Wegen starker Rückenprobleme wollte ich meinen grossen Busen verkleinern lassen. Mein Körper und ich mochten ihn nicht mehr. Eine so genannte Schönheits-Verkleinerungsoperation sollte es werden. Ich holte zwei ärztliche Meinungen ein. Im Gegensatz zur Schweizer Chirurgin verlangte der Plastiker in den USA vorrangig eine frische Mammografie. Okay, der New Yorker Arzt schien mir ohnehin vertrauenswürdiger. Der Operationstermin war vereinbart, das Ticket nach Amerika hatte ich in der Tasche. Doch der Befund der Mammografie war unklar, und mit einem ungewissen Resultat wollte ich nicht in die Staaten reisen. Weitere Tests folgten. Es eilte.

Die Ergebnisse wurden per Fax an meine Frauenärztin geschickt, als ich zufällig in ihrer Praxis sass. Sie hatte mir nie eine Mammografie verordnet, obwohl ich in Bezug auf Alter, grossen Busen und familiäre Veranlagung zur Risikogruppe gehörte. Sie las all die medizinischen Fachausdrücke ohne jede Regung. Ich beobachtete sie gespannt. «Nicht so gut», war ihr einziger Kommentar zum Schlusssatz: «Grösste Wahrscheinlichkeit auf Brustkrebs.» Ich starrte sie ungläubig an. Das darf doch nicht wahr sein! Ich fühlte mich gut und fit – pudelwohl. Meine Ärztin vermittelte mir den Eindruck, da werde aus einer Maus ein Elefant gemacht. Ohne tröstende Worte, Beratung oder eine weitere Abklärung liess sie mich mit dem schrecklichen Befund im Regen stehen.

«Ich wählte die Radikallösung»
Auch mein Hausarzt erhielt den Bericht. Umgehend nahm er sich Zeit für mich, diskutierte mit mir und telefonierte, damit ich gleich einen seriösen Gynäkologen bekomme. Noch war ich nicht sonderlich verängstigt; «grösste Wahrscheinlichkeit» lässt immer noch ein klein wenig Hoffnung. Bereits am nächsten Tag bekam ich einen Termin beim Gynäkologen. Subtil klärte er mich über das weitere Vorgehen auf. Drei Möglichkeiten standen offen: Biopsie ohne Operation, Gewebeentnahme mit Narkose oder eine Operation mit Biopsie-Schnellschnittresultat. Ich entschied mich für die zweite Variante. Die Warterei auf den Befund war nervenaufreibend. Fünf Tage später hiess es medizinisch eindeutig: lobuläres, invasives Karzinom – das ist ein aggressiver Krebs.

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Der Schock war gross: Brustkrebs bringt eine 50-prozentige Todesrate mit sich. Eine bessere Chance gab ich mir, weil ich schon älter bin und die Zellen langsamer wachsen. Mein Arzt erklärte mir, dass die Brust auf jeden Fall entfernt werden müsse. Amputation – grässlich. Weil es sich aber um einen sehr aggressiven Krebs handelte, entschied ich mich spontan für eine beidseitige Amputation. Ich wollte nicht mit einem einseitig grossen Busen herumlaufen und halbjährlich vor dem neuen Mammografieresultat Angst haben. Psychisch viel zu belastend. Ich fand, die sauberste Lösung sei Totalamputation. Einen Brustaufbau zog ich nie in Betracht. Schönheitsoperationen an einem gesunden Körper finde ich in Ordnung, aber nicht an einem kranken.

Die meisten Ärzte klären einen über die Möglichkeit einer solchen Radikallösung nicht auf. Wollen sie nicht? Oder können sie sich so wenig einfühlen? Sie raten zur einseitigen Operation, zum Wiederaufbau der kranken Brust oder streben eine brusterhaltende Operation an. Dass danach eine Bestrahlungstherapie folgt mit nicht vorhersehbaren Risiken, wird nicht erwähnt. Ebenso wenig werden die Gefahren einer Brustrekonstruktion offen auf den Tisch gelegt. Mein Arzt war anders. Er informierte mich, überliess den Entscheid aber mir. Und er gab mir Zeit. Ich nutzte diese Zeit zum Nachdenken. Meine Tochter begleitete mich zu allen Terminen. «Vier Ohren hören mehr als zwei», sagte sie. Damit hatte sie vollkommen Recht. Es ist erwiesen, dass viele Patienten unter dem Schock einer Diagnose die Behandlungsmethoden nur halbwegs erfassen. Sie werden überrumpelt, und die Ärzte haben ein leichtes Spiel.

