Die einzige Freizeit, die Marisa Wenk für sich beansprucht, ist ihre Flötenstunde. In dieser Zeit legt sich ihr Mann Hanspeter hin, und sie weiss, es kann nichts passieren. Sonst rennt die 64-Jährige stets der Zeit hinterher. Der Coop liegt nur fünf Gehminuten entfernt, trotzdem nimmt sie meistens das Auto zum Einkaufen: «Damit ich nicht unterwegs jemanden treffe und ins Reden komme.»

Marisa Wenk pflegt ihren Mann Hanspeter zu Hause. 1987 musste er wegen multipler Sklerose seine Arbeitsstelle aufgeben. Heute ist seine Frau rund um die Uhr für ihn da. Nur am Morgen zum Waschen und Anziehen kommt eine Hilfe von Pro Senectute. Am Nachmittag ist sie allein. Sie setzt ihren Mann wieder gerade hin, wenn er es verlangt, gibt ihm zu trinken, hilft ihm beim Essen, stützt ihn beim Einsteigen in den Rollstuhl, bringt ihn ins Bad und schliesslich ins Bett. Am Abend schafft sie es gerade noch, die Schlagzeilen in der Zeitung zu lesen.

Das Thema wird oft totgeschwiegen
Über 250'000 Menschen werden in der Schweiz von Angehörigen daheim gepflegt, was ökonomisch gesehen einem Arbeitswert von zehn bis zwölf Milliarden Franken entspricht. Bald, so schätzt der Soziologe François Höpflinger, werden es mehr als doppelt so viele Personen sein.

Trotz diesen überwältigenden Zahlen ist die Angehörigenpflege immer noch ein gesellschaftliches Tabu. «In unserer Gesellschaft gelten die Werte Jugend und Unabhängigkeit. Die Pflege von jemandem, der abhängig ist und vielleicht sterben wird, steht wie eine Antithese zu dieser Kultur», sagt Annemarie Kesselring, Professorin am Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Basel. Niemand wolle über diese Schattenseiten reden.

Überfordert, erschöpft und leer
Auch bezahlen will niemand dafür. Die Krankenkasse von Hanspeter Wenk war nicht einmal bereit, zwei Stunden Hauspflege pro Tag zu übernehmen. Die Tarife im Pflegeheim würden sie billiger zu stehen kommen, so die Versicherung. Erst als Marisa Wenk mit dem Versicherungsgericht drohte, lenkte die Kasse ein. «Dabei sollten die Krankenkassen auch für die pflegende Person Sorge tragen, damit diese nicht ausbrennt», plädiert Kesselring. Denn diese Gefahr ist sehr gross. 30 Prozent aller pflegenden Angehörigen fühlen sich überfordert, erschöpft und leer, wie die Recherchen für einen soeben erschienenen Beobachter-Ratgeber von Monika Brechbühler ergaben.

Meist sind es Frauen, die ihre Väter, Mütter oder Ehepartner pflegen. «Oft haben diese Frauen keine wirkliche Wahl, weil die Ärzte und das Personal in den Kliniken – anders als bei Männern – einen subtilen Druck auf sie ausüben», erklärt Buchautorin Monika Brechbühler. Wenigstens müsste mit den angehenden Pflegepersonen jeder Griff eingeübt werden. Oft hätten die Angehörigen auch grosse Angst: Was ist, wenn der Patient zusammenbricht? «Diese Angst müsste aufgefangen werden», so Brechbühler, «aber dafür hat in den Kliniken niemand Zeit.»

Manchmal kochen Aggressionen hoch
Marisa Wenk hatte immerhin den Vorteil, dass sie bei der Krankheit ihres Mannes Schritt für Schritt in die Pflege hineinwachsen konnte. Trotzdem merkt sie nun, dass ihre «Batterien» beinahe erschöpft sind. «Man sieht halt oft den Ausweg nicht. Man möchte ausbrechen, aber man weiss, es geht nicht.» Marisa Wenk kennt Momente, in denen Aggressionen in ihr hochkochen. Dann ist es gut, ein Ventil zu haben. «Ich hadere nie mit meinem Mann», betont sie, «aber oft mit dem Herrgott.» Wenn sie diesen Draht zum Himmel und damit die Möglichkeit zum Abladen nicht hätte, sagt sie, würde sie sich die Pflege schwierig vorstellen.

Bald wird Marisa Wenk zusammen mit anderen Betroffenen aus der Paraplegikervereinigung für eine Woche nach Lourdes in Frankreich reisen. Schon einmal verbrachte sie dort Ferien und spürte, wie ihr diese Reise wieder neue innere Kraft gab. Ihr Mann wird unterdessen drei Wochen zur Rehabilitation in Nottwil verbringen. Auf diese drei Wochen Entlastung und Auftanken freut sich Marisa Wenk, «aber mehr wäre nicht gut», ist sie überzeugt. Einmal war Hanspeter Wenk acht Wochen lang fort. «Da merkte ich erst richtig, wie müde ich bin.»

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