Das Reihenhaus ist neu bezogen. Viel Platz für zwei Personen, denn in den Kinderzimmern stehen Büromöbel. Dies, obwohl der 35-jährige Kadermann aus der Baubranche und die 32-jährige Dokumentalistin seit zehn Jahren liiert sind.

Dialog am Esstisch. Er: «Wir sind beide 12 Stunden für unseren Job unterwegs. Ich möchte mich an der Erziehung beteiligen, doch meine Funktion verlangt dauernde Präsenz.» Sie: «Mein Arbeitsplatz bietet mir sehr viel. Bevor ich das aufgebe, muss ich wissen, wie mein Alltag als Mutter aussehen könnte.»

Das Berner Paar ist in guter Gesellschaft. Immer mehr Frauen verschieben den Kinderwunsch oder lassen ihn fallen. Die Prominenz erklärt sich in der Boulevardpresse. «Man kann nicht alles haben», wird Bundesrätin Ruth Metzler (36) zitiert. Eisprinzessin Denise Biellmann (37) will ihre Topform nicht gefährden: «Baby und Spitzensport – das geht nicht zusammen.» Und «Tagesschau»-Sprecherin Beatrice Müller (40) liest lieber Nachrichten als Kinderbücher: «Ich habe noch ein paar Jahre Zeit und lasse mich nicht stressen.»

Die Grossfamilie hat abgedankt

Die Zahl der Geburten in der Schweiz sinkt massiv – allein im letzten Jahr um rund 3000 auf geschätzte 76000 Babys. Kinder bringen zwar eine neue Perspektive ins Leben, machen Freude und ermöglichen neue Erlebnisse, die Zeit der Grossfamilien ist aber vorbei. «Die Abteilungen für Tierfutter in den Warenhäusern sind mittlerweile grösser als jene für Kindernahrung», wundert sich Wirtschaftspublizist Beat Kappeler.

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Damit sich die Generationen erneuern und die Gesellschaft nicht überaltert, müsste jede Frau 2,1 Kinder zur Welt bringen; der aktuelle Wert liegt bei 1,47 Kindern. Eine Trendwende ist nicht in Sicht – ganz im Gegenteil. «Es ist zu vermuten, dass die um 1970 und später geborenen Frauen noch weniger Kinder gebären werden», heisst es in einer Analyse des Bundesamts für Statistik.

Haushalt – keine Welt für Männer

Die Gründe für den Geburtenrückgang sind zahlreich. Klar an erster Stelle: Für Mütter ist es schwierig, berufstätig zu bleiben. Das bestätigt eine repräsentative Beobachter-Umfrage. Weitere Hindernisse: zu kleine Wohnung, Verlust der persönlichen Freiheit oder die Angst vor Sorgen, Problemen und hohen Kinderkosten.

Viele Paare scheitern an der Frage über den richtigen Zeitpunkt für ihren Nachwuchs. «Junge Erwachsene haben Zeit, aber kein Geld», sagt Elisabeth Keller von der Kommission für Frauenfragen. «Nach der Ausbildung folgt die wichtige Startzeit im Beruf, dann lockt die Aussicht auf eine interessante Stelle oder die Karriere – und plötzlich ist man 35 oder 40.»

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Ein Konflikt, den die Frauen in der Regel allein lösen müssen, denn die Väter gehen unbeirrt ihren Berufsweg. «Bei den Männern hat die Geburt eines Kindes nicht die geringsten Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit», sagt Alain Vuille vom Bundesamt für Statistik.

Der Teilzeitarbeit haftet offenbar nach wie vor der Makel des Halbbatzigen an. Eine Umfrage des Gewerkschaftsbunds bei 400 Firmen zeigte Uberraschendes: Nicht sture Firmenchefs verhindern flexiblere Arbeitsmodelle, sondern «die fehlende Bereitschaft der Beschäftigten». Im Weg stehen fixe Rollenbilder oder die Angst vor faulen Sprüchen am Stammtisch und naserümpfenden Chefs.

Die Frauen dagegen versuchen nach Kräften, Beruf und Familie zu kombinieren. In den neunziger Jahren haben nur 40 von 100 jungen Müttern ihre Stelle aufgegeben, alle anderen arbeiten voll oder stundenweise weiter.

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Mit gutem Grund: Kinder sind für Eltern mit tiefen Einkommen ein Armutsrisiko. «Uber die Hälfte der von Armut Betroffenen sind Paare mit Kindern», heisst es in einer Nationalfonds-Studie. Bis ein Einzelkind 20-jährig ist, geben die Eltern im Schnitt 340000 Franken aus – also 17000 Franken im Jahr oder 1400 Franken im Monat. Weitere Kinder kosten laut einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherung zwischen 150000 und 180000 Franken.

