Als mein Bruder und ich zusammen ins Universitätsspital Zürich einrückten, war unser Wunsch, ein Zimmer zu teilen. Aber das ging nicht. Mein Bruder kam auf eine Abteilung für Transplantierte, und ich lag einen Stock tiefer auf der Abteilung für innere Medizin. Abends wurden wir von den Ärzten informiert und am nächsten Tag kurz hintereinander operiert. Meine Niere ist jetzt seine. Ich habe sie ihm geschenkt.

In den Jahren zuvor hatten wir kaum Kontakt. Eine Auseinandersetzung hatte zu einer Entfremdung geführt. Im Januar 2007 hörte ich dann über meine Mutter, dass die Nieren meines drei Jahre jüngeren Bruders von einem Tag auf den anderen aufgehört hatten zu funktionieren. Er war geschwächt, durfte nur noch in kleinen Mengen und sehr kontrolliert Flüssigkeit zu sich nehmen und musste dreimal in der Woche zur Blutwäsche. Da kam mir ganz spontan der Gedanke, ihm eine meiner Nieren zu spenden. Ich recherchierte im Internet, erkundigte mich, was so ein Eingriff bedeutet, ob ich als Spenderin Medikamente nehmen müsste und wo die Risiken lagen. Ich wollte absolute Sicherheit. Doch eigentlich dachte ich immer: Das kommt gut, das wird auf jeden Fall funktionieren!

In einer SMS teilte ich meinem Bruder meinen Beschluss mit. Er rief mich an, und wir trafen uns. Zuerst sprachen wir über die Meinungsverschiedenheit, die uns entzweit hatte. Sie war schnell vom Tisch. Danach ging es meinem Bruder vor allem um eine Frage: Er wollte wissen, ob er mir nach der Transplantation nichts schulde. Er wollte keine Abhängigkeit und mir nicht sein Leben lang dankbar sein müssen. Ich versicherte ihm, dass meine Idee von Herzen komme und er sich nicht sorgen solle.

Dann herrschte zwischen uns ein halbes Jahr Funkstille. Ich fragte nie warum. Offenbar brauchte es diese Zeit. Sechs Monate später fragte mein Bruder per SMS nach, ob mein Angebot noch stehe.

Nun begannen die Untersuchungen, um herauszufinden, ob so eine Organentnahme überhaupt möglich war. Wir wurden beide total durchleuchtet. Es fing an mit Blutentnahmen. Und startete gleich gut. Wir haben beide Blutgruppe AB; das war grosses Glück, denn diese Gruppe kommt am seltensten vor. Ich hatte jedes Mal riesige Freude, wenn ein Test wieder positiv herauskam. Alles wurde untersucht, etwa die Lunge oder die Haut; viele Messungen wurden durchgeführt, beispielsweise eine Magnetresonanztomographie. Den Gedanken, dass etwas schiefgehen könnte, erlaubte ich mir erst gar nicht. Wenn jemand von Risiken sprach, ging das bei mir zum einen Ohr rein und beim anderen wieder raus. Neben meiner positiven Einstellung half mir vor allem Reiki, das ich auch beruflich ausübe. Bei dieser Therapieform zur Behandlung von Körper und Seele handelt es sich um Energiearbeit, die entweder direkt durch Auflegen der Hände oder durch mentale Arbeit ausgeübt wird.

Am 31. Januar 2008 wurden wir operiert. Mein Eingriff dauerte etwa zwei Stunden. Durch eine Öffnung, die so gross wie ein Kaiserschnitt ist, nahmen die Ärzte die Niere von der Bauchseite her heraus. Sie wog etwa 140 Gramm: so ein leichtes Organ mit einer so wichtigen Aufgabe! Auf der Aufwachstation wollte ich sofort wissen, wie es meinem Bruder gehe. Die transplantierte Niere funktionierte vom ersten Moment an. Am nächsten Nachmittag gingen wir schon im Gang spazieren, jeder gestützt auf seinen Infusionsständer. Wir waren beide quicklebendig und hatten kaum Schmerzen. Da man automatisch die Narbe schützt, sassen wir anfangs zwar noch etwas gekrümmt auf unseren Stühlen im Café, doch auch das wurde schnell besser.

Nach fünf Tagen konnte ich das Spital verlassen. Drei Tage später gab es bei meinem Bruder einen Rückfall – den einzigen bisher. Einige seiner Werte stimmten nicht. Da hatte er dann plötzlich eine seelische Krise. Das wurde aus der SMS klar, die er mir aus dem Spital schickte. Zuerst machte ich von zu Hause aus Reiki für ihn. Ich wollte nur das Beste. Dann besuchte ich meinen Bruder im Spital und fragte vorsichtig, ob ich auch in seiner Anwesenheit Reiki machen könne. In den letzten Jahren hatte er zu dem Thema eine skeptische Haltung. Aber an dem Tag liess er es einfach geschehen. Wir sprachen kaum, waren aber beide ganz da. Und ich glaube, es war beiden wohl. Die Werte besserten schnell. Nach 14 Tagen konnte mein Bruder das Spital verlassen. Seither geht es ihm sehr gut; er ist wieder zu 100 Prozent arbeitsfähig.

Die letzten zwei Jahre haben mich gelehrt, persönliche Zweifel zur Seite zu schieben. Ich habe die Stärke und Kraft erfahren, dass man Dinge einfach in Angriff nehmen sollte und dass nichts unmöglich ist. Und ich habe gelernt loszulassen. Heute kann ich meinen Bruder so nehmen, wie er ist. Ich beharre nicht mehr auf meinem Standpunkt, muss nicht mehr alles bestimmen. Wir haben heute ein sehr schönes Verhältnis, mal ein Telefon, mal eine SMS, mal ein Besuch.

Die Transplantation ist zwischen uns längst kein Thema mehr. Wenn ich mich selbst behandle, lege ich mir meine Hände auf die Stellen links und rechts, wo einst beide Nieren waren, und denke dabei: Auch wenn meine Ex-Niere jetzt nicht mehr da ist, tut ihr das sicher gut. Ebenso war es wichtig, mich vor der Operation von ihr zu verabschieden. Das tat ich, indem ich ihr dankte, dass sie mir immer so gut geschaut hat – mit dem Wunsch, dass sie ab jetzt gut für meinen Bruder sorge.