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Helikopter-ElternKinder unter der Käseglocke

Kinder, denen man alles abnimmt, ­sind letztlich stärker gefährdet, weil sie nie mit Risiken konfrontiert werden und somit nicht lernen, damit umzugehen. Bild: Hugh Kretschmer

Aus Sorge, dem Nachwuchs könnte etwas zustossen, packen Eltern ihre Kinder in Watte. Die Angst der «Helikopter-Eltern» kommt nicht von ungefähr: Versicherungen, Präventionsstellen und Medien kultivieren das Bild einer bösen, gefährlichen Welt.

von Daniel Benz, Tanja Polli und Birthe Homann

Pascal duscht in der Unterhose. Nicht, weil er das will. Er muss. Der Goalie einer Aargauer Junioren-Fussballmannschaft darf sein Schnäbi niemandem zeigen, auch seinen Fussballkollegen nicht. Der Sechsjährige hat keine ansteckende Krankheit und auch kein missgebildetes Organ, er hat bloss eine Mutter, die sich Sorgen macht. «Man hört so viel», erklärt sie dem Trainer, «von Pädophilen in Sportvereinen.»

Marco ist bereits 16 und entfällt daher langsam dem Beuteschema von Kinderschändern. Trotzdem scheint der gross­gewachsene Zürcher Gymnasiast, der Eishockey spielt, ein besonders schutzbedürftiges Wesen zu sein. Eben hat er erfahren, dass er mit seiner Klasse ohne Hammer und Meissel zur Fossiliensuche aufbrechen muss. Zu gross sei die Verletzungsgefahr, befanden ein paar Eltern.

Man nennt einfach schockierende Zahlen

Fragt man Marco, sind diese Eltern «alle Psychos». Was er nicht weiss: Die Angst der Eltern kommt nicht von ungefähr. Sie wird bewirtschaftet von Präventions- und anderen Fachstellen, von Versicherungen und nicht zuletzt von den Medien. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im Briefkasten oder im Schulthek farbige Broschüren mit besorgniserregendem Inhalt auftauchen. Gefahr lauert überall: im Znünitäschli, auf dem Schulweg, in der Badi, vor dem Computer.

Die Angst bringt Geld. Von Spendern, von der öffentlichen Hand, von Abonnentinnen und Lesern. Beispiele, die stutzig machen, sind schnell gefunden. Auch im Bereich der Übergriffe in Garderoben. So operierte die Fachstelle Mira, die sich dem Problem der sexuellen Ausbeutung in Sport- und Freizeitvereinen verschrieben hat, bis vor kurzem in Broschüren und gegenüber den Medien mit schockierenden Hochrechnungen: 2500 bis 5000 sexuelle Übergriffe pro Jahr gebe es in Schweizer Vereinen – das wären über zehn pro Tag.

Fragt man nach, wie diese Zahlen ­zustande kommen, sagt Geschäftsleiterin Janine Graf: «Diese Zahlen verwenden wir heute nicht mehr. Heute sagen wir: Es ist unbestritten, dass es solche Übergriffe gibt. Wie viele, kann mit gutem Gewissen niemand sagen.»

Erhellend auch zwei neue Studien zum Schreckgespenst Cybermobbing, dem Fertigmachen von Jugendlichen im Internet. Während Polizei, Jugendberatungs- und spezifische Fachstellen Eltern und Kinder sensibilisieren, kommen die Nationalfonds-Studien zum Schluss: «Die Bedeutung des Phänomens wird in der öffentlichen Wahrnehmung überschätzt.»

Cybermobbing sei etwa dreimal weniger häufig als Mobbing in der realen Welt, massive Attacken seien selten. Die Forscher folgern: «Spezielle Prävention gegen Cybermobbing braucht es nicht.»

