Die geografischen Eckdaten dieser Küchenmannschaft sind zunächst verwirrend: Urs Kamber, der Direktor von Luzern Tourismus, ist gebürtiger Berner, arbeitete bis vor einem Jahr im österreichischen Lech und lebt in Bad Ragaz, Kanton St. Gallen. Zudem ist momentan eine polnische Austauschstudentin aus Krakau zu Gast bei der Familie.

Wir treffen uns an einem Samstagmorgen in Kambers Küche. Die zehnjährige Stéphanie und der achtjährige Nicolas bieten ihre Hilfe an. Somit kann der Vater die Aufträge fürs Salatwaschen, die Salatsauce sowie das Schälen und Raffeln der Kartoffeln an die beiden Kinder vergeben.

Es wird sich während der Arbeit zeigen, dass Urs Kamber das Delegieren (und nicht bloss das Abschieben von Arbeit) in seiner besten Form beherrscht. Das heisst, dass er mit dem Auftrag das Vertrauen weitergibt, was Kontrollen und Interventionen auf ein Minimum reduziert.

Kamber hat lange im Marketingbereich gearbeitet und war früher ein erfolgreicher Leichtathlet. In Bad Ragaz lebt er, seit er hier vor ein paar Jahren erfolgreich in die Tourismusbranche eingestiegen ist und der Region unter anderem einen griffigen Namen gab: «Heidiland».

Heute holt ihn die Vergangenheit ein. Seine Tochter ist eine der Kandidatinnen für die Hauptrolle im Musical «Heidi» und reist für ein Casting nach Sargans. Dass Stéphanie Urs Kambers Tochter ist, hatten die Organisatoren nicht gewusst.

Die berühmt-berüchtigte Frage nach dem Qualitätsvergleich zwischen österreichischen und Schweizer Feriendestinationen kann Urs Kamber kompetent beantworten, da er auf beiden Seiten der Grenze gearbeitet hat: «Nachdem die Österreicher von uns lange belächelt wurden, haben sie durch den Beitritt zur EU enorm an Selbstvertrauen gewonnen.»

Das grosse Jammern bringt nichts

Nach seiner Meinung dürfen wir weder über veraltete Strukturen noch über das hohe Lohn- und Preisniveau jammern, sondern müssen mit dem Vorhandenen beste Resultate zu erzielen versuchen. Bei ihm tönt das so: «Ich muss mit den Mädchen tanzen, die im Saal sind. Alles Träumen von schöneren Frauen nützt nichts.»

Urs Kamber besitzt eine ansehnliche Sammlung von Kochbüchern, aber nur zur Inspiration. Die Rezepte konsultiere er nur, um ungefähre Ideen für seine Menüs zu bekommen. Den Rest improvisiere er. Das Kochen habe er mehr aus Not als aus Begeisterung gelernt, sagt er: «Ich habe erst mit 36 Jahren geheiratet, hatte aber immer den Ehrgeiz, in der Küche selber kreativ zu werden, anstatt im Restaurant zu essen.»

Beileibe kein Schnäppchenjäger

Der Ehrgeiz komme wohl von seiner Stellung in der Familie: «Ich war das mittlere von fünf Kindern und musste mich nach oben und unten behaupten.» Den Hunger nach Erfolg, gepaart mit einer ansteckenden Leidenschaft, möchte er auch bei den Anbietern im Tourismus spüren. Nur so sei es möglich, aus dem Tal herauszukommen und an frühere Erfolge anzuknüpfen.

Qualität und Preise interessieren den Fachmann auch, wenn es um das private Budget geht. Er findet, dass die Weine in manchen Gaststätten zu teuer seien. Darum habe er sich vorsorglich mit einigen Flaschen eingedeckt. Ein Blick auf die edlen Holzkistchen in seinem Keller genügt aber, um festzustellen, dass Kamber beileibe kein Schnäppchenjäger ist.

Dass er in Luzern arbeitet und in Bad Ragaz wohnt, kommt seinem Arbeitsrhythmus entgegen: «Ich logiere unter der Woche im Hotel Waldstätterhof in Luzern und kann ungestört von morgens sieben Uhr bis gegen Mitternacht arbeiten.» Im Sommer soll sich dies aber ändern. Dann wird er mit seinen beiden Kindern nach Luzern ziehen.

Urs Kambers Identifikation mit der Stadt an der Reuss ist bereits so weit fortgeschritten, dass ich nur noch an seinem Dialekt erkenne, dass er nicht von dort kommt. So schwärmt er von der «Schweizer Festivalstadt» und vom «schönsten Marathon der Schweiz», den man ab 2007 durchführen will. Vor allem aber dürfe es nicht sein, dass Luzern als Vorort von Zürich wahrgenommen werde.

Urs Kamber mariniert das Fleisch, schlichtet einen Streit zwischen seinen Kindern und plant das Decken des Tisches, alles gleichzeitig. Er ist einer, der anpackt und auch weiss, wie man andere zum Anpacken motiviert. Nach eigener Einschätzung sei er möglicherweise – nach Danuser und Illi – der dritte Tourismusdirektor in der Schweiz, der auch ausserhalb der Branche von sich reden machen werde.

Auch Tochter Stéphanie gibt gerne den Ton an. Auf meine ironische Bemerkung, sie sei hier wohl der Chef, antwortet sie, ohne zu überlegen: «Ja!» Der Vater quittiert es mit einem schallenden Lachen, während sich Nicolas verzieht, um sein ferngesteuertes Spielzeugauto zu holen.

Wer denkt, Urs Kamber sei stets auf Draht, liegt nicht ganz daneben. Es scheint, dass seine Batterie nie leer wird. Die Kehrseite der Medaille ist eine gewisse Ungeduld. Daran wolle er arbeiten: «Auf der Dachterrasse meiner neuen Wohnung werde ich einen japanischen Zen-Garten einrichten und dort Gelassenheit üben.»

Beim Essen zeigt sich Urs Kamber als Geniesser. Erst zaubert er als Vorspeise Bärlauchwürstchen vom örtlichen Metzger aus dem Ärmel, dann mischt er aus Zucker und Rotwein eine Sauce, die so köstlich wie ein Zaubertrank ist. Und schliesslich präsentiert er ein Lamm in der Kräuterkruste, das keine Wünsche offen lässt.

Quelle: Niklaus Spoerri
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