Wanderwetter. Gallus Wirth (lnks) schnallte die knapp zweijährige Stefanie huckepack auf den Rücken und marschierte los. Der wandernde Damenturnverein fand den Anblick zu niedlich: «Wie schön für die Kleine, einen so rüstigen Grosspapi zu haben!» Wirth legte einen Zacken zu und ärgerte sich im Stillen. Er war doch nicht rüstig, sondern sportlich. Und er war nicht Stefanies Grossvater, sondern ihr Vater.


Gallus Wirth war damals 69 Jahre alt - und der Irrtum der Damen verzeihlich. Im Lauf der Jahre hat er gelernt, schmerzende Bemerkungen von Passanten und bitterböse Sticheleien aus der Verwandtschaft zu überhören. Ob seine Töchter wegen ihres grauhaarigen Papas im Kindergarten und in der Schule gehänselt wurden, weiss er nicht. «Wenn, dann haben sie es wohl aus Taktgefühl verschwiegen.»


Als der Winterthurer Zahnarzt mit 61 Witwer wurde, merkte er schnell, dass er fürs Alleinsein nicht geschaffen war. Während seiner späten Brautschau fragte er «eigentlich mehr aus Spass» seine damals 24-jährige Praxisgehilfin, ob sie ihn denn heiraten würde. Zu seiner grössten Verblüffung sagte sie ja. Heute ist Gallus Wirth 79 Jahre alt und stolzer Vater von vier Kindern - zwei Söhnen, 53 und 48, aus erster Ehe und zwei Töchtern aus zweiter Ehe: Jeannine, 15, und Stefanie, 12 (rechts), voll im Saft und mitten in der Protestphase. Kann ein bald 80-Jähriger den pupertären Stürmen standhalten? «Verkraften schon», sagt der politisch konservative Wirth, «verstehen aber nicht immer.»


Er übe sich täglich in Toleranz und Nachsicht, und wenn seine «drei jungen Frauen» am Familientisch einer Meinung seien, verschweige er oft die seine. Die Erziehung empfindet er in der modernen, schnellen Welt sehr viel komplizierter als zur Zeit seiner ersten Ehe. «Damals gab es weder das Drogenproblem noch die Fernsehfrage. Kinder und Jugendliche von heute sind halt enorm anspruchsvoll, selbstbewusst und nach meinem Geschmack viel zu konsumorientiert - und damit auch teuer.» Die Kinderzulagen bekommt Gallus Wirth in Zukunft von der AHV - der «Vollblut-Zahnarzt» hat sich eben erst schweren Herzens in Pension geschickt.

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Chaplin, Schawinski, Quinn & Co.

Das späte Vaterglück liegt im Trend. Und die Gesellschaft scheint nichts Unschickliches dabei zu finden. Ja selbst die Natur bringt keine Argumente dagegen: Während die Reproduktionsfähigkeit bei Frauen nach 40 arg ins Wanken kommt, stehen Männer als Erzeuger noch bis ins Greisenalter ihren Mann: Charlie Chaplin, Pablo Picasso. Anthony Quinn wurde mit 78 nochmals Vater, Clint Eastwood mit 67 und Luis Trenker sogar mit 96 - zwei Jahre vor seinem Tod.


Aber auch die Schweiz hat massenhaft berühmte alte Väter zu bieten: Jean Tinguely, Paul Nizon, Jürg Marquard, Roger Schawinski, Franz Steinegger - sie alle haben sich für das neue Männerglück «Windeln wechseln nach 50» entschieden und strecken ihre Sprösslinge stolz und jugendlich strahlend vor die Kameras. Aber längst ist die späte Vaterschaft kein Privileg mehr von Künstlern und hochkarätigen Politikern: 1998 kamen in der Schweiz 633 Babys zur Welt, deren Väter 51 Jahre alt und darüber waren - eine Zahl, die sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdreifacht hat. Tendenz: mit zunehmender Scheidungsrate steigend.


Und nicht nur das. Späte Väter gelten in aller Regel als bessere Väter. Sie haben in der Tat viel zu bieten: finanzielle Absicherung, Lebenserfahrung, Emotionalität und meistens mehr Zeit. Sie haben die Strapazen der Karriere verdaut und die Midlife-Crisis hinter sich. Die idealen Väter also? Und die geniale Art, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen? Als Lifting für die krisengeschüttelte Männerseele scheint sie jedenfalls zu taugen.


