Wann genau ich zum ersten Mal die Pille nahm, weiss ich nicht mehr. Aber an das Gefühl der Befreiung kann ich mich bis heute erinnern. Es war so stark, dass mein Leben fortan in ein Davor und ein Danach zerfiel: davor die ständige Angst, schwanger zu werden. Danach eine Unbeschwertheit, die jeden Gedanken an mögliche Folgen von sich wies. Ich denke, die meisten Frauen meiner Generation haben diese Zäsur erlebt. Sie hat uns geprägt, sie hat unser Lebensgefühl bestimmt und uns zu jener Autonomie verholfen, von der Frauen seit Jahrzehnten träumten. Die Pille war als Verhütungsmittel gedacht, aber sie war mehr als das. Sie bewahrte uns nicht nur vor unerwünschten Schwangerschaften, sie befreite uns aus einer biologischen Abhängigkeit, die der Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen im Wege stand.

Um zu verstehen, was das Aufkommen der Pille zu Beginn der sechziger Jahre für junge Mädchen und Frauen bedeutete, muss man zurückblenden in eine Zeit, da Sex noch kein Thema öffentlicher Erörterung war. Man praktizierte ihn zwar, in der Ehe und auch ausserhalb, aber man sprach kaum offen darüber. Und schon gar nicht mit jener Unbefangenheit, wie wir dies heute tun. Noch hatte Oswalt Kolle die Bühne nicht betreten. Noch gab es keine Zeitschriften wie die «Bravo», die Antworten auf Fragen gaben, die wir uns nicht zu stellen trauten. Aufklärung war Sache der Eltern, die Schule hielt sich raus. Das meiste, was es zu wissen galt, erfuhren wir ohnehin von älteren Schwestern oder Freundinnen. Was man den Buben erzählte, weiss ich nicht. Uns Mädchen bläute man ein, dass Männer nur das Eine wollten und Frauen sich in Acht zu nehmen hätten.

Die Zeiten, da ledige Mütter als «gefallen» bezeichnet wurden und Uneheliche als «unehrlich» galten, lagen noch nicht weit zurück. Jeder und jede kannte irgend so eine Unglückliche, die in Schande lebte, weil sie nicht aufgepasst hatte. «Aufpassen» war das Schlüsselwort, wenn von Sex und Liebe die Rede war. Und es war klar, von wem dieses Aufpassen in erster Linie erwartet wurde.

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Wie schwer taten wir uns!

Natürlich hatten wir schon vor Einführung der Pille zu verhüten versucht. Es gab Knaus-Ogino, es gab Kondome und Pessare – aber wie mühsam, wie unzuverlässig war das, und wie schwer taten wir uns, von diesen Dingen zu reden! Nur schon in die Apotheke zu gehen und das Wort «Präservativ» in den Mund zu nehmen kostete Überwindung, den Partner mitten im heissesten Liebesgeflüster nach dem «Gummi» zu fragen war nahezu undenkbar. Lieber liessen wir es darauf ankommen – und hatten Angst, immer wieder Angst. Viele von uns haben diese Verklemmtheit, diesen Leichtsinn oder wie immer man es nennen will, mit einer Abtreibung bezahlt. Viele haben sich erst hinterher getraut, nach der Pille zu verlangen.

Als sie dann aber da war, nahmen wir sie: hemmungslos und ohne uns um kirchliche Drohungen oder medizinische Bedenken zu kümmern. Hinterher ist nur noch schwer auszumachen, was zuerst war: das Angebot einer sicheren Verhütung oder der unbändige Drang nach Ausbruch aus Zwängen und Konventionen. Sicher ist, dass beides zusammenfiel und die Pille ganz wesentlich zur Emanzipationsbewegung der 68er Generation beitrug.

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Sexuelle Befreiung und politische Befreiung gingen Hand in Hand. Zentrale Anliegen wie die Infragestellung der traditionellen Familienstrukturen und das Ausprobieren neuer, offenerer Gesellschaftsformen liessen sich dank der Pille bedenkenlos in die Praxis umsetzen. Flotte Sprüche wie «Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment» oder «Mein Bauch gehört mir» wären ohne sie nicht denkbar gewesen. Dass vieles nur schöner Schein und manches gar Selbstbetrug war, übersahen wir geflissentlich. Oder konnten es nicht sehen, weil das Gefühl der Befreiung stärker als alles andere war.