Die Medien tröten die Empörung hinaus

Erschreckend auch die Schlagzeile im Sommer 2011: «Eltern am Anschlag». Grundlage: alarmierende Aussagen der Stiftung Pro Juventute. «Das Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche wird zurzeit von überforderten Eltern überrannt», schreibt die «Sonntags-Zeitung» und lässt den Direktor der Pro Juventute zu Wort kommen, Stephan Oetiker: «Die Probleme, denen sich Eltern stellen müssen, werden immer schwieriger.» Früher sei es bei den Problemen der Kinder oft ums Flirten gegangen, heute um Mobbing und Suizid­absichten. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das erste Kind in der Schweiz ­wegen Cybermobbing umbringt.»

Die telefonische Nachfrage bei der Pro Juventute führte zu einer Erklärung, die nur noch halb so wild klingt: «Die Beratung und Hilfe 147 erhält in den letzten Monaten 40 Prozent mehr Anfragen von Eltern und Erwachsenen als ein Jahr zuvor, wobei es sich nicht um eine Zunahme der insgesamt entgegengenommenen Anrufe handelt, sondern um eine prozentuale Verschiebung innerhalb der Anrufe.»

Martin Hafen, Soziologe und Präven­tionsfachmann, wundert sich nicht: «Prävention lebt immer auch davon, den Teufel an die Wand zu malen. Um auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen und, nicht zuletzt, um sich selber zu legitimieren.» Hauptverantwortlich für das Gefühl vieler Menschen, die Welt werde immer gefährlicher, seien aber nicht Präventionsfachstellen, sondern die «Daueralarmierung» durch die Massenmedien. «Wäre die Welt so, wie sie uns dort tagtäglich dar­gestellt wird, würde ich hier nicht mehr ­leben wollen», sagt Hafen.

Es bleibt alles beim Alten, also bei Mama

Dass Eltern über Dinge wie richtige Ernährung oder förderliche Erziehungsmethoden aufgeklärt werden, hält Hafen grundsätzlich für eine gute Sache. Dass ein ­Zuviel davon zu Verunsicherung und zur Ver­stärkung von Ängsten führen kann, sieht er aber durchaus. «Das Problem vieler Präventionskampagnen ist die Fokussierung auf die Verhaltensänderung des Indivi­duums.» In vielen Fällen wären laut dem Soziologen konkrete Verbesserungen der Lebensumstände der Zielgruppe hilfreicher. Elternurlaube etwa oder mehr Freiräume für Kinder.

Diese Forderungen allerdings stiessen meist auf politischen Widerstand. So bleibt alles beim Alten respektive bei Mama. Sie ist unter allen Umständen dafür verantwortlich, dass dem Kind nichts Böses ­widerfährt. Zwei Drittel aller Eltern, ergab eine aktuelle deutsche Umfrage, haben Angst, wenn ihre Kinder draussen spielen.

Alina Geiger* schüttelt den Kopf. Die 35-jährige Mutter einer vierjährigen Tochter arbeitet seit zehn Jahren als Kindergärtnerin im Kanton Bern. Elternängste sind in ihrer Arbeit inzwischen omnipräsent. Sogar auf der jährlichen Kindergartenreise. Seit ein paar Jahren hat Geiger neben den Kindern immer auch Mütter dabei. Sie bestehen darauf, ihre Kinder zu begleiten. «Viel zu gefährlich» sei das Wandern ohne mütterliches Geleit.

Einmal auf überbesorgte Eltern an­gesprochen, sprudeln die Geschichten nur so aus Geiger heraus: Da sind jene, die ihr vorschreiben wollen, die Kinder in der Pause vom Kletterbaum fernzuhalten. Stimmt Geiger nicht zu, stehen sie in der Pause am Zaun und übernehmen die Überwachung gleich selber. Da ist das Mädchen, das vom Fruchtsalatschneiden dispensiert wurde: Den Eltern erschien der Umgang mit einem Messer zu gefährlich. Und da sind die Eltern, die die Versetzung eines Mädchens in eine andere Klasse beantragten, weil dieses ihre Tochter beim Spielen ausgeschlossen habe.

