Der Satz klingt mir in den Ohren, als hätte ich ihn erst gestern gehört: «Eine Made ist schieres Eiweiss – weg damit!» Rüdiger Nehberg hatte 1989 als Gast in unserer TV-Serie «Steinzeit Survival» rund ums Fernsehstudio Würmer, Käfer und anderes Getier gesammelt und in der Sendung vor den Augen der Zuschauer verspeist. Dass ein gelernter Konditor im Umgang mit Eiweissen Bescheid wusste, überraschte nicht. Eher war es seine unkonventionelle Menüwahl. Kein Zweifel: Der Mann betrat kulinarisches Neuland.

Heute besuchen wir Rüdiger Nehberg in seinem Wohnhaus in der Nähe von Hamburg. Zum Grundstück der ehemaligen Mühle gehört ein kleiner Privatsee, in dem der Überlebenskünstler (Übername: «Sir Vival») Sommer wie Winter trainiert. Eigentlich erstaunlich, dass dieser Mann überhaupt ein Dach über dem Kopf hat. Richtig wohl fühlt er sich in der Wüste oder im Urwald, wo er das Leben mit allen Fasern seines Körpers spüren will.

Nehberg soll uns also etwas kochen. Eigentlich eine banale Aufgabe, wären da nicht die defekten Herdplatten, die nur zwei Stufen anbieten: «ein» oder «aus». Er wird hier versuchen, norddeutsche Reibekuchen (eine Art Rösti) für uns zu braten, die für ihn ein Stück Heimat bedeuten.

Unser Gastgeber schwärmt von einer aussergewöhnlichen Mahlzeit, die er nach einem längeren Aufenthalt im Urwald serviert bekommen habe. Als er, zurück in der Zivilisation, beim ersten Siedler angekommen war, wünschte er sich einen Reibekuchen. Es fehlten zwar fast sämtliche Zutaten für diese europäische Speise, aber die Frau des Siedlers war erfinderisch. Sie zermahlte Teigwaren zu Mehl, nahm statt Kartoffeln Maniok und tauschte bei einem Nachbarn Kopfwehtabletten gegen Eier.

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Der Körper hilft sich selbst
Das Essen ist für Rüdiger Nehberg – vor allem wenn er darauf verzichtet – ein zuverlässiger Indikator für die Funktionen des Körpers. «Wie diese Maschine funktioniert – einfach genial.» Das Überleben ohne feste Nahrung hat er bereits mehrfach getestet. Als er allein im Einbaum (einer Schweizer Tanne!) über den Atlantik segelte, merkte er, dass das Hungergefühl nach wenigen Tagen verschwunden war. «Wenn aber ein voller Kühlschrank in der Nähe ist, bin ich verloren. Mein Bäuchlein ist der beste Beweis dafür.»

Nehberg reibt eine rohe Kartoffel über die Röstiraffel. «Diese war für euch Schweizer, die anderen möchte ich feiner haben.» Beim Hacken der Zwiebel rümpft er die Nase, die trotz den vielen Strapazen offenbar noch intakt ist. «Merkwürdig», denke ich, «da kämpft sich einer wochenlang unter widrigsten Bedingungen durch die Wildnis, beklagt sich aber, wenn seine Hände ein wenig nach Zwiebeln riechen.»

Nehbergs Abenteuerlust ist nicht reiner Selbstzweck. Seit Jahren macht er dank seiner Popularität auf Probleme in Dritte-Welt-Ländern aufmerksam. Zurzeit kämpft er mit seiner Organisation «Target» gegen die Genitalverstümmelung von Frauen in Afrika. Er hat vor Ort Fakten gesammelt, hat gefilmt und fotografiert. Und er sucht das Gespräch mit Stammeshäuptlingen und Politikern. Damit er im fremden Kulturraum den richtigen Ton findet, hat er Hilfe von kompetenter Seite. «Joschka Fischers Aussenministerium stellt mir Leute zur Verfügung, die mir helfen Briefe zu formulieren und mit meinen Anliegen an die richtigen Stellen zu gelangen.»

Das Ende will er überraschend
Dass auch er nicht ewig den knallharten Abenteurer wird spielen können, ist ihm bewusst. Sein Alter zwingt ihn, sich mit seiner Vergänglichkeit auseinander zu setzen. «Ich möchte schnell und überraschend sterben. Vielleicht knallt mich ein Wahnsinniger im Urwald ab. Oder ein Krokodil zerlegt mich in meine Einzelteile.» Vorher möchte er aber noch die Statistik, laut der Bäcker eine durchschnittliche Lebenserwartung von 68 Jahren haben, nach oben korrigieren. «Ich habe rund 20 bewaffnete Überfälle überlebt. Da werde ich wohl auch das schaffen.»

Die Reibekuchen sind trotz kaputtem Herd schnell zubereitet und noch schneller gegessen. Und Nehberg erzählt weiter Geschichten. Bald will er zurück zu den Yanomami-Indianern gehen, für deren Lebensraum im brasilianischen Urwald er gekämpft hat. Er will sich aus einem Helikopter im Dschungel absetzen lassen und allein in die Zivilisation zurückfinden. Keine Nahrung, keine Waffe, kein Werkzeug wird er mitnehmen. «Ich werde mir alles selbst basteln müssen: Hängematte, Lanze, Feuer. Aber nach zwei bis drei Wochen werde ich wieder auf der Matte stehen.»

Für dieses Projekt will er sich von den Indianern ausbilden lassen. Will lernen, wie man sich im Urwald orientiert oder lautlos eine Beute anschleicht. Ein Erlebnis von seiner ersten Begegnung mit den Yanomami hat er nämlich nie vergessen. Als ihm die Männer nach langen Diskussionen endlich erlaubten, sie auf die Jagd zu begleiten, verscheuchte er, weil er zu laut war, mehrere Affen. Daraufhin schickte man den weissen Tollpatsch zurück ins Dorf und gab ihm, damit er sich nicht verirre, einen kleinen Jungen als Führer mit.

Bis zur nächsten Herausforderung muss sich Nehberg an die Souvenirs halten, die im Wohnzimmer an frühere Abenteuer erinnern. Eines ist sogar lebendig: eine fette Vogelspinne von der Grösse eines Spiegeleis. Da sie zurzeit ihren Winterschlaf hält, zeigt er das Resultat einer Häutung, was wie eine perfekte Kopie des hochgiftigen Tieres aussieht. Mir solls recht sein. Lassen wir die Spinne lieber schlafen.