Ich nahm mir, wozu ich Lust hatte

Wenn ich heute an diese ersten Jahre mit der Pille zurückdenke, spüre ich sie noch einmal, diese Sorglosigkeit, die der Liebe die Schwere, aber auch etwas von ihrer Verbindlichkeit nahm. Alles war möglich, nur der Augenblick zählte. Ich nahm mir, wozu ich Lust hatte, ohne an Konsequenzen zu denken. Im Gegensatz zu heute waren damals auch Geschlechtskrankheiten kaum ein Thema. Aids trat erst Jahre später in unser Bewusstsein und rief mit brutaler Deutlichkeit in Erinnerung, dass im Leben nichts umsonst zu haben ist. Im Nachhinein kommt mir die Zeit zwischen Mitte der sechziger und Mitte der achtziger Jahre wie ein Aufschub vor. Wir wähnten uns in einer Sicherheit, die sich als trügerisch erweisen sollte. Wir lebten in Widersprüchen, die wir nicht sehen wollten. Trotz epischen Diskussionen um neue Formen der Geschlechterbeziehung pflegten die meisten von uns weiterhin ihre «Zweierkisten» und träumten von der grossen Liebe. Das Fremdgehen wurde durch die Pille leicht gemacht, und es blieb folgenlos, wenn man von den Verletzungen absieht, die wir uns dabei gegenseitig zufügten.

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Zusammenleben wurde nicht einfacher

Doch trotz solch nachträglicher Skepsis sehe ich die Auswirkungen der Pille auf das Verhalten junger Frauen nach wie vor positiv. Neben der wirtschaftlichen Absicherung durch einen guten Beruf ist es die Gewissheit einer verlässlichen Verhütung, die es ihnen erlaubt, weitgehend selbst zu bestimmen, wie sie leben wollen. Sie haben gelernt, Lust und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Sie üben in der Regel das Zusammenleben, bevor sie eine Ehe eingehen. Sie überlassen das Kinderkriegen nicht länger dem Zufall. Und vor allem: Sie entscheiden selbst, ob sie den Vater ihres Kindes heiraten wollen oder nicht. Alleinerziehend zu sein mag Probleme mit sich bringen; eine Schande ist es längst keine mehr.

Gewiss, das Zusammenleben der Geschlechter ist dadurch nicht unbedingt einfacher geworden. Die nach wie vor hohen Scheidungsraten beweisen es. Aber vielleicht sind sie ja auch nur ein Zeichen dafür, dass die Bedingungen, unter denen man heute zusammenlebt, ein klein wenig ehrlicher geworden sind.

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Oder mache ich mir da etwas vor? Noch immer gibt es unerwünschte Schwangerschaften und Abtreibungen. Noch immer wird geheiratet, weil man muss. Noch immer ist Verhütung weitgehend Frauensache und der Vaterschaftsurlaub ein Angebot, das kaum genutzt wird. Gleichzeitig fehlt es nicht an Versuchen, die Anliegen der 68er Bewegung in Misskredit zu bringen, die Emanzipation rückgängig zu machen und den Frauen einzureden, sie seien für den heimischen Herd besser geeignet als fürs öffentliche Leben.

Alles nur der übliche Backlash, der immer erfolgt, wenn das Pendel ins Extreme ausgeschlagen hat? Oder auch Einsicht, dass es nicht ganz so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt hatten? Ich ertappe mich in letzter Zeit manchmal dabei, dass ich mich frage, was aus meinem Leben geworden wäre ohne die Pille. Hätte ich Kinder? Wäre ich noch immer mit dem Mann zusammen, der damals, in den sechziger Jahren, meine grosse Liebe war? Und wo stünde ich beruflich? Die Fragen sind müssig, ich weiss. Und doch stellen sie sich bisweilen ein, jetzt, da das Leben in seine letzten Runden geht.

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Eine leise Reue ist der Preis

Eins ist für mich allerdings klar: Ich möchte nicht, dass es anders gewesen wäre, und ich bin Carl Djerassi auf ewig dankbar, dass er durch seine Forschungen die Pille möglich gemacht hat. Sie war es, die mich aus biologischen Abhängigkeiten befreit und mir als Frau den Weg zu einem selbstbestimmten Leben geebnet hat. Es war allerdings auch die Pille, die mich manchmal leichtfertig machte und mich dazu verführte, Bindungen aufs Spiel zu setzen, die mir wichtig waren. Doch vermutlich war das eine ohne das andere nicht zu haben, und die leise Reue ist der Preis, der für die Wonnen der Freiheit zu entrichten war.