Jedes Jahr war es dasselbe: Je weiter der November voranschritt, desto ungeduldiger wurde mein Vater: Er erwartete Post aus Österreich – Post von der «Wiener Liesel», seiner Jugendfreundin. Eigentlich hiess diese Elisabeth Stock und war nach dem Ersten Weltkrieg zum «Auffüttern» zu meinen Grosseltern in die Schweiz geschickt worden. Aber weil Grossmutter das fröhliche Mädchen ins Herz schloss, wurde aus dem «Auffüttern» ein mehrjähriger Aufenthalt und aus Liesel ein Familienmitglied. Nach ihrer Rückkehr nach Österreich brach der Kontakt nicht ab. Da verstand es sich von selbst, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auch Liesels Kinder bei uns neue Kräfte tankten.

Der Dank blieb nicht aus. Pünktlich zur Vorweihnachtszeit traf bei uns jeweils ein Paket ein, das Vater fast närrisch werden liess. Nicht dass es nach der langen Reise von der Donau an die Reuss noch besonders ansehnlich ausgesehen hätte. Aber obwohl es oft leicht zerdrückt war, duftete es nach Weihnachten, nach Vanille, Butter, Mandeln und Zucker. Nach Vanillekipferln eben. Und die standen in Vaters Hitparade ganz zuoberst.

Dann kam jener November ohne Paket aus Wien. Keine Nachricht kam und kein Brief. Vater wurde zuerst nervös und dann bald recht unerträglich. Ich weiss nicht, was noch alles geschehen wäre, hätten meine Eltern nicht eines schönen Sonntags nach einem Spaziergang ihr Haus von einem unvergleichlichen Duft erfüllt gefunden. Serafina, unsere Hausangestellte, hatte Biscotti gebacken, ein Weihnachtsgebäck aus ihrer süditalienischen Heimat.

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Serafinas Biscotti-Triumph
Die unförmigen, zweifach gebackenen Süssigkeiten lagen zum Abkalten auf dem grossen Küchentisch. Natürlich wollte Vater sofort zugreifen. Aber Serafina hielt ihn zurück, schaute ihn fast schon drohend an und sagte: «Signore, für einmal werden Sie jetzt mir gehorchen. Diese italienischen Knusprigkeiten schmecken dann am besten, wenn Sie sie vor dem Anbeissen zuerst einen Moment lang in Marsala tauchen.» Also stieg Vater in den Keller. Dort fand er keinen Marsala, dafür eine wunderbare Spätlese aus Frankreich. Die Biscotti waren noch leicht warm, als die Degustation begann. Sie wurde zu Serafinas Triumph.

Einige Tage später fuhr knatternd ein wackeliger Citroën 2CV vor unserem Haus vor. Er trug eine Wiener Nummer und gehörte unserer Liesel. Sie hatte sich zu ihrem 50. Geburtstag nicht nur den Führerschein und das Auto geleistet, sondern sich mit ihren Mandelkipferln gleich selber auf den Weg in die Schweiz gemacht.

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Kipferln im zuckerhaften Duftbad
Es ist nur allzu verständlich, dass Mutter sie in einem günstigen Moment zur Seite nahm und sie um das Rezept für das Zuckergebäck bat. Und so standen denn am Abend Serafina, Liesel und meine Mutter gemeinsam in der Küche, überbrühten Mandeln, rieben diese, mischten den Teig, formten und buken…

Ich war damals noch ein kleiner Bub und sah dem Treiben zuerst ein bisschen erstaunt zu. Dann erlebte ich, wie wunderbar Vanillekipferln duften, wenn sie langsam zu hellgelber Festigkeit und Farbe backen – und was für ein unbeschreiblicher Duft die Küche erfüllt, wenn die noch heissen Kipferln ein Bad im vanillierten Puderzucker nehmen.

Ubrigens: Die Kipferln schmecken zwar frisch bereits ganz wunderbar. Sie munden aber noch tausendmal besser, wenn sie zwei oder drei Wochen in einer fest verschlossenen Blechdose aufbewahrt und erst dann auf den Guetsliteller geschichtet werden.

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