Wie übersetzt man «Rigatoni» ins Deutsche? Vasco Pedrina kann nicht helfen: «Wenn es um Gewerkschaftsbelange geht, kenne ich jeden Fachausdruck. In der Küche spreche ich jedoch nur Italienisch.» Wir feilschen kurz über Begriffe wie «Röhrennudeln» oder «Makkaroni» und beschliessen dann, den Begriff im Rezept in der Originalsprache zu belassen.

Der Chef der Gewerkschaft Bau und Industrie ist guter Dinge. Ihm ist mit dem nationalen Streik der Bauarbeiter ein Coup gelungen. Der Arbeitsfriede, ein Schweizer Mythos, so fundamental wie das Bankgeheimnis, wurde gestört. Nach dem grössten Arbeitskampf seit Jahrzehnten einigten sich Gewerkschaften und Baumeister auf die Frühpensionierung mit 60 Jahren.

Für Vasco Pedrina hatte die Aktion starke symbolische Züge. «Dass wir die Baregg-Baustelle bestreikten, war kein Zufall. Die Leute mussten merken, dass vieles im Alltag von den Bauarbeitern abhängt.» Die Befürchtung, die Autofahrer könnten verärgert werden, erwies sich als unbegründet: Trotz zusätzlichen Staus kam es auf der Autobahn zu keinem Aufstand.

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Heute ist Pedrina erleichtert. Die Bauleute seien entschlossen und selbstbewusst aufgetreten, man habe eine friedliche Stimmung und grosse Solidarität gespürt. Der Erfolg sei eine Entschädigung für die vielen Erniedrigungen in den neunziger Jahren. Er erzählt eine Anekdote, über die er sich fast kugelt vor Lachen. Einer seiner Gewerkschaftsmitarbeiter wurde von einem Polizisten gefragt: «Wer ist verantwortlich für den Streik?» Der GBI-Mann antwortete in Anspielung auf den Baumeisterpräsidenten: «Heinz Pletscher.» – «Wo ist er?» – «In Zürich.» – «Typisch: Immer wenn man die Chefs braucht, sind sie nicht da.»

Dass Vasco Pedrina in der Küche steht oder Haushaltsarbeiten erledigt, ist eher selten, aber nicht aussergewöhnlich. «Ich gehöre nicht zur Sorte jener Machos, die psychische Probleme bekommen, wenn sie zu Hause Hand anlegen müssen.» Wenn seine Frau Désirée im Ausland ist, übernimmt er die Pflichten des Hausmanns. Und er tut das wie alles, was er anpackt: mit grösstem Pflichtbewusstsein.

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Pedrina hat den Ruf, kein richtiger Tessiner zu sein. «Ich verlange Pünktlichkeit und Genauigkeit. Das sind Eigenschaften, die nicht zum Klischee des chaotischen Südländers passen.» Wenn er sich zum Mittagessen angemeldet hat, steht er punkt 12.30 Uhr auf der Matte. Und abends, wenn er Sitzungen hat, wartet die Familie mit dem Essen, bis er nach Hause kommt. So wird das Beisammensein am Tisch als Ritual gepflegt.

Vasco Pedrina wuchs als Sohn eines Bäckers in Airolo auf. Noch heute erinnert er sich an die täglichen Mittagessen mit den fünf Geschwistern und den Angestellten. Zehn bis zwölf Leute sassen damals an einem Tisch. Die Grossmutter kochte für alle. «Sie wurde leider immer zerstreuter, hatte aber gute Ausreden. Wenn das Essen fad war, weil sie das Salz vergessen hatte, meinte sie nur, das Salz sei halt auch nicht mehr, was es früher einmal war.»

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Die Arbeit im Betrieb der Eltern prägte Pedrina. Noch heute hat Brot für ihn eine besondere Bedeutung. «Frisches Brot gabs bei uns selten. Wir assen, was am Vortag nicht verkauft worden war.» In Erinnerung ist ihm auch der Loyalitätskonflikt, in den er bereits als Jugendlicher geriet. Einerseits hatte er Verständnis für die Anliegen der Angestellten, anderseits war sein Vater als Patron auf der Gegenseite.

Neuorientierung steht an
Vasco Pedrina in der Küche der Mietwohnung in Zürich: Die etwas ungelenke Art, mit der er das Rüstmesser führt, verrät, dass das Kochen nicht zu seinen Hauptbeschäftigungen gehört. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, die Tomaten zu kochen und zu häuten. Pelati aus der Dose kommen bei ihm nicht in die Pfanne.

Von seiner Funktion als Manager und Organisator möchte Pedrina in absehbarer Zukunft zurücktreten, um sich vermehrt den Inhalten zu widmen. «Mein letztes grosses Projekt wird die Fusion der Gewerkschaften Smuv, GBI, Unia und VHTL sein, die für 2004/2005 geplant ist. Wenn sie erfolgreich über die Bühne geht, werde ich mich möglicherweise beruflich neu orientieren.»

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Rückblick voller Stolz
Die Politik als neues Betätigungsfeld? «Als Parlamentarier kaum», sagt Pedrina. Als Berater das erworbene Know-how verkaufen? «Schon eher. Vielleicht tue ich aber etwas ganz anderes und versuche dahinter zu kommen, warum die ‹Leventinesi› trotz jahrhundertelanger Unterdrückung durch die Urner eine gute Beziehung zu ihren Nachbarn im Norden haben.»

Beim Espresso kommt Pedrina auf das Ereignis zurück, das 2002 für ihn zum guten Jahr machte. Stolz auf den Erfolg im Herbst, zitiert er die «New York Times», die über den Schweizer Streik berichtete: «Swiss workers – out of practice – go on strike.» Die Gewerkschaften, vor kurzem noch totgesagt, seien nach jahrelanger Aufbauarbeit wieder da, bilanziert Pedrina. «Die Arbeit der letzten 15 Jahre war nicht umsonst. Heute verzeichnen wir einen Trend weg vom Turbokapitalismus. Ich bin aber weit davon entfernt, euphorisch zu sein», blickt er ins Jahr 2003. Eine durchaus realistische Einschätzung.

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