Schon an der Haustür hatte Eva Karbach (Name geändert) ein ungutes Gefühl. Ihre Mutter meinte, sie müsse nur noch schnell den Koffer fertig packen – doch sie kam und kam nicht zurück. Als die Tochter nachschaute, hatte die 87-Jährige sämtliche Kleidungsstücke im Schlafzimmer verstreut und wusste nicht mehr weiter. Eva Karbach hatte nicht gewusst, wie schlecht es ihrer Mutter ging: Ihre beiden Schwestern, die im gleichen Dorf leben wie die Mutter, hatten sie nicht informiert. Sie fanden einfach, Eva solle jetzt auch einmal etwas für die Mutter tun, und schickten sie quasi mit ihr in die Ferien. Nachdem der Koffer mit Ach und Krach gepackt und die Autoreise überstanden war, sassen die beiden endlich in der Ferienwohnung im schönen Berner Oberland. Doch die alte Frau getraute sich kaum aus dem Zimmer, weil sie sich in der fremden Umgebung so unsicher fühlte.

Auf «Mödeli» Rücksicht nehmen
Solche Ferien sind für alle Beteiligten ein Alptraum. «Häufig wollen alte Menschen nicht mehr unbedingt von zu Hause weg», sagt Bettina Ugolini von der Beratungsstelle Leben im Alter (LiA) in Zürich. «Nur können sie vielleicht nicht Nein sagen, wenn ihre Kinder ihnen etwas zuliebe tun wollen.» Darum sollte zuerst genau und ehrlich abgeklärt werden, auf wessen Wunsch der gemeinsame Urlaub überhaupt beruht.

Manchmal geht es aber auch nur um Hemmungen, die mit etwas Unterstützung abgebaut werden können. Alte Menschen haben oft ihre «Mödeli» und Rituale und brauchen die Versicherung: «Du kannst es machen wie zu Hause, das kommt schon gut.» Die Pflegeexpertin Dorothée Kipfer, die für die Pro Senectute Luzern und Aargau regelmässig Ferienwochen für Demenzpatienten organisiert, weiss: «Besonders gross ist die Hemmschwelle, wenn jemand unter Inkontinenz- oder Durchfallproblemen leidet.» Da sollte ein WC stets in der Nähe sein, und zwar eines, in dem man sich sicher fühlt.

Die Infrastruktur ist generell sehr wichtig: ein Bett, das sich an die Wand schieben lässt wie zu Hause; eine medizinische Versorgung, die im Notfall nicht erst hinter sieben Bergen erreichbar ist; Hotelpersonal, das den Umgang mit alten Menschen gewohnt ist, die Gänge beim Essen gemächlich serviert und bei Auskünften langsam spricht – all dies trägt zum Wohlgefühl von betagten Menschen bei.

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Geschichten von früher
Psychologin Bettina Ugolini empfiehlt für die Ferien zudem einen Ort, an dem der oder die Angehörige schon einmal war. Das stelle ein Gefühl von Heimat und vielleicht auch Gemeinsamkeit her: Es ermöglicht dem Betagten, Geschichten von früher zu erzählen. «Gerade Menschen, die sonst nicht mehr so wortgewandt sind, erleben sich dadurch als zugehörig.»

Jrene Poisel aus Uitikon ZH hat eine solche Reise mit ihrer 80-jährigen, an Alzheimer erkrankten Mutter unternommen: Zusammen besuchten sie im Wallis den Heimatort der Mutter, wo diese aufgewachsen war. Jrene Poisel wollte dabei feststellen, wie gut sich ihre Mutter noch erinnern kann. «Aber auch für mich war es wichtig, diese Orte einmal zu sehen», ergänzt sie.

Wer ein befriedigendes Ferienerlebnis wünscht, sollte schon im Voraus besprechen, wie die gemeinsame Zeit gestaltet werden soll. Wollen die beiden Generationen 24 Stunden miteinander verbringen? Oder sich nur zu den Mahlzeiten treffen, ansonsten jedoch für sich allein etwas unternehmen? Wenn man diese Fragen erst an Ort und Stelle auf sich zukommen lässt, baue zu vieles auf blossen Vermutungen auf, und niemand habe etwas für sich selber gemacht, findet Altersexpertin Bettina Ugolini. «Man hat immer nur Rücksicht genommen und kommt schliesslich frustriert aus den Ferien zurück.» Auch einem gebrechlichen Angehörigen könne es zugemutet werden, einmal einen Nachmittag mit Lesen zu verbringen, während man selber wandern geht.

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Bitte keine Überraschungen
«Man darf nicht zu viel voneinander erwarten», sagt etwa der 90-jährige Hans Pfister aus Hombrechtikon ZH. Ihm war stets klar, dass seine Tochter in den Ferien auch Freizeit für sich brauchte, obwohl er in dieser Zeit in der Pension und deren Nachbarschaft bleiben musste. Und bitte möglichst wenig Überraschungen: Ausflüge und Aktivitäten plant man am besten schon zwei Tage im Voraus, damit sich die ältere Person darauf einstellen und mit Fragen mögliche Bedenken abbauen kann, so die Erfahrung der Ferienbegleiterin Dorothée Kipfer.

Wer den Vater oder die Mutter intensiv betreuen muss, läuft leicht Gefahr, die eigene Rolle als «Kind» aus den Augen zu verlieren. Plötzlich fängt man selber an, den Angehörigen zu bevormunden und Verantwortung für alles zu übernehmen. Gegenüber einer solchen Rollenumkehr sei grosse Vorsicht angebracht, erklärt Bettina Ugolini. «Auch ein pflegebedürftiger Mensch bleibt eine eigenständige, gleichberechtigte Person.»