Seither organisiert Alina Geiger Elternabende, an denen der Schulsozialarbeiter erklärt, dass Rangeleien auf dem Pausenplatz zwischen Buben nicht mit echten ­Gewalterfahrungen gleichzusetzen seien. Und dass Mädchen, die ihre Freundinnen wechseln, kein Mobbing betrieben. Jürg Frick hat bei solchen Anlässen sogar noch eine deutlichere Botschaft an die Zuhörer: «Ängstliche Eltern fördern durch ihr Verhalten genau das, was sie eigentlich verhindern wollen», sagt der Psychologe und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Kinder, denen man alles abnehme, ­seien letztlich stärker gefährdet, weil sie nie mit Risiken konfrontiert würden und somit nicht lernen könnten, damit umzugehen. «Genau sie sind es, die sich im Kinder­garten in den Finger schneiden», so Frick, «weil zu Hause das Mami alle Scheren und Messer unter Verschluss hält.»

Die Freiburger Erziehungswissenschaft­lerin Margrit Stamm ist überzeugt, dass viele übervorsichtige Mütter und Väter ­ahnen, dass ihnen der gesunde Menschenverstand abhandengekommen ist: «Viele Eltern erkennen, dass die Erfahrungen ­ihrer Kinder nichts mehr mit ihrer eigenen Kindheit zu tun haben.» Tatsächlich ist Kindheit nicht mehr das, was sie mal war. Noch zu Zeiten der Eltern, die heute ihre Kinder rund um die Uhr bewachen, schlug man sich beim Rollschuhlaufen die Knie auf. Unter der rostigen Reckstange hinter dem Schulhaus lag keine Fallschutzmatte. Den Felgaufschwung übte man trotzdem. Den ersten Helm kaufte man sich mit 15, dann, wenn man sich mit Babysitten das Töffli zusammengespart hatte – und trug ihn bevorzugt am rechten Ellbogen. Beim Indianerspielen im Wald schloss man Blutsbrüderschaften und fesselte den ­dicken Thomas an den Marterpfahl. Wenn Thomas sich daheim beklagte, sagten die Eltern: «Wehr dich halt.»

«Zum Glück gibt es noch Normalos»

Thomas arbeitet heute als Marketingleiter, ist glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder im Primarschulalter. Seine Jungs werden nie gefesselt werden. Es gibt keine bösen Banden mehr, keine Prügeleien. Wenn die Kinder im Wald spielen, ist ­immer jemand dabei, der zum Rechten schaut, ein Pädagoge, ein Pfadileiter oder ein Elternteil. Das ist beruhigend. Aber das heisst auch: Kinder lernen nicht mehr, allein mit anderen klarzukommen, Konflikte selber zu regeln, erfahren nicht, dass man streiten kann und sich danach versöhnen.

«Zum Glück gibt es noch Normalos», sagt Kindergärtnerin Alina Geiger. Ja, es gibt sie noch, die Normalos unter den ­Eltern. Aber spätestens wenn die sich mit ihrem Nachwuchs zum ersten Mal einem Spielplatz nähern, geraten sie unter Druck. «Trägt er keinen Helm?», fragen andere Mütter, wenn der eigene Knirps mit dem Laufvelo anrückt. «Ich würde ihn in den Schatten holen», raten die Besorgten, wenn der Kleine auf die besonnte Seite des Sandhaufens krabbelt. Und isst das Normalokind ein Guetsli statt eines Gurkenscheibchens, drehen sich die Gespräche am Sandkastenrand schnell um Zahnhygiene und Übergewicht. Sind die runden Waden des Kleinen nicht schon des Guten zu viel?

Warum trauen Eltern dem Kind nichts zu?

