Monsieur Eicher kann sich mit seinem Rollstuhl nicht mehr der heiteren Runde anschliessen, die an diesem grauen Februartag um den Tisch sitzt und Ananas isst. Auch Madame Marti muss sich andere Gesellschaft suchen, um von den Lindenblüten aus ihrem Garten zu berichten, mit denen der dampfende Tee gemacht ist. Eicher und Marti sind pflegebedürftige Senioren aus Bévilard im Berner Jura. In den letzten anderthalb Jahren sind sie häufig ins «Foyer de jour» am Rand des Dorfs gekommen. Das hat ihren pflegenden Angehörigen für einen Tag jeweils etwas Luft verschafft.

Doch seit dem 26. Februar sind die Türen des Foyers, einer Art Tageshort für Betagte, verriegelt. Für immer. Und das lässt der Pflegefachfrau Ruth Cavallin in einer Mischung aus Wut und Wehmut immer noch die Augen wässrig werden. «Anfangs haben uns alle als Pionierinnen bezeichnet und unsere Professionalität als Pflegefachfrauen gelobt», sagt die Mitinitiantin des Projekts. «Aber um die konkrete Unterstützung hat man sich dann gedrückt.» Ein exemplarischer Fall.

«Idealistisch, aber wohl zu naiv»

Zusammen mit Antoinette Voirol, auch sie eine Profi-Pflegefachfrau, eröffnete Cavallin die privat geführte Tagesstätte im Oktober 2009. Mit ihrem Projekt erfüllten sie im Kleinen eine Forderung, die übergeordnet von Politik und Gesundheitsbranche wie ein Mantra erhoben wird: Um die Betreuung der pflegebedürftigen Betagten sicherzustellen, braucht es in der Schweiz eine breitere Palette von Angeboten, gerade auch solche zur Entlastung von pflegenden Angehörigen.

Angebote eben wie das «Foyer de jour», wo in einer ehemaligen Druckerei im Schnitt fünf bis sechs Pflegebedürftige tageweise betreut wurden – in familiärer Atmosphäre, so ganz anders als in der Maschinerie eines Heims. Eine erfolgversprechende Nische, davon ist Ruth Cavallin bis heute überzeugt. «Die Leute sind gern zu uns gekommen. Und ihre Angehörigen haben sie ohne schlechtes Gefühl bei uns abgegeben.» Die Tagesstätte war denn auch bald nach der Eröffnung gut ausgelastet.

Zu diesem Zeitpunkt sassen die beiden Initiantinnen, nach eigener Einschätzung «idealistisch, aber wohl zu naiv», bereits in einer Falle des selbständigen Unternehmertums. Auf Anraten der Betreiber einer ähnlichen Einrichtung in der Nähe hatten sich Cavallin und Voirol dazu entschlossen, das Foyer als GmbH zu führen. Diese Rechtsform bot Aussicht darauf, Kredite zu erhalten – doch sie sollte sich auf einer anderen Ebene als Bumerang erweisen.

Lauter Absagen und Belehrungen

So verweigerte der für gemeinnützige Zwecke geäufnete Lotteriefonds die erhoffte Subvention: kein Geld für private GmbHs. Dasselbe Argument bekamen die Frauen auch von den über 50 Stiftungen und Institutionen zu hören, die sie um einen Zustupf ersuchten. Und von den 14 angefragten Gemeinden in der Region spendete gerade mal eine 500 Franken. Statt mit einer Starthilfe stiegen die beiden Initiantinnen mit einem Schuldenberg von über 100'000 Franken ins Rennen. Das Geld für die Einrichtungen und den Umbau der Liegenschaft, in die sie sich eingemietet hatten, stammt aus privaten Darlehen.

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Der laufende Betrieb verstärkte das finanzielle Schlingern. Wohl konnte mit der kantonalen Gesundheitsdirektion ein Leistungsvertrag über 80 Franken pro Tag und betreuter Person vereinbart werden. Hingegen wollte Santésuisse, der Verband der Krankenversicherer, der unabhängigen Tagesstätte keine Konkordatsnummer zuteilen, mit der man pflegerische Leistungen über die Krankenkassen hätte abrechnen können. Dies aus reglementarischen Gründen: Das Foyer hätte sich erst einem Pflegeheim anschliessen oder eine Spitex-Organisation gründen müssen, um zu einer Registernummer zu kommen.

Damals war Cavallins Kampfgeist noch intakt. Die gebürtige Zürcherin, die im Jura hängengeblieben ist, schrieb während Monaten Briefe an lokale Politiker, an Regierungsräte, an kantonale Amtsstellen. Und sie schrieb Bundesrat Burkhalter: «Die Situation ist unerträglich und demoralisierend.» Zurück kam ein nüchternes Schreiben mit Belehrungen über die Rechtslage.

Erst nach nochmaligem Nachhaken machte Santésuisse im letzten September für das «Foyer de jour» eine Ausnahme und stellte doch noch eine Konkordatsnummer aus, rückwirkend auf Juli 2010. Die Leistungen der neun Betriebsmonate davor blieben so aber ungedeckt – ein Einnahmeausfall, der der Tagesstätte letztlich das Genick brach.

Jetzt, da sich Cavallin und Voirol eingestehen mussten, dass sie auf keinen grünen Zweig kommen würden, bleibt ihnen eine ernüchternde Bilanz: anderthalb Jahre Fulltime-Job ohne jeglichen Lohn, Zehntausende von Franken Schulden, gesundheitlich angeschlagen. Und total ernüchtert, weil ihr Idealismus bloss warme Worte fand, aber keine wirksame Rückendeckung.

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«Schliesslich sind wir keine Manager»

Wem machen sie einen Vorwurf? «Uns selber», sagt Cavallin, und jetzt blitzt etwas Schalk hinter ihrer Brille auf. Sie seien wohl zu blauäugig an die Sache herangegangen, «aber schliesslich sind wir Pflegerinnen, keine Manager». Enttäuscht ist sie aber auch von der Politik, deren «fehlender Weitsicht» und Zahnlosigkeit. «Man belässt es dabei, Probleme bloss zu erkennen, statt sie pragmatisch zu lösen», findet die 55-Jährige.

Immerhin: Inzwischen sind die Regularien den Realitäten in der Pflegelandschaft Schweiz ein Stück weit gefolgt. Wie Santésuisse mitteilt, können neu auch Tagesstätten für Betagte dem nationalen Spitex-Vertrag beitreten und erhalten so ohne Umschweife eine Konkordatsnummer für die Leistungsabrechnung. Für Ruth Cavallin und Antoinette Voirol kommt das ebenso zu spät wie für Monsieur Eicher und Madame Marti.