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«Nur meine Nippel fehlten mir»
Nach der Krebsoperation, am dritten Tag im Spital, hatte ich meinen Laptop auf den Knien. Schon immer wollte ich über meine Familie schreiben: über die Ermordung meiner Eltern und meiner Verwandtschaft in Auschwitz, meine Kindheit in Berlin und das Aufwachsen in einem Schweizer Kinderheim. Ich hätte das Schreiben sicher noch lange vor mich hergeschoben, doch plötzlich wusste ich: «Vera, du hast nicht mehr viel Zeit, du musst jetzt schreiben.» Und es war gut so.

Ich katapultierte mich in meine Kindheit, puzzelte meine Erinnerungen zusammen, lebte in der Vergangenheit. Die Gegenwart beschäftigte mich nur am Rand. Manchmal freute ich mich richtig, wenn die Besucher wieder weg waren, damit ich weiterschreiben konnte. Zum Beispiel dies: «Von Tag zu Tag ging es mir besser. Ich wagte den Blick in den Spiegel: Der grosse Busen war weg, alles flach – flach. Eigentlich nicht schlecht, das Matronenhafte war auch weg, wenn nur die Nippel noch dagewesen wären. Die fehlten mir. Meinem Mann, der nie ein Busenfetischist war, gefiel mein neues Aussehen, er mochte mich auch so. Damit gab er mir mein weibliches Selbstvertrauen zurück.»*

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Mein Arzt erzählte mir irgendetwas von «künstliche Brustwarzen annähen» und «Erneuerung des Mammahofs durch Tätowierung». Ich hörte nur das Wort «tätowieren». In meinem Kopf liefen visuelle Dinge ab. Ich sah geometrische Bilder, wie ich sie als Künstlerin entworfen hatte. Formen, Tiere? Nein! Plötzlich kam ich auf Blumen. Blaue Blumen. Ich dachte an Andy Warhols vierblättrige Blütenbilder. Die inspirierten mich. Etwas Liebliches sollte es sein nach meiner seelischen Verletzung.

Per Zufall traf ich in Berlin-Mitte, wo ich geboren wurde, eine junge Tätowiererin, die sich für meine Blumenskizze begeisterte. Sie malte das Muster mit Farbstiften auf meine nicht mehr vorhandene Brust und überdeckte gekonnt die Narben. Stolz zeigte ich das Kunstwerk zu Hause, es gefiel. So entschloss ich mich ein halbes Jahr nach der Amputation definitiv für das Tattoo. Im Nachhinein würde ich Betroffenen raten, mindestens ein Jahr zu warten. Es schmerzt dann weniger, wenn man sich über den Narben tätowieren lassen muss.

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Mein Arzt war hell begeistert, als er das Tattoo sah. Das müsse ich zeigen – um anderen Frauen Mut zu machen. Es ist eine ästhetische Möglichkeit, um mit einer Totalamputation der Brüste fertig zu werden. Doch vor allem machte ich das für mich – für mein Wohlbefinden. Die Blüten ersetzen die Nippel, ich mag mich wieder im Spiegel anschauen. Ich fühle mich heute gut; ich brauchte keine Chemotherapie, keine Bestrahlungen. Zeitweise kommt das Wissen. Wie lange werde ich noch gesund leben können? Sechs, acht, zwölf Jahre? Entwickeln sich Metastasen? Wer weiss: Vielleicht habe ich Glück.

* aus der Autobiografie «Auch ich» von Vera Isler-Leiner. Edition 0st, Berlin 2000