«Psychos», würde der 16-jährige Marco, der aus Sicherheitsgründen ohne Werkzeug auf Fossiliensuche musste, wieder ­sagen – aber vielleicht nur, bis er dereinst selber Vater wird. Denn spätestens wenn der Schwangerschaftstest die ersehnte blaue Linie zeigt, ist es vorbei mit dem ­unbesorgten Dasein.

Dürfen Schwangere noch Velo fahren? Parmesan essen? Kaffee trinken? Sich die Haare färben? Laut Corinne Urech, ­Psychologin am Basler Universitätsspital, leidet heute ein Drittel der Schwangeren an einer psychischen Störung, einer Angststörung oder Depression. Bei 50 Prozent der Frauen nimmt das Erleben von Stress oder anderen psychischen Symptomen in der Schwangerschaft zu.

Urech glaubt nicht, dass sich allein ­wegen der Überinformation Störungen entwickeln. Trotzdem rät sie werdenden Eltern, sich bei Unsicherheiten lieber an die Ärztin oder die Hebamme zu wenden, statt im Internet zu surfen. «Schwangere tun gut daran, früh zu entscheiden, welche Informationen und Kurse für sie hilfreich sind und welche nicht.»

Kindergärtnerin Geiger fragt übervorsichtige Eltern immer, warum sie den Kindern so wenig zutrauen. «Man hört so viel», sagen die meisten. Und nach längeren Gesprächen gestehen sie, dass sie Angst haben, Panik, dem Kind könnte ­etwas zustossen und sie würden dafür ­verantwortlich gemacht. Obwohl Kinder noch nie so sicher aufwachsen konnten wie heute, glauben laut einer vom Forsa-Institut in Deutschland durchgeführten Befragung 78 Prozent der Mütter und 66 Prozent der Väter, der Alltag für Kinder sei heute gefährlicher als früher.

«Seit ich selber Mutter bin», sagt Geiger, «kann ich die Ängste ein Stück weit nachvollziehen.» Die Kindergärtnerin beobachtet an sich selber, wie schwer es ihr fällt, «Gottvertrauen» zu haben. «Ich sitze zum Beispiel immer neben der Badewanne, wenn meine Tochter badet», sagt sie, obwohl sie das von zu Hause nicht kenne. «Meiner Mutter wäre das nie im Leben in den Sinn gekommen. Genauso wenig, mich auf den Spielplatz zu begleiten.»

Warum sich das alles in so kurzer Zeit, so drastisch verändert hat, weiss Alina ­Geiger nicht. Auch Experten rätseln. Josef Kraus, Autor des Buchs «Helikopter-Eltern», macht den Trend zur 1,3-Kind-Familie verantwortlich. Aber auch er führt die Überinformation heutiger Eltern an: «Je weniger Kinder es gibt, desto mehr Erziehungsratgeber erscheinen. Die arbeiten mit den Schuldgefühlen der Eltern und mit der Angst, etwas zu versäumen. Ihre Botschaft: Eltern können eigentlich nichts richtig machen.»

Die einen sagen hüst, die andern hott

Gewisse Aufklärungskampagnen bringen Eltern regelrecht ins Dilemma. So ist im Sommer das Navigieren des Nachwuchses zwischen den hautkrebsverursachenden Sonnenstrahlen, hormonaktiven Substanzen und Nanopartikeln in Sonnencremen und dem bereits wissenschaftlich dingfest gemachten steigenden Vitamin-D-Mangel bei Kindern ein nervenaufreibendes Unterfangen.

«An manchen Tagen weiss ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht», sagt Marion Schwarz*. Die dreifache Mutter wohnt auf dem Land. Ihre Kinder sind in der Freizeit im Dorf unterwegs, helfen den benachbarten Bauern, fahren Trottinett und Velo – und holen sich Kratzer und auch einmal einen verbrannten Nasenrücken. «Beim letzten Arztbesuch hatte meine Tochter ein blaues Steissbein vom Rollerbladen und der Kleine aufgeschürfte Knie.» Die Kinderärztin tadelte: «Das geht so nicht. Sie müssen besser auf ihre Kinder aufpassen.» Seither fragt sich Schwarz, wie sie das hinkriegen soll, mit drei Kindern.

