Eigentlich wollte sie uns einen ganzen Fisch kochen mit Kopf und allem Drum und Dran, «weil das auf den Fotos schöner aussieht». Doch der Fischverkäufer überzeugte sie davon, dass sich ein Dorschfilet für eine Einladung besser eigne.



Einsatz für die Schwächeren

Das ist nicht alltäglich denn wenn Pascale Bruderer, Aargauer SP-Nationalrätin und jüngstes Mitglied des Bundesparlaments, etwas will, dann lässt sie sich nicht so schnell davon abbringen.

Mit ihrer Kollegin Nicole Kamm bewohnt sie eine Wohnung in der Badener Altstadt. Auf einem Plakat an der Tür begrüsst mich Nicoles Cousin Simon: ein Junge mit Down-Syndrom, der in einer Kampagne der Fachstelle Assistenz Schweiz für ein selbstbestimmtes Leben warb. Im Wohnzimmer liegt Informationsmaterial zur Initiative «Gleiche Rechte für Behinderte», über die am 18. Mai abgestimmt wird. Ich mache mich auf eine Begegnung mit einer geballten Ladung Politik gefasst.

Zuerst gilt es, sich in der kleinen Küche zu organisieren. Wir sind nicht sonderlich im Stress, da der Fisch bereits Stunden zuvor mariniert worden ist. Auch der Tisch ist bereits gedeckt. Nur das Gemüse muss noch gewaschen und gerüstet werden.

Im Gespräch erfahre ich einiges über Bruderers Kindheit. Ihre Mutter hat zwei gehörlose Brüder. Pascale lernte schnell, sich mit den beiden Onkeln zu verständigen: Sie redete mit Händen und Füssen, noch bevor sie «Papa» oder «Mama» sagen konnte. Heute tritt sie vehement für die offizielle Anerkennung der Gebärdensprache ein. «Was früher als Affensprache qualifiziert und verboten wurde, ist für Gehörlose ein absolut unentbehrliches Kommunikationsmittel.»

Das Vorbild der Eltern

Soziales Engagement sei in ihrer Familie immer wichtig gewesen, sagt Pascale Bruderer. Begriffe wie Ehrlichkeit, Gleichberechtigung, Solidarität und Menschlichkeit seien im Alltag von den Eltern vorgelebt worden. «Ich bin überzeugt, dass die Menschen moralische Leitplanken brauchen, um sich in der Gesellschaft orientieren und bewegen zu können.»

Fantasie, Zuversicht, Hoffnung

Dann kommen wir auch auf Pascale Bruderers Essgewohnheiten zu sprechen. Von japanischen Studentinnen, mit denen sie während eines Austauschjahres in Schweden zusammenlebte, habe sie gelernt, bereits frühmorgens zu kochen. So kommt es vor, dass sie sich gleich nach dem Aufstehen, wenn andere Leute noch bei Kaffee und Gipfeli sitzen, die Spaghetti vom Vorabend aufwärmt.

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Das Rezept für den Dorsch auf dem Gemüsebett existiere nicht wirklich, gibt die junge Politikerin zu. Ich müsse einfach gut zuschauen und notieren, was alles in die Pfanne komme. In Bruderers Küche wird improvisiert mit einer Prise Fantasie, einer Portion Zuversicht und mit der Hoffnung, dass die angegebene Temperatur des Backofens auch stimmt.

Als Pascale vor einem Jahr für den zurückgetretenen Hans Zbinden in den Nationalrat nachrückte, veränderte sich ihr Leben drastisch. Mit ihren erst 25 Jahren brachte sie zwar bereits eine mehrjährige Erfahrung als Einwohnerrätin der Stadt Baden und als Grossrätin des Kantons Aargau mit. Trotzdem ist es für sie nicht einfach, im Bundeshaus zurechtzukommen, wo das Durchschnittsalter der Kollegen doppelt so hoch ist.

Sie zweifelt manchmal, ob sie die hohen Ansprüche erfüllen könne, die sie an sich stellt: «Ich kenne meine Grenzen und kann nur Anliegen überzeugend vertreten, hinter denen ich zu hundert Prozent stehe.» Neben der konzentrierten Arbeit im Rat versucht sie, sich Freiräume zu schaffen und Ausgleich zu finden, was nicht einfach sei. «Ich bin ein extremer Mensch und reagiere entsprechend», sagt sie. «Ich habe einen hohen Gerechtigkeitssinn und kann es nicht ertragen, wenn Menschen zu kurz kommen, die sich nicht wehren können.» Wenn sie Dampf ablasse, könne es ziemlich laut werden, meint sie selbstkritisch.

Lieber in der Öffentlichkeit

Pascale Bruderer wird bald ihr Politologiestudium abschliessen. Wohin es sie beruflich ziehen wird, weiss sie noch nicht. Sie kann sich vorstellen, als politische Beraterin tätig zu sein. Auch ein Exekutivamt schliesst sie nicht aus aber erst «in ferner Zukunft». «Ich stehe gern öffentlich für eine Sache ein und liebe den Kontakt zu Menschen», sagt die ehrgeizige junge Frau. «Die Arbeit im stillen Kämmerlein ist nicht so sehr meine Sache.» Manchmal komme sie sich vor wie auf einer Treppe: «Wenn ich mich auf einer Stufe wohl fühle, nehme ich gern die nächste in Angriff.»

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