«Meine elfjährige Tochter ist ein richtiger «Nachtvogel». Wir haben nun Grenzen gesetzt: Sie muss abends um Viertel nach neun im Bett sein, darf da aber noch lesen. Es ist mir wichtig, dass ich am Abend auch für meinen Partner Zeit habe. Meine Tochter sagt, niemand aus ihrer Klasse müsse so früh zu Bett. Sie muss mir auch ab und zu im Haushalt helfen, was ebenfalls meist zu Auseinandersetzungen führt. In welchem Alter haben denn Kinder welche Rechte und Pflichten?»

Felicia G.

Koni Rohner, Psychologe FSP:


Es ist in Ordnung, dass Sie auch Raum für sich und Ihre Partnerschaft beanspruchen und deshalb Ihre Tochter zu Bett schicken. Und dass alle an einem Haushalt Beteiligten gewisse Aufgaben übernehmen, also auch die Kinder, finde ich ebenfalls angebracht. Für eine Familie ist es hilfreich, regelmässig «Konferenzen» durchzuführen, zum Beispiel einmal pro Woche. An diesen Treffen können alle Familienmitglieder ihre Bedürfnisse und ihren allfälligen Ärger ausdrücken; gemeinsam kann man nach Lösungen suchen, die niemanden als Verlierer dastehen lassen. Eine lebendige Familie handelt auf diese Weise die Regeln fürs Zusammenleben immer wieder neu aus. Dennoch lohnt es sich, einmal grundsätzlich über Rechte und Pflichten der Kinder nachzudenken.

Erst im 17. Jahrhundert begannen Philosophen über die Kindheit und damit über Erziehung nachzudenken. Rousseau und Pestalozzi entwickelten ihre Ideen im 18. und 19. Jahrhundert. Allmählich entstanden pädagogische und erzieherische Vorstellungen und Rezepte und schliesslich auch eine Volksschule mit der Idee der Chancengleichheit für alle Kinder.

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Balance zwischen Strenge und Milde

Während angehende Lehrer nach der Maturität in einer mehrjährigen Ausbildung die Grundlagen für ihre Arbeit erwerben, sind Eltern weitgehend auf sich gestellt, wenn es um die Ausgestaltung ihrer Erziehungsprinzipien geht; häufig greifen sie auf ihre eigenen guten und schlechten Erfahrungen als Kinder zurück. Die Verunsicherung ist gross: Während es früher hiess: «Wer sein Kind liebt, der züchtigt es», suggeriert heute die Werbung: «Wer sein Kind liebt, kauft ihm Markenturnschuhe, Spielsachen und schickt es zum Reiten oder in Sportklubs.»

Viele Eltern fühlen sich wegen der gestiegenen Erwartungen von ihrem Nachwuchs dominiert oder sogar terrorisiert. Umso wichtiger wird deshalb die Frage, welche Rechte und Pflichten Kinder in einer modernen Familie eigentlich haben.

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Janusz Korczak, ein jüdischer Arzt und Pädagoge, leitete im Zweiten Weltkrieg im Warschauer Getto ein Waisenhaus, bis er mit seinen Kindern in die Gaskammern von Treblinka abgeführt wurde. In einem Buch zählte der «Pestalozzi von Warschau» unter anderem folgende Kinderrechte auf: «Das Recht zu verlangen, dass man seinen Kummer ernst nimmt, auf Geheimnisse, auf Spiel, auf einen guten Lehrer und auf seine kleine Portion Himbeereis» (siehe Buchtipp).

1989 hat die Generalversammlung der Uno eine Konvention über die Rechte des Kindes verabschiedet, die noch am ersten Tag von 61 Staaten unterzeichnet wurde. In 41 Artikeln werden in ihr die verschiedensten Rechte festgehalten, zum Beispiel die Rechte auf Meinungsäusserung, auf Bildung, Spiel und Freiheit. Die extremsten Ansätze stammen von den Vertretern der so genannten Antipädagogik, die die Abschaffung aller Erziehung fordert. Meine eigenen Vorschläge für eine moderne Erziehung sehen so aus:

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Kinder haben die Pflicht,

sich an die Regeln des Zusammenlebens in der Familie zu halten

Rücksicht auf die andern Familienmitglieder zu nehmen

einzelne Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen

die Eltern zu respektieren.

Kinder haben aber nicht die Pflicht,

die Erwartungen, Wünsche und Träume der Eltern zu erfüllen

dankbar dafür zu sein, dass sie leben und für sie gesorgt wird

mit allem einverstanden zu sein

dem Leben der Eltern einen Sinn zu geben.

Kinder haben das Recht,

versorgt, betreut und beschützt zu werden, solange sie klein sind

trotz beschränkten Fähigkeiten als ganze Menschen ernst genommen zu werden

sich der eigenen Natur gemäss zu entfalten

Fehler zu machen und Gefühle zu zeigen

zu lernen, Anregungen zu bekommen und Antworten auf ihre Fragen zu erhalten

auf ein gutes Vorbild in den Erwachsenen

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mit zunehmendem Alter angehört und in Familiensachen mit einbezogen zu werden.


Buchtipp

Janusz Korczak: «Das Recht des Kindes auf Achtung.» Vandenhoeck und Ruprecht,

Göttingen 1998, Fr. 29.50