«Bei einem spirituellen Lehrer habe ich nach einem langen inneren Weg meine Heimat und meinen Frieden gefunden. Trotzdem ertrage ich die Spiele meiner 70-jährigen Mutter schlecht. Umgekehrt erträgt sie es nicht, wenn ich ehrlich bin. Sie schimpft zum Beispiel stundenlang über meine Tante und beklagt sich, dass dabei ihr Blutdruck steige. Wenn ich ihr dann sage, dass es in vielen Fällen völlig unnötig sei, sich so aufzuregen, scheint sie das gar nicht zu hören. Oder sie beklagt sich darüber, dass sie in meiner Wohnung friere. Aber wenn ich ihr dann vorschlage, die Heizung höher zu stellen, will sie das auch wieder nicht. Zudem kritisiert sie das Leben meines Bruders und meine Erziehungspraktiken. Was soll ich tun, um besser mit meiner Mutter auszukommen? Wenn ich offen bin, bringt sie das regelmässig auf Hochtouren.» Megan F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Trotz Ihren spirituellen Bemühungen gibt es in Ihrer Seele offenbar noch einen Knoten oder einen Schatten: Sie sind mit Ihrer Mutter emotional noch heftig verstrickt. Mein Rezept lautet auch hier: Grenzen Sie sich von ihr ab!

Wenn sich Ihre Mutter zum Beispiel über die Tante aufregt, können Sie erwidern: «Ja, das ist unangenehm für dich, dass du dich so aufregen musst.» Es ist allein das Problem Ihrer Mutter. Wenn sie Ihre Erziehungspraktiken kritisiert, würde ich an Ihrer Stelle antworten: «Aha, da haben wir ja ganz andere Ansichten. Schade, aber auch nicht so schlimm du gehörst eben zu einer anderen Generation.» Und wenn die Mutter sagt: «Ich will nicht, dass du meinetwegen die Heizung höher stellst», lässt sich darauf mit einer Frage antworten: «Wieso nicht?»

Ihre Prinzipien, betonen Sie in Ihrem Brief, sind Ehrlichkeit und Echtheit. Dazu gehört, dass Sie zu Ihrer Mutter auch offen sagen: «Es ärgert mich, wenn du dies sagst oder jenes tust.» Ich bin sicher: Wenn Sie dies ohne vorwurfsvollen Unterton schaffen, bringt das Ihre Mutter nicht auf Hochtouren.

Meine Verhaltensregeln sind zwar einfach, aber nicht leicht zu befolgen. Lassen Sie sich nicht in irgendwelche Spiele hineinziehen. Zeigen Sie vielmehr Verständnis für die Gefühle Ihrer Mutter im klaren Bewusstsein, dass es die Gefühle und Probleme Ihrer Mutter sind und nicht die Ihren. Drücken Sie anderseits Ihre eigenen Gefühle deutlich aus und weigern Sie sich, darüber zu diskutieren liebevolle Abgrenzung eben. Machen Sie sich an die Arbeit! Es wird sich bestimmt lohnen.

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