Pünktlich zum Schulanfang sah sie sich in einer weiteren Zwickmühle: Gleichzeitig mit dem Infomaterial «Bike2school» der Organisation Pro Velo Schweiz, die Eltern auffordert, Kinder zur Vermeidung von Übergewicht mit dem Velo zur Schule zu schicken, brachte der Autoversicherer ­Allianz eine grossangelegte Studie in Umlauf. Deren Fazit: Das Velo sei das «un­geeignetste Verkehrsmittel für den Schulweg» überhaupt, weil viel zu gefährlich.

«Resilienz» nennt man die Fähigkeit, mit belastenden Situationen umzugehen. Heutige Mütter und Väter brauchen eine ganze Menge davon. Denn am Wegesrand lauern weitere Profiteure. Firmen, die Dinge verkaufen, die nicht nur Kulturpessimisten an George Orwells «1984» erinnern: Matratzen, die den Atemrhythmus von Babys im Schlaf überwachen, Kameras fürs Kinderzimmer, Fussfesseln und GPS-Handys, mit denen man den Nachwuchs rund um die Uhr ­tracken kann. Keine Sekunde soll er un­geschützt durchs Leben gehen, keine Sekunde sollen Eltern ihrem Kind vertrauen.

Von allem ferngehalten, sogar vom Leben

Wie das Leben so spielt: Besser geht es Kindern dabei nicht. Laut Statistik wächst eine Generation von Gestörten heran. Eine Studie aus dem Schuljahr 2009 zeigt, dass im Kanton Zürich bereits in der Primarschule auf 100 Kinder 46 sonderpädago­gische Massnahmen fallen. Psychomotorik zum Beispiel. Dort klettern die Kleinen, spielen und balancieren – so sollen ihre entwicklungsauffälligen Defizite behoben werden. Paradox: Eine Studie der britischen Universität Warwick zeigt, dass ­Kinder von «Helikopter-Eltern» ein höheres Risiko haben, zum Mobbingopfer zu ­werden. Kinder etwa, die nie auf ein ­Klettergerüst dürfen, oder Kinder, die mit der Zahnbürste ans Geburtstagsfest müssen, weil im Kuchen gefährlicher ­Zucker ist.

Eltern züchten «Hors-sol-Kinder» heran

Erziehungswissenschaftler Marco Hüttenmoser spricht provokativ von «Hors-sol-Kindern», die herangezüchtet würden. Kinder, die in der Wohnung und im Kindersitz aufwachsen, weil sie so wohnen, dass sie nicht allein nach draussen können. «Die Hors-sol-Aufzucht führt zu einer verstärkten gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Eltern und Kind. Das verunsichert beide Seiten.»

Hüttenmoser kritisiert Unfallpräven­tionsaktionen wie den vom Bundesamt für Gesundheit und von Verkehrsklubs geförderten Pedibus scharf. Unter Pedibus versteht man, dass Eltern Kinder sammeln und zum Kindergarten oder zur Schule begleiten. Dabei wird oft ein Seil benutzt, um die Kinder in Reih und Glied zu halten. Wären die Kinder allein unterwegs, würden sie ­einander nachrennen, sich verstecken und streiten, sagt Hüttenmoser. «Sie lernen, selbständig Konflikte zu lösen.» Pausenlos auf Sicherheit bedachte Begleitpersonen unterbänden diese wichtigen ­Erfahrungen. Darum fordert Hüttenmoser: «Nicht mehr Mutterliebe und Überwachung braucht das Kind, sondern mehr selbständig ­erreichbaren und vom Stras­senverkehr ­wenig gefährdeten Raum.»

