«Der Mensch ist nicht gut!», pflegte Özcan mit seiner dunklen, rauhen Stimme zu sagen; dazu hob er warnend den mageren Zeigefinger in die Höhe und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. «Aber», fuhr er dann jeweils fort, «ich habe Glück gehabt mit Trudi. Trudi ist eine gute Frau.» Worauf seine Frau ihm einen mahnenden Blick zuwarf und antwortete: «Hör doch endlich damit auf! Ich bin nicht anders als alle anderen. Und besser schon gar nicht.»

Ein ungleiches Paar, die beiden: sie, die Schweizer Primarlehrerin, er, der ruhige, sogar verschlossen wirkende türkische Arbeiter. Seit 19 Jahren waren sie miteinander verheiratet. Ich selber war noch ein junger Student und hatte Özcans und Trudis Tochter Alaya an der Uni kennen gelernt. Nach zwei Semestern hatte ich mich in das bildhübsche Mädchen mit den schwarzen Locken und den grünen Augen verliebt. Nun stand der erste Besuch bei seinen Eltern an. Ich erinnere mich noch gut: Sonntag wars, es regnete, und ich fuhr auf meiner klapprigen Lambretta in den Aargau.

Ich verfluchte die rücksichtslosen Automobilisten, die mich bedrängten und bespritzten; da half auch die Gummipelerine nichts. Durchfroren und dreckig traf ich bei Alayas Eltern ein. Aber mein Pech erwies sich als Glück: Dass ich an jenem Sonntag so Mitleid erregend nass vor seiner Haustür stand, rührte an Özcans Herz. Wie mein Besuch sonst herausgekommen wäre, weiss ich nicht. Denn Özcan – meine Freundin hatte mir das wohlweislich verschwiegen – hielt nicht viel von unserer Beziehung. Im Gegenteil: Die seines Erachtens ungebührliche Liaison der Tochter mit einem Schweizer machte ihn zornig. «Du wirst sehen!», warnte er Alaya mit erhobenem Zeigefinger und beschrieb ihr alle möglichen düsteren Folgen. Doch seine Frau nahm ihm jeweils den Wind aus den Segeln, indem sie sagte: «Als du mich kennen gelernt hast, bist du ja auch eine ungebührliche Beziehung zu einer Schweizerin eingegangen.»

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Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft sass ich, aufgewärmt durch ein Bad und in Kleidern von Alayas Bruder, über einem Teller Corbasi. Ich war so erschöpft und hungrig, dass ich mich durch das seltsame Aussehen des Gerichts – war es nun ein Dessert oder eine dicke Suppe? – nicht abschrecken liess. Ich kostete den dampfenden Brei vorsichtig – und dieser erste Löffel Corbasi war der Beginn meiner Liebe zur türkischen Küche.

Huhn und Joghurt kombiniert
Während ich begeistert ass, schaute mich Özcan mit seinen dunklen Augen durchdringend an. Als ich den Teller leer geputzt hatte, sagte er trocken: «Das war die Hochzeitssuppe.» Was? Heiss schoss es mir durch den Kopf: Wie kann ich mich bloss aus dieser Situation retten? Ich kann doch nicht frisch verlobt vom Sonntagsausflug zu meinen Eltern heimkehren! Zu meiner Erleichterung sprach Özcan nicht weiter von Heirat. Er fragte nur: «Möchtest du wissen, wie man diese Suppe bei mir daheim macht?»

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So fand ich mich aufatmend in einem langen Gespräch über Anatolien wieder, der Heimat Özcans. Ich absolvierte einen Blitzkurs in türkischer Geschichte, erfuhr manches über den Islam und dessen türkische Ausprägung , aber auch über Armut, Emigration und Blutrache.

Schliesslich diktierte mir Özcan im Rahmen seiner Einführung in den türkischen Alltag auch noch das Rezept zur anatolischen Joghurtsuppe. Ich notierte seine Ausführungen gehorsam Wort für Wort – in seinem auch nach fast 20 Jahren Aufenthalt in der Schweiz immer noch gebrochenen Deutsch. Das Rezept begann mit dem denkwürdigen Satz: «Du machen Suppe von richtig altem Huhn oder du gehen für frisches Wasser…» Trudi zwinkerte mir derweil hinter dem Rücken ihres Mannes zu, und Alaya schaute mich aus ihren schönen Augen fragend an. Eigentlich war ich ja ihretwegen in den Aargau gereist.

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Als ich mich dann am späten Nachmittag wieder auf meine Lambretta schwang, um im prasselnden Regen heimzufahren, sagte mir Özcan: «Pass auf dich auf! Der Mensch ist nicht gut!» Und hob dazu warnend seinen Zeigefinger.