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TagesablaufIn jedem Fall ein Ritual

Kinder mögen und brauchen feste Gewohnheiten, denn sie vermitteln ihnen Sicherheit. Eine besondere Stellung nimmt das Gutenachtritual ein: Es beschliesst den Tag in wohliger Nähe zu den Eltern.

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Ohne Lesebrille, Psychothriller und ein Glas Wasser gehe ich nicht zu Bett. Mein allabendliches Ritual besteht darin, vor dem Einschlafen ein paar Seiten zu lesen. Das gibt mir ein gutes Gefühl, selbst wenn die Geschichte gruselig ist.

Vielleicht gehören Sie zu jenen Erwachsenen, die kein Abendritual pflegen oder sich zumindest keines solchen Rituals bewusst sind. Dennoch werden auch Ihre Tage und Wochen feste Strukturen haben: der TV-Krimi am Dienstag, das Walking am Donnerstag oder der Marktbummel am Samstag. Ein alltägliches Ritual ist zum Beispiel auch, sich vor dem Essen jeweils gegenseitig einen guten Appetit zu wünschen. So wachsen über die Eltern auch die Kinder automatisch in ein ritualisiertes Leben hinein. Gerade für jüngere Kinder sind täglich stattfindende Wiederholungen wichtig, weil sie noch keine genaue Vorstellung von Zeit haben.

Wichtig: eine Extraportion Zuwendung

Einen besonderen Stellenwert hat für Kinder das Ritual vor dem Zubettgehen, etwa eine Gutenachtgeschichte oder ein Einschlaflied. Es ist nämlich nicht toll, um halb neun einfach allein ins Bett gehen zu müssen - so ganz ohne offiziellen Abschluss des Tages. Doch wenn ich als Erziehungsberaterin bei Zehnjährigen nachfrage, ob sie ein Gutenachtritual haben, schütteln viele den Kopf. Und sie nicken, wenn ich frage, ob sie denn gerne eines hätten. Für Eltern und Kind - übrigens auch für Teenager - ist es ein schönes Erlebnis, sich abends noch eine Viertelstunde gemeinsame Zeit zu gönnen. Da haben Sie zum Beispiel Gelegenheit zu erfahren, was Ihre Tochter oder Ihren Sohn beschäftigt, freut oder traurig stimmt. Oder Sie erleben mit, wie Ihr Kind seinem Lieblingsstofftier erzählt, was das Schönste an diesem Tag war.

Die Geschmäcker sind verschieden, doch eine Extraportion Zuwendung kommt bei allen gut an. Das Gutenachtritual sollte deshalb «heilig» sein: In Sicherheit und Geborgenheit den Tag abzuschliessen ist für die kindliche Psyche fundamental wichtig. Nicht zuletzt, weil das exklusive Zusammensein am Abend die Beziehung zwischen Eltern und Kind nachhaltig festigt. Dieser positive Effekt ist wissenschaftlich erwiesen. Auf keinen Fall sollte darum das Ritual strafeshalber weggelassen werden. «Du warst nicht artig, deshalb gibt es heute keine Gutenachtgeschichte» - eine solche Massnahme ist unsinnig, zumal sie in keiner logischen Folge zum Verhalten steht, das bestraft werden soll. Lösen Sie den Konflikt also vorher oder am darauffolgenden Tag - und beschliessen Sie den aktuellen Tag in Frieden.

Veröffentlicht am 14. März 2008