Familie gilt als Privatsache

Nur ein Sechstel dieses Geldes wird den Eltern durch Familienzulagen oder Steuerabzüge ausgeglichen. «Wer kann sich angesichts dieser Summen Kinder überhaupt noch leisten», fragen die Autoren der Sozialversicherungsanalyse.

In der Tat. Wirtschaft und Politik tun wenig bis nichts, um die Lust aufs Kinderkriegen zu steigern und Familien stärker zu entlasten. «Kinder und Familien werden nicht aktiv diskriminiert, sondern einfach übergangen», sagt der Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger.

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In der Schweiz gilt: Die Familie ist eine private Angelegenheit. Eigentlich erstaunlich, denn die Firmen brauchen neue Arbeitskräfte, und eine Gesellschaft mit zu wenig Nachwuchs kann sich die AHV und andere Sozialwerke mittelfristig kaum leisten. Die Liste der Versäumnisse ist lang:


  • Kinderbetreuung:

    Viele berufstätige Eltern sind darauf angewiesen, dass sie ihre kleinen Kinder tageweise abgeben können. Der Mangel ist gross: In Zürich zum Beispiel fehlten 1998 rund 600 Krippenplätze. Schweizweit können nur gerade 3 von 100 Kindern betreut werden. «Die öffentliche Hand muss sich bewusst werden, dass die Krippen eine ihrer wichtigen Aufgaben sind», sagt Ulla Grob-Menges vom Krippenverband Schweiz. Das hat seinen Preis: Pro Tag kostet ein Kind 80 bis 120 Franken. Heute versuchen die meisten Eltern, mit Verwandten, Nachbarn oder Tageseltern über die Runden zu kommen.



  • Schule:

    Die Struktur in den Schulen der Deutschschweiz ist Gift für berufstätige Eltern: täglich wechselnder Stundenplan, keine Mittagsbetreuung, chaotische Ferienordnung. Vorbild ist hier der Kanton Tessin: Im Kindergarten sind bereits Dreijährige willkommen, die Stundenpläne der Primar- und der Mittelschule sind einheitlich, und es gibt einen Mittagstisch. «Das Tessin versteht Kindererziehung nicht nur als Privatsache, sondern als Angelegenheit der ganzen Gesellschaft», sagt die Soziologin Ruth Hungerbühler.



  • Familienzulagen:

    Nicht weniger als 830 Ausgleichskassen zahlen nach 50 Systemen rund vier Milliarden Franken Kinderzulagen. Dennoch gehen viele selbstständig Erwerbende leer aus, und die Ansätze in den Kantonen variieren zwischen 140 und 290 Franken pro Monat. Finanzminister Kaspar Villiger möchte den Wirrwarr durch eine einzige nationale Zulage ersetzen: 175 Franken für jedes Kind. Doch die Patrons, die die Beiträge finanzieren, winken ab. «Im rein verbandlichen und im privaten Bereich hat der Staat nicht mitzureden», heisst es beim Arbeitgeberverband.



  • Steuern:

    Ehepaare bezahlen oft massiv mehr direkte Bundessteuern als Alleinstehende und Konkubinatspaare. Das Bundesgericht hat dies bereits 1984 gerügt. Laut einer Expertenkommission ist zudem der Steuerabzug für Kinder zu tief. Jetzt plant Finanzminister Kaspar Villiger eine Reform, und er nimmt Steuereinbussen von jährlich 900 Millionen Franken in Kauf. Das Geschenk ist umstritten: Den Familien mit tiefen Löhnen werde so nicht geholfen, rügt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. «In tiefen Einkommensklassen schenkt die Steuerreduktion nicht ein.»



  • Verkehr:

    Die steigende Zahl von Autos und die Hektik auf den Strassen verdrängen die Kinder. «Das früher selbstverständliche Spiel auf wenig befahrenen Strassen ist heute kaum mehr möglich», heisst es

    in der Nationalfondsstudie «Verkehr und Umwelt». Die sinkende Zahl verunfallter Kinder werde als Präventionserfolg verbucht, dabei seien einfach weniger Kinder allein unterwegs. Die Autoren schlagen innerorts Tempo 30 vor. Ohne Erfolg: Der Bundesrat hat eine entsprechende Volksinitiative soeben zur Ablehnung empfohlen. Grund: «Unverhältnismässig.»



  • Spielplätze:

    Kinder sind immer wieder ein Grund für Klagen aus der Nachbarschaft. So hat das Aargauer Verwaltungsgericht kürzlich verlangt, dass ein Kletterturm und ein Karussell auf einem Spielplatz in Mellingen demontiert werden müssen. Das Spielgeschrei wurde als Lärm laut Umweltschutzgesetz taxiert. Doch vier von zehn Kindern wachsen ohne Geschwister auf. Gemäss verschiedenen Studien sind Kinder, die nicht unbegleitet draussen spielen können, motorisch und sozial weniger weit entwickelt und unselbstständiger.