Mehr Matsch, mehr Abenteuer

Deshalb ist es sinnvoll, für Spielstrassen zu kämpfen und Präventionsbroschüren und Medienberichte – ja, auch diesen – kritisch zu lesen. Der Nachwuchs soll streiten dürfen und auf Bäume klettern. Der Hamburger Biologe Andreas Weber zitiert in seinem Buch «Mehr Matsch!» eine britische Studie, die hochrechnet, wie lange ein Kind an einer Ecke stehen muss, bis ein Verbrecher versucht, es zu entführen: 600'000 Jahre. Eine Befragung von 1239 deutschen Kindern im Alter von 6 bis 13 zeigt: «Total glücklich» sind 71 Prozent der befragten Kinder «gemeinsam mit Freunden», 50 Prozent «an versteckten Orten, wo wir machen können, was wir wollen».

Muss das Kind noch immer drinnen spielen, hilft nur noch der Therapeut oder ein Zitat von John Wayne: «Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt.»

*Name geändert

Achtung, das Leben ist gefährlich!

Kampagnen, ­Warnungen, Überwachung: wie Eltern Über­ängstlichkeit ­eingeimpft wird.

Der fremde Mann ist angeblich überall
Die modernen Kommunikationsmittel und insbesondere die sozialen Medien fördern die Sensibilisierung für Verdachtsfälle von Pädophilie – mitunter mehr, als der Polizei lieb ist.

  • Anfang Jahr in Schaffhausen und in Muri AG, zuvor in Pfäffikon ZH: Besorgte Eltern platzieren auf Facebook vage Meldungen von Männern, die Kinder auf dem Schulweg «verdächtig» ansprechen. Die ­Sache macht sofort die Runde, Verdachtsmomente konkretisieren sich nicht. Die Polizei hält die ungefilterte Verbreitung solcher Meldungen für heikel, «weil das unnötige Panik und Angst ver­ursachen könnte». Stattdessen setzen Polizei und Schulen auf die Information über Verhaltensregeln.

  • Auf ein spielerisches Medium setzt die neue Pädophiliewarnung der Kantonspolizei Schwyz: eine CD mit dem Kinderlied «De Strassli gaht nid mit». Darin vermittelt die Hauptfigur Kindergärtlern, wie sie sich verhalten ­sollen, wenn sie von einem Unbekannten angesprochen werden: «Sicher nid, ich gah nid mit dir mit, ich springe schnell devo.»

  • Im Sommer schlugen Bademeister Alarm: Trotz Verbot würden in Badis immer mehr Kinder fotografiert – unter Umständen von Männern mit pädophilen Neigungen. Dass man mit fast ­jedem Handy knipsen kann, macht die ­Kontrolle schwierig.

Totale Überwachung
Mit der Angst lassen sich auch Geschäfte machen – und die Nachfrage nach Überwachungsgeräten bestätigt die tiefsitzende Verunsicherung unter den Eltern. Eine Auswahl an Produkten.

  • Babyphones ­haben sich zu ­multifunktionalen Hightechmaschinen ­ausgewachsen. Beliebte Zusatzfunktionen sind: Kamera zur Liveübertragung; Temperaturfühler; Luftfeuchtigkeitsmesser; Gegensprechfunktion; inte­grierte Schlaf­lieder; Nachtlicht zur Projektion von Sternen an die Decke. Die Sensormatte ­Angelcare («der Schutzengel im Kinderzimmer») überträgt jeden Rülpser des Babys und überwacht selbst den Atem. Wird während 20 Sekunden kein Impuls registriert, schlägt Angelcare Alarm.

  • Ein beliebtes GPS-Ortungsgerät ist auch das iNanny. Sein Trumpf ist die Kleinheit: Nur 70 Gramm schwer, lässt sich der Sender fast überall unterbringen – auch ohne dass die Überwachten es merken. Der Hersteller wirbt mit dem Text: «Behüten Sie, was Ihnen lieb und teuer ist.»

