«Mama, wieso hat der Mann einen weissen Stock?» Das Mädchen in der Strassenbahn spricht laut. Die Mutter ist unangenehm berührt. «Schweig jetzt», flüstert sie und schaut weg.

Die Reaktion der Frau hat durchaus ehrbare Motive. «Man zeigt nicht mit Fingern auf ein Gebrechen», heisst das erzieherische Ziel. Und doch: Ihr Verhalten wirft vor allem ein Schlaglicht auf die eigene Hilflosigkeit.

Sie ist damit nicht allein. Der Respekt der Sehenden vor dem Schicksal blinder Menschen ist so gross, dass sie sich häufig von einem einzigen Grundsatz leiten lassen. Er lautet: Peinlichkeiten vermeiden. Nur wer blind ist, weiss, wie viel Peinlichkeit dieser Grundsatz erzeugt.

Szene zwei. Ein Blinder steht mit seiner sehenden Frau am Bankschalter. Er nennt den Betrag, den er abheben möchte, nimmt das Geld in Empfang. Dann aber richtet sich der Banker an seine Frau: «Kann Ihr Mann unterschreiben?»

Der Blinde ist der Zürcher Pfarrer Jürg Spielmann. «Ich habe mich sofort dazwischengeschaltet», erzählt er. Natürlich könne er unterschreiben, man brauche ihm nur zu sagen, wo.

Die Sehenden denken zu wenig
Der Beamte wollte taktvoll sein – und verletzte das Selbstgefühl des Blinden. «Solche Situationen sind klassisch. Sie kommen im Restaurant vor, beim Einkaufen, beim Reisen», sagt Spielmann. «Es hat etwas Demütigendes, nicht direkt angesprochen zu werden.»

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Wie hilflos ist ein sehbehinderter, ein blinder Mensch? Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Jedes Individuum geht anders mit seinem Schicksal um. Doch das vorherrschende Dunkel schafft Probleme. Sie sind Sehenden zu wenig bewusst.

Ein Gespräch unter «Normalen» ist begleitet von unzähligen gestischen Informationen: Wir nicken, unser Augenausdruck verändert sich, unsere Hände unterstreichen eine Behauptung. All diese Eindrücke bleiben Blinden verwehrt. Wenn sie sprechen, wissen sie grundsätzlich nicht, wie ihre Rede vom Gegenüber aufgenommen wird. Jürg Spielmann: «Das kann enorm verunsichern. Eine ausbleibende akustische Reaktion erweckt bei uns den Eindruck, der Gesprächspartner höre gar nicht zu.» Bestätigende Rückmeldungen («aha», «hmm») sind lebenswichtig; eine blinde Person braucht solche sehr viel häufiger. Besonders wichtig wird dies, wenn ein bestimmter Grundlärm vorhanden ist, etwa im fahrenden Zug.

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Ein Gespräch unter Sehenden beginnt normalerweise mit einem Blickkontakt: Ein solcher macht deutlich, an wen sich die Worte richten. Jürg Spielmann: «Es kommt immer wieder vor, dass ich am Gemüsemarkt oder bei der Post höre: "Sie sind dran!" Es ist dann nicht einfach zu merken, dass ich gemeint bin.» Das blosse Ansprechen genügt bei Blinden nicht. Eine Berührung an der Schulter ist erlaubt, sie kann Klarheit schaffen. Spielmann: «Es ist auch niemand beleidigt, wenn er hört: "Sie…, die Person mit dem Hund…" Orientierung ist ungemein wichtig.»

Nicht allen blinden Menschen fällt es leicht, Hilfe zu verlangen, wenn sie welche benötigen. Falls Unsicherheit entsteht, ist es nicht verboten, sich nach allfälligen Wünschen zu erkundigen.

Genaue Sprache ist wichtig
Wer einer blinden Person aus dem Mantel hilft oder ihr den Koffer abnimmt, sollte ihr genau beschreiben, wo diese Gegenstände sich jetzt befinden. Angaben wie «dort drüben» sind wenig wertvoll. Wenn Sie einen Blinden zur Sitzgelegenheit begleiten, führen Sie seine Hand zur Lehne des Stuhls mit der Bemerkung: «Dies ist Ihr Stuhl.» In der Broschüre des Schweizerischen Blindenverbands sind weitere praktische Hinweise enthalten.

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«Als Blinde kann man nicht gleich viel Menschen einordnen wie mit den Augen», sagt Nora S., 32 Jahre alt, seit Geburt blind. «Ein Tisch mit vielen Gästen verwirrt ungemein – die Person drei Sitze weiter wird kaum mehr verstanden. Uns entspricht eher das Gespräch in kleinen Gruppen.»

Die Verlegenheit der Sehenden
Wer blind ist, bewegt sich oft anders. Sehbehinderte fallen auf. Die Aufmerksamkeit unter den Sehenden ist unterschiedlich. Rolf W.: «Natürlich merke ich, wenn ich angeglotzt werde.» Es kommt vor, dass er ein lärmiges Restaurant betritt – und der Lärmpegel schlagartig sinkt. «Die Sehenden fragen sich wohl: "Soll ich helfen?" Aber niemand will sich vordrängen.» Ist es Sorge? Plumpe Neugier? Rolf W. weiss es nicht. Nur so viel: «Die Situation ist sehr unangenehm.»

Jürg Spielmann ist Mitinitiant eines Restaurants der anderen Art: In der «Blinden Kuh» in Zürich (siehe Erlebnisbericht) kann gegessen, getrunken, an der Bar gesessen und getratscht werden – mit dem Unterschied, dass es kein Licht gibt. Die Gäste können hier das Dunkel entdecken – und den Reichtum der vier verbleibenden Sinne. Sie können die sichere Führung der Servierenden schätzen lernen: Diese sind nämlich blind.

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Jürg Spielmann hat gelernt, sich mit dem «Nichts», der schwarzen Leere zu befreunden. Wie viele Blinde zieht auch er sich oft in sich selbst zurück: «Ohne Tagträume würde ich zerbrechen.» Und: «Was ich wahrnehme, erlebe ich als reich.» Lachend verweist der Pfarrer auf ein Bibelzitat,das für seinesgleichen ganz besonders gilt: «"Am Anfang war das Wort." Reden ist unser Lebenselixier.»

Links zum Thema finden Sie beim Schweizerischen Blindenverband