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WohlbefindenDu sollst nicht verzichten

Kann essen Sünde sein? Ja, meinen viele – und schaden dadurch ihrer Gesundheit. Denn bewusstes Schlemmen ist viel gesünder als Verzicht und schlechtes Gewissen.

 

Ein fetter Boden ist fruchtbar, eine fette Wiese ertragreich. Fette Jahre sind gute Jahre, fette Gewinne mehren die Dividende. Nur das Essen soll möglichst fettarm sein. «Fett bedeutet so viel wie Gift», schreibt Richard Klein in seinem Buch «Schöne fette Welt». «Was unsere Vorfahren noch als Geschenk Gottes betrachteten, ist im gegenwärtigen Klima zu einer diabolischen Substanz geworden, die aus dem Körper getilgt werden muss.» Seit kurzem mit der Antifettpille Xenical.

 

«Die Medizin ist aufs Negative fixiert, liebt Warnungen vor Gefahren», kritisiert auch David Warburton, Professor für Psychopharmakologie im südenglischen Reading. Seine Konsequenz: Er begann ein weltweites Netz von Leuten zu spinnen, die die heilsame Wirkung von Dingen ergründen, «die uns Spass machen».

 

«Was tut mir gut?» heisst die Schlüsselfrage und nicht «Was kann mir schaden?». «Könnte es sein», so Warburton, «dass der subjektive Nutzen von einem Glas Whisky oder einer üppigen Portion Schlagrahm bedeutsamer ist als der Bruchteil eines Jahres, um den solch sündiges Tun meine Lebenserwartung verkürzen könnte?» Also schleppte er mit seinen Verbündeten Wodka, schwarzen Kaffee und viel Sündiges mehr in die Labors und suchte nach positiven Wirkungen auf Hirn und Körper.

 

Sie sind fündig geworden: Zahlreiche Arbeiten zeigen, dass Genuss sowohl die körperliche wie die seelische Gesundheit günstig beeinflusst. Entspannung zum Beispiel aktiviert die Killerzellen, die gegen Infektionen wirken. Schokolade beruhigt und lässt klarer denken, Kaffee verbessert die Wahrnehmung und glättet Stimmungsschwankungen. Nikotin hilft negativen Stress abbauen und erhöht die Hirnaktivität man fühlt sich konzentrierter.

 

Präventionsfachleute mögen jetzt zusammenzucken. Genussforschern wie dem Iren James McCormick ists egal: «Gesundheitsgurus sind gesundheitsschädlich wie andere Religionen hat die Medizin mittlerweile ein eigenes Moralsystem geschaffen. Weissbrot, Chips, Salz oder Fett essen, ein Stubenhocker sein: All diese Dinge sind unmoralisch der Preis solcher Sünden ist ein früher Tod.»

 

Die Folge dieses Moralsystems sind Schuldgefühle. Und die erzeugen massiven, krank machenden Stress, mindern das Wohlbefinden und können sogar zu Depressionen führen. Jede zweite Person, so ergab eine Umfrage der Genussforscher, könnte alltägliche Freuden Schokolade, Kaffee oder Sex mehr geniessen, wenn sie deswegen keine Schuldgefühle hätte. Anderseits ist kaum bestreitbar, dass Fett, Süssigkeiten oder Alkohol die Gesundheit massiv schädigen können.

 

Da wirken die Botschaften der Freuden- und Genussforscher wie Wegweiser zum Notausgang: «Ohne kleine Sünden gibt es keine Lebensqualität», ist David Warburton überzeugt. Und für seinen niederländischen Kollegen Jan Snel sind sie schlicht und einfach nötig, «um die zermürbenden Nadelstiche des Alltags auszugleichen, den Nachbarn mit Hauswartsyndrom zum Beispiel. Wenn ich das rechte Mass finde, ist gerade aus jenen Dingen der Spass am Leben herauszuholen, die als verboten vorgeführt werden.»

 

Anzustreben ist also eine Verbindung von Genuss und Mass. Was leichter gesagt ist als getan. Denn die Fähigkeit, zu geniessen, ist hierzulande nur mässig entwickelt: In einer Umfrage mit viertausend Personen in acht europäischen Ländern rangiert die Schweiz im Mittelfeld die Befragten mussten auf einer Skala angeben, wie viel Genuss ihnen Alltägliches bereitet, zum Beispiel ein Glas Wein trinken, Musik hören oder Sex. Am genussfreudigsten sind die Holländer, gefolgt von den Briten.

 

Bleibt die Aufgabe, das richtige Mass zu finden doch das gibt es nicht: Wie viel Übergewicht verdoppelt die Wahrscheinlichkeit, Altersdiabetes zu erleiden? Wie viel Rotwein pro Tag hat einen Schutzeffekt fürs Herz? Wie viel Jogging pro Woche ertragen die Gelenke?