Psychologin Anna Schoch geht mit den späten Vätern hart ins Gericht: «Die zweite und die dritte Familiengründung ist oft purer Egoismus und zeugt von der Unfähigkeit der Männer, mit Würde und Integrität abzutreten und den Jüngeren die Plattform zu überlassen.»

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In ihrem Buch «Perspektiven für erwachsene Männer» zeigt Anna Schoch Möglichkeiten auf, wie der Mann nach seinen «Wechseljahren» zu neuen Zielen findet. Das Kinderzeugen ist nicht dabei. «Wer glaubt, sich mit Kindern einen Jungbrunnen zu schaffen, betrügt nicht nur sich selber, sondern auch alle anderen Beteiligten. Allen voran die verlassenen Erst-Ehefrauen, die Kinder aus erster Ehe und auch die um Jahrzehnte jüngeren Neu-Frauen.» Letztere würden an der Seite ihres «alten» Ehemanns in ihrer Entwicklung gebremst und würden oft vergessen, dass sie später, in der Blüte ihres Lebens, höchstwahrscheinlich nicht nur die Kinder, sondern auch einen gebrechlichen Greis zu versorgen hätten.


Die Psychotherapeutin mit Forschungsschwerpunkt «Krisen des mittleren Erwachsenenalters» beobachtet den steigenden Trend der alten Väter mit Besorgnis: «Woran sollen sich Kinder und Jugendliche orientieren, wenn die Väter und die Grossväter als Orientierer versagen?»


Reto M., 58 Jahre alt und wieder frisch gebackener Vater, sieht das «krass anders». Sein Männerleben fasst er so zusammen: «Früher bin ich gerannt und habe funktioniert. Heute lebe, liebe und geniesse ich.» Sein erster Eheversuch bezeichnet er als Fiasko, als Bollwerk von Zwängen und Kompromissen. «Irgendwann», sagt er, «habe ich einfach den automatischen Piloten eingeschaltet.» Dass seine beiden Töchter aus erster Ehe - und wohl auch seine damalige Ehefrau - neben seiner juristischen Karriere und seiner persönlichen Ich-Suche zu kurz kamen, ist ihm erst heute bewusst. «Ich war wohl nicht nur ein abwesender, sondern auch ein schlechter Vater. Nicht aus bösem Willen, sondern weil ich an den verschiedenen Anforderungen gescheitert bin.» Jetzt, mit 58, ist alles anders. Seinem dreijährigen Sohn schenkt er nicht nur Zeit - er hat sich teilpensionieren lassen -, sondern auch massenhaft Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit und Verständnis.

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Buhlen um die Vaterliebe

Späte Wiedergutmachung für Versäumtes? Vielleicht. Aber eigentlich sei das nicht mehr möglich. Der letzte Beziehungsfaden zu seinen beiden erwachsenen Töchtern riss mit der Geburt seines Sohnes endgültig. Seine neuen Vaterfreuden konnten sie weder teilen noch begreifen. Reto M. bedauert das zutiefst. «Die Scheidung haben sie mir nie verziehen, und die Geburtsanzeige von meinem Sohn Dimitri schickten sie mir, in Stücke zerrissen, retour.»


Viele Väter im zweiten Anlauf haben für ihr neues Familienglück einen ähnlich hohen Preis zu zahlen. Familienübergreifende Harmonie wie im Fall von Gallus Wirth, wo die zwei kinderlosen Söhne nicht nur als «Götti», sondern auch als eine Art Mitväter für die beiden Mädchen dienen, sind selten. Die meisten Kinder aus erster Ehe bringen wenig Verständnis auf, wenn ihre Väter nicht zu liebevollen und asexuellen Opas werden, sondern sich in verliebte und kinderwagenstossende Männer in später Blüte und Blue Jeans verwandeln.


Dass der vergötterte Schreihals zudem mit Erbansprüchen zur Welt kommt, dürfte nicht das Hauptärgernis sein. Oft sind die erwachsenen Kinder einfach peinlich berührt über so viel «deplatzierte» Jugendlichkeit. Nicht selten spielt auch bitterer Neid mit und das Gefühl, um die fürsorgliche Vaterliebe betrogen worden zu sein, die sie nicht mehr erhalten oder gar nie erhalten haben.


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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf

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