Als Vreni Nettgens-Bühler die Schlussabrechnung des Alters- und Pflegeheims Pelikan in Weesen SG genau studiert, versteht sie die Welt nicht mehr. «Pflegeleistungen: 5 Tage» steht dort, pro Tag seien 150 Franken zu bezahlen, total 750 Franken. Nur: Diese fünf Tage wurden ab dem Todesdatum ihrer Mutter berechnet – für eine Zeit also, in der die Verstorbene überhaupt keine Dienste mehr in Anspruch hat nehmen können.

In der ersten Phase der Trauer war der merkwürdige Pflegeposten untergegangen. Vreni Nettgens’ Schwester bezahlte die Rechnung, ohne nachzufragen. Einige Monate später jedoch wollte es Vreni Nettgens genauer wissen: In einem Brief an den Gemeinderat beschwerte sie sich und kritisierte, es widerspreche dem Obligationenrecht (OR), Pflegekosten für eine verstorbene Person zu verlangen. Im Unterschied zur Zimmermiete, die durch das Mietrecht geregelt sei, handle es sich schliesslich bei der Pflege um einen Auftrag. «Der Auftrag erlischt laut OR automatisch nach dem Todestag», stellte Nettgens klar. «Somit sind die 750 Franken zu Unrecht erhoben worden.»

Gemeindepräsident Mario Fedi verwies in seiner Antwort auf die Taxordnung, in der unter dem Paragrafen «Rückerstattung bei Abwesenheit» die fünftägige Frist aufgeführt ist. Mit anderen Worten: Ein Todesfall gilt im «Pelikan» als «Abwesenheit» – eine wenig einfühlsame Klausel. Das OR finde nur Anwendung, wenn nichts anderes vereinbart worden sei. Hier aber gelte: «Mit dem unterschriebenen Vertrag ist das Pflegeverhältnis über den Tod hinaus verlängert worden.» Nach dem Ableben eines Patienten werde ein Teil der bestellten Leistung zwar nicht mehr benötigt, die Löhne des Personals müssten aber trotzdem bezahlt werden. «Dieses Beschäftigungsrisiko wird zum Teil auch auf die Bewohner abgewälzt», so Fedi.

Der Fall zeigt: Der Kostendruck in der Altenbetreuung wächst. Die Krankenkassen sind immer weniger bereit, alle Leistungen zu vergüten. Dies obwohl sie gemäss Krankenversicherungsgesetz die Grundbetreuung im Pflegeheim abdecken müssten. Die Folge: Die rund 80'000 Insassen der 1500 schweizerischen Pflegeheime müssen rund die Hälfte der Kosten selber tragen; im Jahr 2002 waren das 2,8 Milliarden Franken.

Der reinste Wildwuchs
Das Problem dabei: Je nach Heim und Kanton sind höchst unterschiedliche Kostenmodelle im Einsatz. In gewissen Fällen übernehmen die Gemeinden die von den Kassen nicht gedeckten Kosten, in anderen Fällen müssen sie Patienten und Angehörige selber zahlen – der reinste Wildwuchs. Weil Bund und Kantone das Problem wie eine heisse Kartoffel hin und her schieben, werden die Heime immer «kreativer», um zu ihrem Geld zu kommen. Insbesondere erheben sie Pauschalen für alles Mögliche und Unmögliche: etwa für Verwaltung, Hausdienst, Sonderpflege – und eben auch Pauschalen bei Todesfall. «Eine höchst unbefriedigende Situation», findet Erika Ziltener von der Patientenstelle Zürich. Eine Pflegepauschale von fünf Tagen bei Todesfall zum Beispiel sei «ungeheuerlich»: «In der Regel kann ein freies Zimmer ja schon am folgenden Tag wieder belegt werden.»

In letzter Zeit hat die Patientenstelle deutlich mehr Anfragen wegen intransparenter Pflegerechnungen erhalten. «Die Willkür bei der Abrechnung stellt ein grosses Problem dar», meint Ziltener. Entsprechend fordert die SP-Kantonsrätin vom Zürcher Regierungsrat, bei den Heimrechnungen endlich Transparenz zu schaffen. Die Antwort steht noch aus.

Für Vreni Nettgens ist heute schon klar: «Es ging mir ja nicht nur ums Geld, sondern vor allem darum, wie ein Heim bei einem Todesfall vorgeht. Die Art und Weise finde ich einfach nicht in Ordnung.»

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