Eine (fast) alltägliche Geschichte: Vor einigen Jahren übergab das Ehepaar Hauser (Name geändert) aus Altersgründen dem Sohn den Bauernhof. Die Eltern einigten sich mit ihm auf ein lebenslanges Wohnrecht und lebten auf dem Hof in einer kleinen Wohnung. Eines Tages starb der Vater. Mutter und Sohn wohnten weiterhin friedlich zusammen.

Dann heiratete der Sohn – und alles wurde anders. Die Schwiegertochter machte der alten Frau das Leben zur Qual: Dreimal wurde sie von ihr spitalreif geschlagen. Nach der dritten Einlieferung ins Krankenhaus wollte sie nicht mehr nach Hause zurück. Heute lebt sie im Altersheim. Ihr Sohn hat ihr Hausverbot erteilt und steht zu seiner Frau – trotz den offensichtlichen Misshandlungen.

Rund sechs Prozent aller Betagten – das sind etwa 65'000 Menschen – werden in der Schweiz physisch oder psychisch misshandelt. Drei Viertel der Täter sind Familienmitglieder, Verwandte oder Bekannte, der Rest externe Betreuungspersonen.

Mit der Pflege überfordert
«Viele Misshandlungen – gerade innerhalb der Familie – haben ihre Wurzeln in alten Geschichten, die nie ausgesprochen wurden», so Vérène Zimmermann, Geschäftsleiterin der Beschwerdestelle für das Alter Zürich/Schaffhausen. «An Liebe fehlt es meistens nicht, aber an Vertrauen und Achtung.» Zudem seien die Angehörigen mit der Pflege oft völlig überfordert.

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Lange wurde die Problematik verschwiegen; erst langsam kommt sie an die Öffentlichkeit. «Es hat ja auch rund 20 Jahre gedauert, bis das Thema Kindsmisshandlung publik wurde», sagt Anja Bremi-Forrer, ehemalige Krankenschwester und Präsidentin der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter.

Die Betroffenen haben Angst
Vor fünf Jahren wurde die Anlaufstelle gegründet. Eine ehrenamtliche Fachkommission – bestehend aus ehemaligen Richtern, Anwälten, Finanzexperten, Ärzten, Krankenschwestern, Sozialexperten und Heimleitern – setzt sich seither unentgeltlich für die Betagten ein. Vergangenes Jahr wurden 130 Beschwerden bearbeitet, Tendenz steigend. «Man kennt uns langsam», sagt Bremi-Forrer.

Unter der Federführung von Pro Senectute haben sich mittlerweile auch in der Westschweiz verschiedene Institutionen zusammengetan, um der Misshandlung älterer Menschen im familiären Umfeld entgegenzuwirken: Alter Ego, die Schweizerische Vereinigung gegen Misshandlung im Alter, kämpft gegen jegliche Form von Gewalt, Missbrauch und Verwahrlosung älterer Menschen. «Wir wollen alle Leute, die sich um alte Menschen kümmern, an einen Tisch bringen», sagt die Geriatrieärztin Maya Olmari-Ebbing. Geplant sind kantonale Stützpunkte, die gezielt Hilfe vermitteln können. Zudem sollen Weiterbildungskurse für Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal und Juristen organisiert werden. «Alle müssen denselben Wissensstand haben», sagt Olmari-Ebbing.

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Viele alte Menschen nehmen die Misshandlung hin, weil sie keinen Ausweg aus ihrer fatalen Situation sehen oder weil sie Angst haben, in ein Heim gesteckt zu werden. «Sie geben sich ihrem Schicksal hin und hoffen auf den Tod», sagt Angeline Fankhauser, Alt-SP-Nationalrätin und Vizepräsidentin von Alter Ego. Hingegen würden Personen, die Misshandlungen in ihrem Umfeld vermuten, oft die Augen davor verschliessen – sie fürchten, einen Konflikt zu provozieren, die Schweigepflicht zu verletzen oder den Job zu verlieren.

«Die Misshandlungen bei zu Hause lebenden Betagten verschulden in drei Vierteln der Fälle die Ehepartner und zu einem Viertel die Kinder», sagt der Zürcher Stadtarzt und Gerontologe Albert Wettstein. Eine Lösung zu finden ist oft schwierig, denn häufig bestehen zwischen Tätern und Opfern emotionale oder finanzielle Abhängigkeiten.

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Laut Albert Wettstein gibt es verschiedene Indizien für die Misshandlung von Betagten:

  • hinausgezögerte Arztbesuche;

  • vage oder unwahrscheinliche Erklärungen für die Verletzungen;

  • unerwartete Verschlimmerung einer chronischen Krankheit;

  • Demenzkranke, die allein den Arzt oder die Notfallstation aufsuchen.

Eine besonders perfide Form von Gewalt ist die finanzielle Ausbeutung. Bertha Kofmehl (Name geändert) bekam regelmässig Besuch von ihrem Enkel. Er plauderte jeweils mit ihr und erledigte seine Hausaufgaben an ihrem Computer. Ende Monat bekam Oma Kofmehl eine Telefonrechnung der Swisscom von 7000 Franken. Die alte Frau konnte sich die hohe Summe nicht erklären. Kein Wunder, denn ihr Enkel hatte ihr Vertrauen massiv missbraucht: Stundenlang hatte er sich im Internet auf einschlägigen Seiten getummelt und so die hohe Rechnung verursacht.

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«Der Respekt alten Menschen gegenüber nimmt kontinuierlich ab», warnt Fankhauser. Die Altenfeindlichkeit äussere sich in Schlagworten wie «Überalterung» und «Vergreisung», die zunehmend Verwendung fänden. Zudem gehe es auch ums Geld. «Behörden und Krankenkassen beklagen sich über die Kosten, die eine wachsende Anzahl alter Menschen verursachen. Ihr Geld jedoch, das will jeder.»