Wir sollten uns am Spätnachmittag nach Indien einschiffen. Unser Zug war aber bereits vor Mittag in Genua angekommen, und so standen wir nun da mit all unserem Gepäck. Am liebsten hätte ich mich so auf die Koffer gesetzt, wie sich eine Glucke über ihre Eier legt. Es war das Italien der Entreissdiebstähle und Überfälle, das in den siebziger Jahren mein sonst so sonniges Bild des Südens gründlich trübte.

Noch stärker jedoch als meine Angst war einmal mehr mein Appetit. Also galt es, einen Ort zu finden, wo man uns entweder einen Raum für die mitgeschleppten Gepäckstücke zur Verfügung stellte oder wo wir – sozusagen auf unseren Koffern sitzend – essen konnten.

Ein Restaurant von Rang musste her. Sofort fiel mir Pippa ein, die Galeristin aus Mailand. Ich rief sie an, und sie meinte: «Genua ist genauso hässlich, wie es voller Überraschungen ist. Der eleganteste Ort ist ‹Il Circolo Artistico Tunnel›. Sag, dass du auf meine Empfehlung hin kommst. Das andere Restaurant ist das ‹Sà Pesta›. Buona fortuna – viel Glück!»

Mit Glück ergatterten wir ein Taxi, das uns samt Gepäck zum «Circolo» fuhr. Es stellte sich als ein Restaurant von geradezu atemberaubender Eleganz heraus. Schon das goldverzierte Entrée im Stil des späten 19. Jahrhunderts versprach Luxus pur. Das Personal trug goldbetresste Uniformen und servierte mit weissen Handschuhen. Ich war tief beeindruckt. Die Empfehlung meiner Mailänder Freundin zauberte gar ein Lächeln auf das Gesicht des Oberkellners. Als er allerdings unser Gepäck sah, runzelte sich seine Stirn: «Non è possibile – unmöglich!» Er hatte wohl zu viel über Bombenattentate gelesen…

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So fuhren wir denn zum «Sà Pesta» und fanden das Lokal in der Altstadt, am Ende einer kleinen Strasse. Es stellte sich als eines jener «farinotti» heraus, wie es sie nur in Genua gibt. In solchen Lokalen entstehen fast sämtliche Gerichte aus Mehl in einer Art Brotbackofen. Das berühmteste darunter ist knuspriger Fladen, «la farinata di ceci». Er hat den Lokalen auch zu ihrem Namen verholfen.

Restaurant mit Backofen
Die Gaststätte bestand aus einem Vorraum mit Arbeitstisch und Backofen. Dahinter befand sich ein gekachelter Raum, in dem etwa vier Tische auf Gäste warteten. Auch hier löste unser Gepäckberg Erstaunen aus, doch wir bekamen Platz. Schon stand die Wirtin des Lokals am Tisch, ratterte das Angebot des Hauses herunter und stellte den offenen Roten samt Gläsern auf den Tisch. Die Gäste waren meist ältere Leute, die durch das zur Gasse offene Fenster einkauften. Wir assen, was man uns empfohlen hatte. Würzigen Kastanienfladen («castagnaccio») und selbstverständlich «farinata». Dann versuchten wir von den gefüllten Sardinen und schliesslich, zum Knurrhahn aus dem Ofen, «polpettone genovese» – Genueser Kartoffel-Bohnen-Fladen. Ein «polpettone» ist eigentlich ein Hackbraten.

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Wohlgenährt und mit vollständigem Gepäck machten wir uns am späten Nachmittag auf den Weg zum Hafen. Es wurde eine lange Reise voller überraschender geografischer und kulinarischer Abenteuer. Ganz so, wie unser Aufenthalt in Genua begonnen hatte!