Nur langsam wächst die Einsicht, dass der Schweizer Nachwuchs nicht ohne staatliche Geburtshilfe gesichert werden kann. «Die Familienpolitik ist zu einem nationalen Thema geworden», behauptet Lucrezia Meier-Schatz, Generalsekretärin der Stiftung Pro Familia. Auf dem Papier rufen sogar die traditionsbewussten Parteien CVP, SVP und FDP nach Blockzeiten in den Schulen, nach Mittagstischen, Krippen und Steuerentlastung oder gezielter Unterstützung für Familien.

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Die grossen Vorhaben scheitern allerdings immer wieder am Parteiengezänk – und am Geld. So verlangt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr Ergänzungsleistungen für Eltern. Familien mit zwei Kindern sollen pro Monat mindestens 5000 Franken zur Verfügung haben. Die jährlichen Kosten: 600 Millionen Franken. Die vorberatende Kommission ist mit elf zu zehn Stimmen dafür, an eine Chance im Plenum des Nationalrats glaubt aber selbst die Initiantin nicht. «Keine neuen Ausgaben, solange die bestehenden Sozialwerke nicht gesichert sind», lautet der bürgerliche Tenor.

Der Staat verhält sich passiv

An der Urne abgestürzt ist im letzten Sommer die Mutterschaftsversicherung. Der vermutete Grund auch hier: kein weiterer Sozialausbau. Mit anderen Worten: Die Familienpolitik kommt nicht vom Fleck. «In den letzten fünf Jahren wurden einige Sachen vorbereitet, es wurde aber nichts Spektakuläres umgesetzt», bedauert Otto Piller, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherung.

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«Am Leidensdruck der Familien hat sich in den letzten Jahren wenig geändert», bilanziert auch der Soziologe Beat Fux. Ein Teufelskreis verhindert, dass das Fass überläuft: In Familienfragen hält sich der liberale Staat aus Tradition eher zurück. Die Eltern nehmen negative Belastungen ohne laute Protest hin und organisieren sich, so gut es geht. Dies wiederum bestärkt Bund und Kantone in ihrer Passivität.

Gratis ist eine neue Familienpolitik aber kaum zu haben. Der «zeitgemässe Ausbau» werde «zweifellos nicht ohne Kostenfolge zu erreichen sein», sagt Beat Fux, der die Familienrezepte der Parteien studiert hat. Sein Fazit: Die Linken und die Grünen kämpfen vor allem für die Interessen der Frauen; für die Bürgerlichen ist das Thema «kein vordringliches Tätigkeitsfeld».

Ideen und Projekte gibt es viele. Hier will sich Bern zur «kindergerechten Stadt» mausern – mit vernetzten Spielflächen, mehr Krippen und Tagesschulen oder einer Kinderfachstelle. Da entsteht ein Handbuch für Leute, die eine Tagesschule gründen wollen. Und dort zahlt ein Informatikunternehmen einen Beitrag an die Kinderbetreuung seiner Angestellten. Aber: Im Gestrüpp des helvetischen Föderalismus fehlt die ordnende Hand.

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Doch nicht nur die Schweiz tut sich schwer mit Nachwuchs: Kinder sind in ganz Europa Mangelware. Bis in 50 Jahren könnte die Bevölkerung um einen Viertel schrumpfen, vermuten Wissenschaftler. «Italiener, helft uns bei den Anstrengungen, das Wachstum zu steigern – vielleicht auch, indem ihr mehr Babys bekommt», mahnte unlängst Ministerpräsident Massimo D’Alema.

Frauen vom Dilemma befreien

Aufrufe sind nett, einen grösseren Einfluss hat aber das Umfeld. Das zeigte sich in Schweden. Bis vor zehn Jahren brachte jede Frau im Schnitt mehr als zwei Kinder zur Welt – dank stattlichen Beiträgen und obligatorischen Betreuungsstätten. Unter dem Druck der Rezession kürzte der Staat das Erziehungs- und Kindergeld und sparte bei den Schulen. «Familien mit Kindern gehören zu den grossen Verlierern der neunziger Jahre», sagt die schwedische Psychologin Gisela Priebe. Das Resultat: Die Geburtenrate sank um 25 Prozent.

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Um eine familienfreundlichere Politik kommen die Staaten Europas kaum herum. Denn die Alternativen sind heikel: Einwanderung ist ein politisch heisses Eisen, und aktive Geburtenförderung gilt angesichts globaler Programme gegen die Uberbevölkerung als zynisch.

Die Frau müsse vom Dilemma «Kind oder Karriere» befreit werden, fordert der Wirtschaftspublizist Beat Kappeler. Für ihn heisst das: Tagesschulen sowie Erziehungsurlaub und Teilzeitjobs für junge Familienväter. Klappt das nicht, gibt es für Kappeler nur ein Szenario: «Europa stirbt hochgebildet aus.»

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