter den Schweizer Cervelat-Promis der erste und einzige Appenzeller Siedwurst-Promi.»

Der Kabarettist hat sich einen Namen als Präsentator der TV-Sendung «Comedy im Casino» gemacht. Derzeit arbeitet er an seinem neuen Programm, dessen Premiere im Oktober in Zürich stattfindet. Zu seinen jährlichen Beschäftigungen gehört auch die Organisation der Appenzeller Kabaretttage, bei denen die beste Nachwuchsformation mit dem Goldenen Biberfladen prämiert wird. Die eigene Veranstaltung nutzt Enzler übrigens nicht für Auftritte vor Heimpublikum. Er arbeitet zusammen mit seinem Partner Marcel Walker lieber als Kulissenschieber und verfolgt die Szenen hinter der Bühne.

Wir essen in Simon Enzlers Stube am langen Wirtshaustisch. Durch die kleinen Fenster, deren raffinierte Schiebescheiben antiken Wert haben dürften, sieht man die sanften Hügel des Appenzellerlands. Wer sich ein Bild davon machen will, kaufe ein Appenzeller «Naturperle»-Bier. Die naive Malerei auf der Etikette zeigt präzis jene Aussicht mit dem Hohen Kasten im Hintergrund. Sie ist fast perfekt, bis auf ein Detail. Enzler klärt auf: «Der Künstler hat Bauern gemalt, die Weizen ernten, obwohl auf diesem Landstück nachweislich nie Weizen gepflanzt wurde.»


Rezepte

Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

Quelle: Ursula Meisser
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