  • Durch Satellitenortung können ­Eltern jederzeit herausfinden, wo sich ihre Kinder aufhalten. Num8 des Herstellers Lok8U etwa kommt als ­Armbanduhr ­daher und funk­tioniert nach dem Prinzip der elektronischen Fessel: Entfernt sich der Träger aus einer vorher definierten Sicherheitszone, schlägt das System Alarm.

Das Böse lauert in Küche und Kinderzimmer
Medien und Behörden schrecken Eltern auf, wenn sie über Folgen von zu viel Fett und Zucker berichten. Zur Weihnachtszeit ertönen die Warnrufe besonders schrill.

  • «Zimtsterne gefährlich für ­Kinder» ist eine beliebte Schlag­zeile, seit man im Gebäck den Aroma­stoff Cumarin ­nachwies. Er kann in grossen Mengen die Leber schädigen. Das Bundesamt für Gesundheit nahm den Warnruf auf und ­empfiehlt, Kinder dürften am Tag maximal vier Zimt­sterne essen. Dabei ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung überhaupt anfällig, auf Zimt möglicherweise mit Gesundheitsproblemen zu reagieren.

  • «Mehr Gift im Kinderzimmer», las man im laufenden Jahr besonders oft, weil die Schweiz die Richtlinien der EU zu Spielzeug übernahm und in Kraft setzte. Somit gelangt Spielzeug mit höherem ­Anteil an bedenklichen Farbstoffen, ­Weichmachern und Schwermetallen in den Verkauf, als bisher erlaubt war.

  • «Mehr als ein Kind pro Schultag» verunfalle auf dem Schulweg, behauptet der Touring-Club Schweiz im TV-Spot «Halt, bevors knallt!». Der zeigt, wie ein Kind vom Auto angefahren wird und ins Spital kommt. Dieses Jahr verschenkte der TCS 80'000 Sicherheitswesten an Erstklässler – mit TCS- und Lotsen-Logo. In der Stadt Zürich regte sich Widerstand: Die Aktion wiege die Kinder in falscher Sicherheit.

Wasser, Sonne und Strassenverkehr
Ausgerechnet im Sommer, wenn die Kinder oft im Freien sind, scheint es kein Entrinnen vor allen möglichen Gefahren zu geben. Beispiele von Kampagnen, im Einzelnen sinnvoll, in ihrer Vielzahl aber eher einschüchternd.

  • «Ein Kind kann in 20 Sekunden ­untergehen und ertrinken», warnt die Sicherheitskampagne ­Water-safety.ch der Beratungsstelle für Unfallverhütung in Zusammen­arbeit mit dem Versicherer Concordia. In den Schweizer Badis bläut das Maskottchen Didi Dusche den Eltern die Kernbotschaft ein: «Kinder immer im Auge behalten – Kleine in Reichweite».

  • Drastisch warnen das Bundesamt für Gesundheit und die Krebsliga vor den Gefahren der UV-Strahlung: «Jeder ­Sonnenbrand im Kindesalter ­erhöht das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken.» Von 11 bis 15 Uhr sollen die Kleinen mit Sonnen­brille, ­T-Shirt, Hosen und Hut mit Nackenschutz im Schatten gehalten und nackte Haut regelmässig eingecremt werden.

  • «Mehr als ein Kind pro Schultag» verunfalle auf dem Schulweg, behauptet der Touring-Club Schweiz im TV-Spot «Halt, bevors knallt!». Der zeigt, wie ein Kind vom Auto angefahren wird und ins Spital kommt. Dieses Jahr verschenkte der TCS 80'000 Sicherheitswesten an Erstklässler – mit TCS- und Lotsen-Logo. In der Stadt Zürich regte sich Widerstand: Die Aktion wiege die Kinder in falscher Sicherheit.
Veröffentlicht am 2013 M10 29