 

Wie in der therapierenden Medizin gilt auch in der präventiven: Die (vermeintlich gesicherten) Erkenntnisse von heute sind die Irrtümer von morgen. In Schweden etwa wird Männern empfohlen, nicht mehr als sieben Gramm reinen Alkohol pro Tag zu trinken, in Frankreich sind es sechzig Gramm. Ähnlich breit ist die Spanne bei den Eiern beziehungsweise beim Cholesterin: Die britische Ernährungskommission empfiehlt ein Ei pro Woche, die britische Herzstiftung vier Eier, die WHO zehn.

 

Kommt hinzu: Was die Medizin mit ihren Mess- und Grenzwerten als schädlich einstuft, kann der Einzelne ganz anders wahrnehmen. Fett, Zucker oder Alkohol mögen aus medizinischer Sicht gräulich sein. Eine Rahmsauce, eine Tafel Schokolade oder ein Glas Cognac können fürs persönliche Wohlbefinden ein Segen sein.

 

Vor kurzem schrieb das britische Wissenschaftsmagazin «New Scientist» unter dem Titel «So werden Sie ein perfekter Sünder»: «Zweitausend Jahre sind vergangen, seit die Römer sich durch Hundert-Gänge-Bankette mit Pfauenhirnen, Flamingozungen und Elefantenohren frassen und sich diskret in Erbrechräume zurückzogen, um sich Federn in den Hals zu schieben, wenn der Bauch zu voll wurde. Zweitausend Jahre und noch immer gelten die Römer als Meister der Völlerei.»

 

Vielleicht zu Unrecht. Auch zweitausend Jahre später liegt den meisten Menschen in der industrialisierten Welt die Masslosigkeit näher als das Mass, die Menge näher als die Qualität. Dabei bräuchte es sehr wenig, um mit Mass und ohne Schuldgefühle geniessen zu können: fünf wache Sinne und etwas Zeit.

Nahrungsmittel, die Körper, Geist und Seele gut tun

Gemüse und Gewürze:

Bevorzugen Sie Tomaten, Peperoni, Oliven, Knoblauch, Artischocken, Salbei, Thymian, Rosmarin. Leuchtende Farben und starke Aromen signalisieren bioaktive Pflanzenstoffe, die vor zellschädigenden, so genannt freien Radikalen schützen und das Immunsystem beleben. 
 

Früchte:

Bananen, Feigen und Ananas liefern wichtige Bausteine, um die Produktion des Hirnbotenstoffs Serotonin anzuregen. Dieser gilt als «Gute-Laune-Stoff» und hilft auch beim Einschlafen: Grossmutters Schlaftrunk aus warmer Milch mit Honig oder aufgelösten Haferflocken bietet genau das, was moderne Schlafforscher empfehlen.
 

Leber, Eigelb, Käse:

In diesen Nahrungsmitteln findet sich reichlich Cholin, ebenfalls ein Botenstoff im Gehirn, der die Gedächtnisleistung innerhalb von 90 Minuten auffrischen kann. Auch in Weizenkeimen, Nüssen und Vollkornprodukten hat es viel Cholin.
 

Erdnüsse:

Bevorzugen Sie ungeröstete und ungesalzene Erdnüsse. Erdnussöl wirkt ähnlich günstig wie Olivenöl. Zudem liefern die kleinen Kalorienbomben viele Mineralstoffe und Vitamine, unter anderem das zellschützende Vitamin E.
 

Schokolade:

Sie macht glücklich das Magnesium entspannt, das Koffein regt an, und der Zucker bildet zusätzliches Serotonin. Auch für die Gesundheit hat Schokolade einiges zu bieten: Sie enthält grosse Mengen von Schutzstoffen gegen freie Radikale.
 

Wasser:

Wer wenig trinkt, erhöht das Risiko für Krankheiten wie Nierensteine und wird schneller müde. Der tägliche Bedarf beträgt 1,5 bis 2 Liter. Am besten sind Wasser, ungesüsster Kräuter- oder Grüntee in Asien das Getränk der Weisen.
 

Rotwein:

Der rote Rebensaft beugt Herzkrankheiten vor. Es sollten aber nicht mehr als ein, zwei Gläser pro Tag getrunken werden.
 

Magnesium:

Der Mineralstoff beruhigt die Nerven, dämpft Stress und Aggressionen. Reichlich Magnesium findet sich in Schokolade, Milch- und Vollkornprodukten, grünem Gemüse und Salat, Hülsen- früchten, Nüssen und Samen. Magnesiummangel äussert sich häufig in Wadenkrämpfen, Herzrhythmusstörungen oder regelmässigen Kopfschmerzen.

Veröffentlicht am 04. Dezember 2001