Anders lässt es sich nicht formulieren: Adele Nievergelt war eine Frau von geradezu gewaltigen körperlichen Ausmassen. Fast zwei Meter gross, hatte auch ihre Leibesfülle im Verlauf der Jahre ausserordentliche Masse erreicht. Wenn wir sie besuchten, erwartete sie uns jeweils auf der Veranda vor ihrem Haus. Wie ein mächtiger weiblicher Buddha sass sie dort – und zu ihren Füssen lag ein ebenso dicker Hund.

Adele war bloss eine entfernte Verwandte. Doch weil sie im Nachbarweiler wohnte, wurde sie zu einer «nahen Tante». Seit ihr Mann Albert gestorben war, lebte sie allein und war stets in Begleitung eines Appenzeller Sennenhundes. Diese Hunde trugen zwar wechselnde Namen, doch wurden sie von Adele stets «Bubeli» gerufen. Sie waren verwöhnte Tiere, denen zwar nichts erlaubt war, die dafür aber alles Erdenkliche zu fressen bekamen.

Bereits in jungen Jahren hatte Adele einen Hang zum Exzentrischen besessen. So hatte sie sich in der Schule dem Handarbeitsunterricht für Mädchen verweigert und stattdessen den Wunsch angemeldet, am Handfertigkeitsunterricht für Buben teilnehmen zu wollen. Adeles Vater, Präsident und bester Steuerzahler der Gemeinde, konnte seiner Tochter keinen Wunsch abschlagen. So endete die Geschichte mit einem Vergleich. Das ungebärdige Fräulein besuchte genauso Strick- und Stickunterricht wie Hobel- und Schreinerkurse. Später war die junge Frau Mitglied im Alpenklub. Sie bestieg Berge und kletterte steile Felswände empor. Dabei lernte sie Albert kennen, der – ebenso gross gewachsen wie Adele – der ideale Ehemann für sie wurde. Die beiden jungen Eheleute zogen in ein kleines Haus und verwandelten es im Lauf der Jahre in ein schönes Zuhause. Das Glück der beiden schien vollkommen. So begegnete ich ihnen als Kind zum ersten Mal. Ihren Familiennamen kannte ich nie. Das ganze Dorf und auch meine Eltern sprachen nur von den beiden «Riesen».

Anzeige

Ein einziger Schatten fiel auf das offensichtliche Glück. Sie bekamen keine Kinder. Wie sehr ihnen dies mangelte, zeigte sich bei den Besuchen. Jedes Baby wurde unendlich geherzt, mit jedem kleinen Kind wurde gespielt, jeder Wunsch nach einem Spielzeug erfüllt. Irgendwann tauchten dann die Appenzeller Sennenhunde auf, und die heftigen Ausbrüche von Mutter- und Vatergefühlen beruhigten sich etwas.

Das Beste lagerte in den Dosen

Es versteht sich von selbst, dass Adele gut kochen konnte. Das ganze kulinarische Abc der bürgerlichen Küche schüttelte sie mühelos aus ihren grossen Händen. Ihre Kuchen, Torten und Plätzchen waren ebenso kunstvoll angefertigt wie jene eines vorzüglichen Confiseurs.

Bei ihr gab es Desserts, wie sie meine Mutter – allein schon aus Zeitgründen – nicht herstellen konnte: samtene, fruchtige Eiscremen, einen Berg von knusprigen Croquembouches, mit glänzenden Caramelfäden umsponnen, einen «Paris-Brest» mit herrlicher Krokantcreme gefüllt… Was ich viele Jahre später in wirklich erstklassigen Restaurants genoss, servierte Adele uns staunenden Kindern zum Geburtstag. Das Allerbeste in ihrem Angebot lagerte jedoch in der langen Reihe bunter Blechdosen, die auf dem Küchenbuffet standen – Guetsli, die allesamt weniger für uns als für den jeweiligen «Bubeli» bestimmt waren. Klar gab es darunter so alltägliches Gebäck wie «Spitzbuben» und «Mailänderli». Aber es fanden sich auch fremdartige Guetsli wie die «Nantaises».

Für gute Dienste im Haus langte Adele jeweils in eine der Büchsen und legte uns eine gewaltige Hand voll dieses Gebäcks auf den Tisch. Selbstverständlich wackelte auch stets ein dicker «Bubeli» herbei und drückte sich an die Beine seiner Herrin. «Aber nur eins!», pflegte Adele dann zu ihrem Hund zu sagen, ehe sie auch ihm eine Hand voll der Köstlichkeiten hinlegte.